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Hilft Tausenden Flüchtlingen aus Seenot: der eritreische Priester und Flüchtlingshelfer Father Mussie Zerai. Foto: Reuters / Alessandro Bianchi

Seine Nummer ist für viele die letzte Hoffnung. Die Stiftung PRO ASYL verleiht ihren Menschenrechtspreis 2016 dem Priester und Flüchtlingshelfer Mussie Zerai, der sich seit über zehn Jahren mit beispiellosem Einsatz um die Rettung von Flüchtlingen aus Seenot kümmert.

Mus­sie Zerai weiß, was es heißt, in einer frem­den Gesell­schaft anzu­kom­men. Er ist 16 Jah­re alt, als er 1992 als Flücht­ling Ita­li­en erreicht. In den ers­ten Jah­ren trägt er Zei­tun­gen aus, ver­kauft Obst, über­setzt für einen bri­ti­schen Pries­ter. Spä­ter stu­diert er Theo­lo­gie und Phi­lo­so­phie. Nach dem Erhalt der Pries­ter­wei­he, ent­sen­det ihn die katho­li­sche Kir­che in Rom als Seel­sor­ger in die Schweiz.

Flüchtlingsschicksale lassen ihn nicht los

Als ihn ein ita­lie­ni­scher Jour­na­list im Jahr 2003 fragt, ob er für ihn in einem liby­schen Gefäng­nis dol­met­schen kön­ne, kommt Zerai erst­mals mit eri­trei­schen Flücht­lin­gen, die auf dem Weg nach Euro­pa unter­wegs sind, in Kon­takt. Die Geschich­ten sei­ner Lands­leu­te las­sen ihn fort­an nicht mehr los, und er sieht sich in der Pflicht, zu hel­fen.

Anrufe in höchster Not

Schon bald nach sei­nem Besuch im Gefäng­nis erhält er Anru­fe von den Men­schen, die er dort ken­nen­ge­lernt hat, und wenig spä­ter auch von Flücht­lin­gen in See­not. Jemand hat­te Mus­sie Zerais Tele­fon­num­mer in die Wand des Gefäng­nis­ses geritzt mit dem Hin­weis: »Bei Not­fäl­len, die­se Num­mer anru­fen!«

»Lieber Baba, hilf uns schnell«

So ist die Tele­fon­num­mer des enga­gier­ten Pries­ters seit 2004 für vie­le Boots­flücht­lin­ge die letz­te Hoff­nung – und viel­fach auch die Ret­tung. »Lie­ber Baba, hilf uns schnell. Wir haben kein Essen, kein Was­ser, und der Han­dy­ak­ku ist fast leer«, so oder ähn­lich lau­ten die bis­lang tau­send­fa­chen Hil­fe­ru­fe von Boots­flücht­lin­gen, die Mus­sie Zerai in über zehn Jah­ren erreicht haben.

»Wenn ich höre, dass jemand in Not ist, dann ist es mei­ne mensch­li­che Ver­pflich­tung, ihm zu hel­fen.«

Father Mus­sie Zerai

Tausende von Leben gerettet

Wenn ihn Anru­fe aus See­not errei­chen, setzt sich Zerai sofort mit der ita­lie­ni­schen Küs­ten­wa­che in Ver­bin­dung. Schnell hat er gelernt, wor­auf es ankommt, wenn ein Ret­tungs­ver­such erfolg­reich ver­lau­fen soll. Die ita­lie­ni­sche Küs­ten­wa­che schätzt, dass Mus­sie Zerai inzwi­schen bereits meh­re­ren Tau­send Men­schen das Leben geret­tet hat. Rund um die Uhr ist der Pries­ter erreich­bar. Wenn er schläft, liegt das Han­dy ange­schal­tet auf dem Nacht­tisch, wenn er Mes­se fei­ert, „bewacht“ es jemand für ihn.

Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen

Im Jahr 2006 grün­det Zerai in Ita­li­en die Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on »Agen­zia Habeshia«, deren Auf­ga­be es unter ande­rem ist, Migrant*innen und Flücht­lin­ge in Belan­gen mit den Behör­den und bei der Inte­gra­ti­on zu unter­stüt­zen. Schon bald betreibt Zerai mit sei­ner Orga­ni­sa­ti­on auch ver­stärkt Lob­by- und Öffent­lich­keits­ar­beit für Boots­flücht­lin­ge, spricht im Radio und Fern­se­hen, schreibt Poli­ti­ke­rIn­nen und Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen. Es geht ihm dar­um, die Ver­ant­wort­li­chen zur Rechen­schaft zu zie­hen. Auf die Fra­ge nach sei­ner Moti­va­ti­on, ant­wor­tet Zerai schlicht: »Wenn ich höre, dass jemand in Not ist, dann ist es mei­ne mensch­li­che Ver­pflich­tung, ihm zu hel­fen.«

Engagement, das andere inspiriert

Mus­sie Zerais Enga­ge­ment macht Mut zur Nach­ah­mung: Maß­geb­lich inspi­riert von sei­nem Vor­bild, haben Akti­vis­tIn­nen des Moni­to­ring-Pro­jekts »Watch the Med« Ende 2014 eine wei­te­re Not­ruf­num­mer für Flücht­lin­ge in See­not, das »Alarm Pho­ne« ein­ge­rich­tet. Die Stif­tung PRO ASYL wür­digt Mus­sie Zerai und sei­nen uner­müd­li­chen Ein­satz für die Ret­tung und Auf­nah­me von Flücht­lin­gen in See­not in die­sem Jahr mit ihrem Men­schen­rechts­preis.