23.11.2023
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İbrahim Arslan, Überlebender des rassistischen Brandanschlags vom 23. November 1992 in Mölln. Foto: Jonas Bickmann / PRO ASYL

İbrahim Arslan ist Überlebender des rassistischen Brandanschlags am 23. November 1992 in Mölln. Im Interview erläutert er, warum es gesamtgesellschaftlich wichtig ist, von der Täterperspektive wegzukommen und stattdessen die Perspektive der Überlebenden und Hinterbliebenen rechter Gewalt in den Mittelpunkt zu rücken.

İbrah­im, du enga­gierst dich seit vie­len Jah­ren zusam­men mit ande­ren Betrof­fe­nen für das Empower­ment von Opfern ras­sis­ti­scher und rech­ter Gewalt. Die­ses Jahr hast du den Men­schen­rechts­preis von PRO ASYL bekom­men. Wie war das für dich? 

Es ist gut, dass jetzt eine Ver­net­zung mit uns als Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on beginnt, die es in den ver­gan­ge­nen Jah­ren so noch nicht gab. Und dass die­se Ver­net­zung von Betrof­fe­nen Beach­tung fin­det, das ist ein wich­ti­ges Zei­chen. Der Preis ist natür­lich auch eine Bestä­ti­gung für unse­re Arbeit. Wir wol­len nicht als Sta­tis­ten behan­delt wer­den, son­dern unse­re Per­spek­ti­ve ist ent­schei­dend für die Arbeit. Des­halb sind wir für den »Ver­band der Bera­tungs­stel­len für Betrof­fe­ne rech­ter, ras­sis­ti­scher und anti­se­mi­ti­scher Gewalt« (VBRG e.V.) und für ande­re Bera­ten­de wich­ti­ge Exper­ten und Partner.

Du bist sehr enga­giert, unter ande­rem im »Betrof­fe­nen- und Soli­da­ri­täts­netz­werk« (BeSo­Net) und als Bil­dungs­re­fe­rent, ins­be­son­de­re an Schu­len. Was moti­viert dich, die­se Arbeit zu tun?

Mei­ne Geschich­te ist mei­ne Moti­va­ti­on, und die drin­gen­de Not­wen­dig­keit, dass Betrof­fe­ne sich ver­net­zen. Es gab frü­her kei­ne Ver­net­zung von Men­schen in Deutsch­land, die seit den Sieb­zi­ger- oder Acht­zi­ger­jah­ren von Ras­sis­mus und Anti­se­mi­tis­mus betrof­fen waren. Dass es das heu­te gibt, dass Betrof­fe­ne ihre Stim­me erhe­ben, und zu sehen, wie immer mehr Men­schen Teil des Netz­werks wer­den, moti­viert mich jeden Tag aufzustehen,

Wir bekom­men jetzt einen Preis in Bar­ce­lo­na für unse­re Arbeit – da wer­de nicht ich hin­ge­hen, son­dern ein Über­le­ben­der des Hanau-Anschlags. Das ist wich­tig, die Ver­ant­wor­tung für das Netz­werk auf vie­le zu ver­tei­len und es so grö­ßer zu machen. Das Netz­werk ist für die Betrof­fe­nen ein gro­ßes Glück im gro­ßen Unglück. Auch die Arbeit an den Schu­len moti­viert mich sehr. Mit den Her­an­wach­sen­den zu arbei­ten, ihnen unse­re Geschich­ten zu erzäh­len, aber auch ihre Geschich­ten zu hören und sie zu empowern.

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War­um gab es die­se Ver­net­zung der Betrof­fe­nen nicht vor­her? Was hat gefehlt und was fehlt noch?

Was bis­her fehl­te, war die Bereit­schaft der Gesell­schaft den Opfern zuzu­hö­ren und sich mit ihrer Per­spek­ti­ve zu beschäf­ti­gen. Aber jetzt gibt es dank der uner­müd­li­chen Arbeit der Betrof­fe­nen unser Netz­werk, das zum Bei­spiel siche­re Räu­me für Betrof­fe­ne bie­tet und Öffent­lich­keits- und Bil­dungs­ar­beit an Schu­len macht. Aller­dings machen die Betrof­fe­nen die gan­ze Arbeit ehren­amt­lich. Vie­le Orte der Soli­da­ri­tät und Ver­bun­den­heit, die geschaf­fen wur­den, gibt es nur auf­grund von Spen­den­gel­dern – es gibt aber bis­lang kei­ne staat­li­chen Fördergelder.

Es gibt kaum Men­schen in Ent­schei­dungs­po­si­tio­nen, die selbst ras­sis­ti­sche Gewalt erlei­den muss­ten. Und es fehlt eine Insti­tu­ti­on für Opfer ras­sis­ti­scher und anti­se­mi­ti­scher Gewalt, die von Betrof­fe­nen selbst gelei­tet wird.

Was aber vor allem fehlt: Das Spre­chen in der Gesell­schaft über rech­te Gewalt – und zwar aus der Per­spek­ti­ve der Betrof­fe­nen. Das fehlt über­all, in der Kunst, im Bil­dungs­sys­tem…. Man spricht stän­dig über die Täter und ver­liert dabei die Per­spek­ti­ve der Betrof­fe­nen aus dem Blick. Und das ist genau die Arbeit, die wir machen und die für die Gesell­schaft so wich­tig ist: Über rech­te Gewalt spre­chen, weg von der Täter­per­spek­ti­ve – hin zur Opfer­per­spek­ti­ve, also das Spre­chen mit Betrof­fe­nen von Gewalt, nicht über sie. Das for­dern wir ein, denn unse­re The­se ist, dass wir durch unse­re Arbeit die gesell­schaft­li­che Per­spek­ti­ve auf rech­te Gewalt ver­än­dern können.

Wür­dest du sagen, da gibt es Fortschritte?

Die gibt es ganz klar, und zwar nur, weil die Betrof­fe­nen selbst immer wie­der ein­ge­for­dert haben, dass ihnen zuge­hört wer­den muss. Nicht, weil Insti­tu­tio­nen sich über­legt haben, dass es gut wäre, Betrof­fe­nen zuzu­hö­ren. Das müs­sen wir als Gesell­schaft auch selbst­kri­tisch reflek­tie­ren, dass wir nicht selbst dar­auf gekom­men sind, den Opfern zuzu­hö­ren und ihre Per­spek­ti­ve als Leit­li­nie zu nehmen.

In der Geschichts­er­zäh­lung über rech­te Gewalt bekommt aber nach wie vor der Täter viel mehr Raum als die Opfer. Dadurch beschäf­tigt und iden­ti­fi­ziert man sich nur mit der Täter­per­spek­ti­ve. Und dar­an arbei­ten wir, beson­ders mit Her­an­wach­sen­den, und for­dern ein, sich dem The­ma ras­sis­ti­scher Gewalt­ta­ten über die Opfer­per­spek­ti­ve anzu­nä­hern. Das wäre eine gesell­schaft­li­che Revo­lu­ti­on, wenn sich die Men­schen allein mit den Opfern iden­ti­fi­zie­ren und mit ihnen sym­pa­thi­sie­ren wür­den, dann gäbe es kaum noch Täter.

»In der Geschichts­er­zäh­lung über rech­te Gewalt bekommt nach wie vor der Täter viel mehr Raum als die Opfer.«

İbrah­im Ars­lan, Über­le­ben­der des ras­sis­ti­schen Brand­an­schlags von Mölln

Wie wich­tig sind für euch Bünd­nis­part­ner­schaf­ten und wie wählt ihr sie aus?

Die­se Fra­ge ist schwie­rig zu beant­wor­ten, da wir kei­ne fes­te Orga­ni­sa­ti­on, son­dern ein Netz­werk sind. Wir haben kein Komi­tee, wel­ches das ent­schei­det. Klar ist aber, dass Orga­ni­sa­tio­nen, die sich mit der Täter­per­spek­ti­ve beschäf­ti­gen oder bestimm­te Arten von Gewalt – wie etwa gegen Homo­se­xu­el­le – gut­hei­ßen oder tole­rie­ren, aus­ge­schlos­sen sind. Wir möch­ten mit Orga­ni­sa­tio­nen arbei­ten, die schon immer mit der Betrof­fe­nen­per­spek­ti­ve gear­bei­tet haben, wie zum Bei­spiel PRO ASYL.

Aber immer mit dem kri­ti­schen Blick, wo die gro­ßen Orga­ni­sa­tio­nen in der Ver­gan­gen­heit gewe­sen sind, wenn es um rech­te Gewalt ging. War­um hat nie­mand die Ver­net­zung und Betrof­fe­nen­per­spek­ti­ve unter­stützt? Wo waren zum Bei­spiel die gro­ßen Orga­ni­sa­tio­nen 2006, nach­dem Halit Yoz­gat, das neun­te Opfer des NSU [soge­nann­ter »Natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Unter­grund«] ermor­det wur­de und 4.000 Demons­trie­ren­de, fast alle Migran­ten, for­der­ten: kein zehn­tes Opfer. Wäh­rend den Ange­hö­ri­gen die Tat­mo­ti­va­ti­on klar war, ermit­tel­te die Poli­zei damals rein ras­sis­tisch und inner­halb der Fami­li­en. Die Fami­li­en wur­den nicht gehört und nicht unter­stützt, und genau das müs­sen wir ändern. Wir müs­sen als Gesell­schaft den Über­le­ben­den und Opfern zuhö­ren, denn wir sind Haupt­zeu­gen und kei­ne Statisten.

Wie erreicht ihr die Men­schen, die Opfer von rech­ter Gewalt werden?

Über unse­re Arbeit an Schu­len und über die Opfer­be­ra­tungs­stel­len – aber die Men­schen mel­den sich auch ein­fach so bei uns. Wir spre­chen dann erst mal mit ihnen und ver­su­chen sie zu ver­net­zen und zu stär­ken. Meis­tens haben die Men­schen Angst zur Poli­zei zu gehen und ver­trau­en den deut­schen Insti­tu­tio­nen nicht. Aber uns ver­trau­en sie, weil wir Ähn­li­ches erlebt haben, was sie erle­ben. Wir geben ihnen einen siche­ren Raum. Unse­re Arbeit ist also sehr wich­tig, für die Men­schen, aber kom­plett ehrenamtlich.

Was braucht es jetzt, wo rech­te Par­tei­en nach der Macht grei­fen und sich ver­mehrt Men­schen ras­sis­tisch äußern oder handeln?

Es ist ein biss­chen schwie­rig, immer nur kurz vor einer Wahl dar­über zu spre­chen, denn wir machen unse­re Arbeit gegen rech­te Gewalt kon­ti­nu­ier­lich seit Jah­ren. Aber wir kön­nen und wol­len die­se Arbeit nicht allei­ne machen. Wir müs­sen den gesell­schaft­li­chen Per­spek­tiv­wech­sel lang­fris­tig her­bei­füh­ren. Des­halb brau­chen wir auch viel mehr Betrof­fe­ne, die in den Opfer­be­ra­tungs­stel­len arbei­ten, und zwar nicht nur ehren­amt­lich, son­dern bezahlt. Wir brau­chen Betrof­fe­ne in Ent­schei­dungs­po­si­tio­nen und außer­dem finan­zi­el­le Unter­stüt­zung der Arbeit von Betrof­fe­nen an den Schulen.

Die Stif­tung PRO ASYL ver­lieh İbrah­im Ars­lan den Men­schen­rechts­preis 2023, stell­ver­tre­tend für die Arbeit des Ver­bands der Bera­tungs­stel­len für Betrof­fe­ne rech­ter, ras­sis­ti­scher und anti­se­mi­ti­scher Gewalt (VBRG e.V.). Der Preis ging eben­falls an Hei­ke Kleff­ner und Sul­ta­na Sediqi. 

Seit Jah­ren enga­giert sich Ars­lan für das Empower­ment von Betrof­fe­nen ras­sis­ti­scher Gewalt. Er arbei­tet unter ande­rem im »Betrof­fe­nen- und Soli­da­ri­täts­netz­werk« (BeSo­Net) und bringt als Bil­dungs­re­fe­rent ins­be­son­de­re an Schu­len die Per­spek­ti­ve der Betrof­fe­nen ein. Mit der »Möll­ner Rede im Exil«, die er seit 2013 gemein­sam mit sei­ner Fami­lie und dem Freun­des­kreis im Geden­ken an die ras­sis­ti­schen Brand­an­schlä­ge von Mölln 1992 ver­an­stal­tet, eta­blier­te er eine neue Gedenk­kul­tur, die die Ange­hö­ri­gen und Über­le­ben­den ras­sis­ti­scher und anti­se­mi­ti­scher Anschlä­ge in den Mit­tel­punkt stellt. 

(nb)