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Nach den Strapazen der Flucht aus Sindschar schlafen Mitglieder einer Familie im Schatten im Dorf Shekhadi, das normalerweise Wallfahrtort für die religiöse Minderheit der Jesiden ist. UNHCR / N. Colt / August 2014

Im Irak sind zehntausende Menschen auf der Flucht vor der IS-Miliz ins Gebirge geflohen, wo ihnen der Tod durch Verdursten droht. Angesichts hunderttausender Flüchtlinge in der Region muss die Aufnahme irakischer Flüchtlinge in Deutschland vorbereitet werden – jetzt, und nicht erst nach Jahren. Das lehrt das Beispiel Syrien.

Zehn­tau­sen­de Men­schen – vor allem Ange­hö­ri­ge der reli­giö­sen Min­der­heit der Jesi­den – flo­hen jüngst  vor einem dro­hen­den Völ­ker­mord durch die isla­mis­ti­schen IS-Mil­z­en in das Sind­schar-Gebir­ge im Nord­irak. Dort har­ren noch immer eine gro­ße Zahl von Flücht­lin­gen ohne Was­ser und Nah­rung aus. Es gibt zahl­rei­che Todes­op­fer. Nach UNICEF-Anga­ben sind bereits 56  Kin­der dort in den Ber­gen ver­durs­tet.

 

Auch wenn sich ein Teil der im Gebir­ge ein­ge­schlos­se­nen Flücht­lin­ge mitt­ler­wei­le in kur­disch kon­trol­lier­tes Gebiet ret­ten konn­te, eine Luft­brü­cke ver­sucht, die im Gebir­ge Ein­ge­schlos­se­nen mit Was­ser zu ver­sor­gen und Luft­schlä­ge der USA die IS-Mili­zen auf­zu­hal­ten ver­spre­chen, ist kein Ende der durch den Vor­marsch des IS und das Ver­sa­gen der Mali­ki-Regie­rung aus­ge­lös­ten Flücht­lings­ka­ta­stro­phe abseh­bar.

In Deutsch­land haben im ers­ten Halb­jahr die­ses Jah­res zwar erst 2.076 Ira­ke­rin­nen und Ira­ker einen Asyl­an­trag in Deutsch­land gestellt, womit der Irak auf Platz zehn der Haupt­her­kunfts­län­der lag. Erfah­rungs­ge­mäß dau­ert es jedoch Mona­te, bis Flucht­be­we­gun­gen in der Regi­on Euro­pa errei­chen. Denn in der Regel blei­ben Schutz­su­chen­de zunächst – oft in der Hoff­nung auf bal­di­ge Rück­kehr – in der Her­kunfts­re­gi­on. So ver­ging auch im Fal­le Syri­ens vom Anfang des Bür­ger­kriegs im März 2011 viel Zeit, bis der Kon­flikt sich in der deut­schen Asyl­sta­tis­tik nie­der­schlug. 2011 kamen erst rund 2.600 Asyl­su­chen­de aus Syri­en, erst 2012 stieg die Zahl deut­lich auf  6.200 Erst­an­trä­ge syri­scher Schutz­su­chen­der.

Jetzt sofort – nicht erst in ein paar Mona­ten

Noch viel mehr Zeit ver­ging, bis Deutsch­land sich end­lich zu einem ers­ten Auf­nah­me­pro­gramm für syri­sche Flücht­lin­ge durch­rang: Vom Anfang des syri­schen Bür­ger­kriegs im März 2011 dau­er­te es bis Mai 2013 – über zwei Jah­re -, bis die Bun­des­re­gie­rung zunächst 5000 syri­sche Schutz­su­chen­den die Ein­rei­se gestat­te­te.

Es darf nicht wie­der dazu kom­men, dass Mona­te oder gar Jah­re damit ver­tan wer­den, auf sta­bi­le­re Ver­hält­nis­se zu hof­fen und auf die Kar­te „huma­ni­tä­re Hil­fe statt Flücht­lings­auf­nah­me“ zu set­zen, wie es die Bun­des­re­gie­rung im Fal­le Syri­ens bis Mai 2013 hand­hab­te. PRO ASYL ruft die Bun­des­re­gie­rung dazu auf, jetzt ein Auf­nah­me­pro­gramm für Flücht­lin­ge aus dem Irak vor­zu­be­rei­ten.

Nicht nur ange­sichts der bar­ba­ri­schen Ver­fol­gung reli­giö­ser Min­der­hei­ten durch die IS-Jiha­dis­ten müs­sen dies­mal schnel­ler Maß­nah­men ins Auge gefasst wer­den. Denn die Erst­auf­nah­me­staa­ten der Regi­on, die bereits vie­le Hun­dert­tau­sen­de syri­sche Flücht­lin­ge beher­ber­gen, haben teil­wei­se bereits erken­nen las­sen, dass mit einer ver­gleich­ba­ren Offen­heit ihrer Gren­zen für Schutz­su­chen­de dies­mal nicht zu rech­nen ist: Seit Frei­tag letz­ter Woche hat die Tür­kei die Gren­ze für Flücht­lin­ge mit ira­ki­schen Päs­sen geschlos­sen. Unter ande­rem für ira­ki­sche Turk­me­nen und Jesi­den will die Tür­kei im Nord­irak Lager ein­rich­ten.

Meh­re­re Hun­dert­tau­send Flücht­lin­ge im Nord­irak

Dort leben jedoch bereits 220.000 Flücht­lin­ge aus Syri­en und nach Berich­ten des UNHCR zusätz­lich 300.000 Men­schen aus dem Irak, die bereits  im Juni flie­hen muss­ten. Allein seit dem ver­gan­ge­nen Sonn­tag (3. August 2014) sind nach Anga­ben der kur­di­schen Regio­nal­re­gie­rung rund 45.000 Men­schen, dar­un­ter Jesi­den, Shabak, schii­ti­sche Tür­ken und ande­re aus Sind­schar und Umge­bung in die kur­disch-kon­trol­lier­ten Gebie­te geflo­hen. 200.000 sol­len ins­ge­samt aus Sind­schar geflo­hen sein. Die meis­ten von ihnen kom­men bei Freun­den und Ver­wand­ten im Regie­rungs­be­zirk Dohuk unter. 14.000 sind im Tran­sit­camp in Bajet-Kan­de­la nahe der syri­schen Gren­ze ange­kom­men, das vor einem Jahr ursprüng­lich für syri­sche Flücht­lin­ge errich­tet wur­de.

Für das lei­der rea­lis­ti­sche Sze­na­rio, dass Krieg und Ver­fol­gung im Irak andau­ern, bleibt daher zu hof­fen, dass die Bun­des­re­gie­rung sich dies­mal schnel­ler bereit erklärt, Flücht­lin­ge aus dem Irak auf­zu­neh­men. Ent­spre­chen­de For­de­run­gen erhob bereits der Vor­sit­zen­de des Aus­wär­ti­gen Aus­schus­ses im Bun­des­tag, Nor­bert Rött­gen (CDU). Bun­des­tags­vi­ze­prä­si­dent Johan­nes Sing­ha­mer (CSU) sprach sich für die Schaf­fung eines Flücht­lings­kon­tin­gents für ver­folg­te Chris­ten aus dem Irak aus – eine For­de­rung, die mit der Ein­schrän­kung auf Chris­ten zwar kurz greift, aber immer­hin einer der akut ver­folg­ten Min­der­hei­ten Schutz ver­sprä­che. Auch sei­tens der Kir­chen plä­dier­ten  Amts­trä­ger für eine ver­stärk­te Auf­nah­me von Flücht­lin­gen aus der Regi­on.

Nur ein effek­ti­ves Auf­nah­me­pro­gramm Deutsch­lands und der EU wird dafür sor­gen kön­nen, dass die Erst­auf­nah­me­staa­ten und –regio­nen wie der Nord­irak nicht lang­fris­tig desta­bi­li­siert wer­den – und  dass Flücht­lin­ge, die die Ver­fol­gung durch die IS-Miliz, den dro­hen­den Tod durch Dehy­drie­rung in den ira­ki­schen Ber­gen oder ande­re trau­ma­ti­sche Erleb­nis­se hin­ter sich haben, nicht auf dem Mit­tel­meer oder in der Ägä­is ihr Leben ris­kie­ren müs­sen, um Schutz in Euro­pa suchen zu kön­nen.

Syri­en-Kon­fe­renz: Scheck­buch­po­li­tik statt Flücht­lings­auf­nah­me (29.10.14)