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Unser Interviewpartner ist 2013 aus Casablanca geflohen. Nach drei quälenden Jahren und der Ablehnung seines Asylantrags hat er nun endlich eine Anerkennung als Flüchtling in Deutschland. Foto: privat

Der Bundesrat hat das Gesetz zur Einstufung der Maghreb-Staaten als »sichere Herkunftsstaaten« abgelehnt – und das aus gutem Grund. Dass die Maghreb-Länder mitnichten sicher sind, zeigt der Fall des 29-jährigen Zouhair aus Marokko, der aufgrund seiner Homosexualität in Marokko Schikanen ausgesetzt war und sogar verhaftet wurde.

Zou­hair hat einen Asyl­an­trag in Deutsch­land gestellt. Nach einem jah­re­lan­gen und zer­mür­ben­den Asyl­ver­fah­ren bekam er end­lich den Flücht­lings­schutz nach der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on zuge­spro­chen. Im Gespräch mit PRO ASYL erzählt Zou­hair, war­um Marok­ko gera­de für Men­schen wie ihn nicht sicher ist.

PRO ASYL: Du hast sicher in den Nach­rich­ten von der Debat­te gehört, dass die Maghreb-Staa­ten zu siche­ren Her­kunfts­län­dern erklärt wer­den sol­len. Was hältst du davon?

Zou­hair: Die­se Län­der als sicher ein­zu­stu­fen wür­de bedeu­ten, dass Betrof­fe­ne aus die­sen Län­dern nicht län­ger die Chan­ce haben, ein gutes Asyl­ver­fah­ren zu bekom­men. Die Situa­ti­on in Nord­afri­ka ist gera­de für LGBT-Men­schen ziem­lich schreck­lich. Marok­ko ist defi­ni­tiv nicht sicher. Stän­dig hört man in den Nach­rich­ten, dass Schwu­le und Les­ben schlecht behan­delt oder von der Poli­zei ver­haf­tet und ins Gefäng­nis gesteckt wer­den. Das marok­ka­ni­sche Gesetz sagt, dass, wenn man schwul oder les­bisch ist, oder »unna­tür­li­chen Sex« hat, wie sie es nen­nen, ist man kri­mi­nell.

»In Marok­ko lebt man in Angst, man arbei­tet in Angst. Das Leben ist vor­bei, wenn die Leu­te her­aus­fin­den, dass man gay ist.«

Man kann zwi­schen sechs Mona­ten und drei Jah­ren ins Gefäng­nis kom­men, nur weil man so ist, wie man ist. Tou­ris­ten aus Deutsch­land und Euro­pa kom­men nach Marok­ko und den­ken, sie sehen ein offe­nes Land, in dem man gut Urlaub machen kann. Aber für Schwu­le, Les­ben, Bise­xu­el­le und Trans­gen­der-Peop­le ist es ein Hor­ror­le­ben: Wir haben kei­ne Frei­heit, wer­den nicht respek­tiert, wir wer­den schi­ka­niert und öffent­lich gede­mü­tigt. In Marok­ko gel­ten Homo­se­xu­el­le nicht als Men­schen.

PRO ASYL: Und die Poli­zei? Ist sie nicht dazu da um Betrof­fe­ne zu schüt­zen?

Zou­hair: Nein, die Poli­zei schützt uns nicht. Sie ver­haf­ten LGBT-Men­schen und ste­cken sie ins Gefäng­nis, weil es die­ses homo­pho­be Gesetz in Marok­ko gibt. Ansons­ten gibt es kei­ner­lei Schutz. Erst wenn ein Homo­se­xu­el­ler getö­tet wur­de, stel­len sie eine Unter­su­chung an. Ansons­ten gibt es kein Mit­leid mit uns, weil man glaubt, dass, wenn uns etwas pas­siert, uns »das Recht geschieht«. Mehr noch, die Poli­zei checkt unse­re Han­dys, wenn wir ihnen auf der Stra­ße suspekt vor­kom­men.

Es kommt auch vor, dass sie in unse­re Häu­ser und Woh­nun­gen ein­bre­chen und uns ver­haf­ten. Sie wis­sen, nie­mand wird dage­gen pro­tes­tie­ren, weil wir homo­se­xu­ell sind. Ein­mal wur­de ich ver­haf­tet und nach­dem ich die Frei­las­sungs­pa­pie­re unter­zeich­net hat­te, woll­te der Poli­zist den Stift nicht mehr von mir neh­men. Er sag­te, ich sol­le ihn in den Müll wer­fen, weil ich Leu­te mit AIDS anste­cke. Er hat geglaubt, Homo­se­xu­el­le sei­en krank und anste­ckend.

»Dann kam der Ableh­nungs­be­scheid, in dem stand, dass sie mir nicht glaub­ten, dass ich schwul bin.«

PRO ASYL: Wann und wie hast du dich ent­schei­den: Ok, ich hal­te das nicht län­ger aus?

Zou­hair: Ich war schon vor­her im Aus­land gewe­sen, weil ich in der Hotel­bran­che gear­bei­tet hat­te. Es war schon immer unglaub­lich schwer für mich, zurück in ein Land zu gehen, wo ich nicht ich selbst sein konn­te. Im Novem­ber 2013 reis­te ich nach Euro­pa, um dort Urlaub zu machen. Mir wur­de klar, dass ich unmög­lich in das Land zurück­konn­te, in dem ich stän­dig um mein Leben fürch­ten muss. Also habe ich in Deutsch­land Asyl bean­tragt.

PRO ASYL: Was pas­sier­te dann? Wie ver­lief das Asyl­ver­fah­ren und die Anhö­rung?

Zou­hair: Ich habe zuerst 52 Tage in einer Erst­auf­nah­me in Nie­der­sach­sen gelebt. Das war schlimm. Drei Mona­te nach­dem ich mei­nen Asyl­an­trag gestellt hat­te, war die Anhö­rung. Das Ers­te, was die Anhö­re­rin sag­te, war, ich wür­de nicht schwul aus­se­hen. Das hat mich total umge­hau­en. Hät­te ich Schmin­ke tra­gen müs­sen? Oder mei­ne Fin­ger­nä­gel lackie­ren müs­sen? Seit mei­ner Kind­heit wuss­te ich, dass ich anders aus­se­he und von ande­ren anders ange­se­hen wer­de.

Ich war nie ein Macho oder war aggres­siv oder domi­nant, so wie es von Män­nern in Marok­ko erwar­tet wird. Wenn man die­ser Erwar­tung nicht ent­spricht, gilt man als femi­nin oder schwach. Wenn man auch noch schwul ist, beneh­men sich alle, als hät­ten sie das Recht, einen schlecht zu behan­deln – die eige­ne Fami­lie mit ein­ge­schlos­sen. Man­che Fami­li­en wür­den eher akzep­tie­ren, dass die eige­ne Toch­ter eine Pro­sti­tu­ier­te ist, als les­bisch. Dar­an erkennt man, wie irri­tiert ich von die­ser Fra­ge gewe­sen war.

Die Anhö­rung dau­er­te län­ger als eine Stun­de. Zum Schluss frag­te mich die Anhö­re­rin, ob das alles gewe­sen war. Ich hat­te ihr gera­de mei­ne gan­ze Geschich­te erzählt und hat­te das Gefühl, dass ihr das nicht genug war. Dann kam der Ableh­nungs­be­scheid, in dem stand, dass sie mir nicht glaub­ten, dass ich schwul bin.

»Als ich nach Deutsch­land kam, fühl­te ich, dass ich end­lich frei und sicher sein konn­te – und dann wur­de mein Antrag abge­lehnt. Die­ses Gefühl, von nie­man­dem gewollt oder ange­nom­men zu wer­den, macht einen ver­rückt.«

PRO ASYL: Wie hat sich das ange­fühlt? Abge­lehnt zu wer­den?

Zou­hair: Es war… Ich fin­de ein­fach kei­ne Wor­te dafür. Es war so sur­re­al. Ich konn­te, ich konn­te ein­fach nicht zurück nach Marok­ko. Ich hat­te end­lich einen Ort gefun­den, an dem ich frei atmen konn­te und dann wur­de ich abge­lehnt. Wäre ich abge­scho­ben wor­den, hät­te ich mich gefühlt, als wäre mein Leben zu Ende gewe­sen.

PRO ASYL: Hat­test du jemand, der dich unter­stützt?

Zou­hair: Ich bekam Kon­takt zu einer loka­len Unter­stüt­zer­grup­pe, die sich um LGBT-Flücht­lin­ge küm­mer­te. Über sie bekam ich den Kon­takt zu mei­ner Anwäl­tin. Sie war gut, aber sie hat mir gleich zu Beginn gesagt, dass es wenig Hoff­nung gab, die Ent­schei­dung des BAMF erfolg­reich anzu­fech­ten, gera­de weil ich aus Marok­ko kom­me. Bei Asyl­su­chen­den aus Marok­ko gibt es immer die Gefahr, dass sie schnell abge­lehnt wer­den.

Zu der Zeit wur­de ich sehr depres­siv. Ich war sogar mehr­mals in der psych­ia­tri­schen Behand­lung, ein­mal 40 Tage am Stück. In Marok­ko war ich von einer Gesell­schaft umge­ben, die mich und alle ande­ren LGBT-Men­schen ablehn­te. Als ich nach Deutsch­land kam, fühl­te ich, dass ich end­lich frei und sicher sein konn­te und dann wur­de mein Antrag abge­lehnt. Die­ses Gefühl, von nie­man­dem gewollt oder ange­nom­men zu wer­den, macht einen ver­rückt. Ich war ver­zwei­felt.

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Mona­te nach sei­nem Antrag auf Asyl wur­de Zou­hair end­lich als Flücht­ling aner­kannt.

PRO ASYL: Was pas­sier­te als nächs­tes?

Zou­hair: Ich war men­tal in einem ziem­lich schlech­ten Zustand. Mein Arzt bestä­tig­te gegen­über dem BAMF, dass der Haupt­grund, war­um ich depres­siv war, dass ich schwul bin und als schwu­ler Mann befürch­ten muss, nach Marok­ko abge­scho­ben zu wer­den. Da hat­te mir das BAMF end­lich geglaubt. Im Dezem­ber 2016 bekam ich end­lich mei­ne Aner­ken­nung als Flücht­ling nach der Gen­fer Kon­ven­ti­on.

»Man kann nie­man­den dazu zwin­gen, einen zu mögen oder zu akzep­tie­ren. Aber das deut­sche Gesetz ver­bie­tet es einem, LGBT-Men­schen zu dis­kri­mi­nie­ren. Und das ist ein Men­schen­recht, das man sich nur wün­schen kann.«

PRO ASYL: War­te mal. Du hast also drei Jah­re dar­auf war­ten müs­sen, aner­kannt zu wer­den?

Zou­hair: Ja, es war ein lan­ger Kampf und drei Jah­re lang Unsi­cher­heit. Für Asyl­su­chen­de aus Marok­ko ist es beson­ders hart. Ich hat­te kei­nen Anspruch auf einen Sprach­kurs. Ich wünsch­te, ich hät­te in der Zeit die Mög­lich­keit gehabt, noch bes­ser Deutsch zu ler­nen.

PRO ASYL: Wie fühlt sich das Leben in Deutsch­land für dich an, jetzt nach­dem du aner­kannt wor­den bist?

Zou­hair: Ich füh­le mich end­lich sicher. Es ist ein Segen. Mehr kann man sich gar nicht wün­schen. Einen Monat nach mei­ner Aner­ken­nung hat­te ich ein Gespräch an einer Hoch­schu­le für einen Stu­di­en­platz in Com­pu­ter­wis­sen­schaf­ten. Ich bekam einen Platz in einem Deutsch­kurs. In Marok­ko lebt man in Angst, man arbei­tet in Angst. Das Leben ist vor­bei, wenn die Leu­te her­aus­fin­den, dass man gay ist.

Schwu­le und Les­ben haben in Marok­ko kei­ne Rech­te. In Deutsch­land wur­de ich nie dis­kri­mi­niert. Ich mei­ne, man kann nie­man­den dazu zwin­gen, einen zu mögen oder zu akzep­tie­ren. Aber das deut­sche Gesetz ver­bie­tet es einem, LGBT-Men­schen zu dis­kri­mi­nie­ren. Und das ist ein Men­schen­recht, das man sich nur wün­schen kann.