30.05.2018
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Die ungarische Zivilgesellschaft protestiert gegen Orbans Pläne: Hier am 21. April in Budapest. Foto: Reuters / Bernadett Szabo

Am 29.5.2018 legte die ungarische Regierung die dritte Version des sogenannten »Stop Soros «-Gesetzespakets dem Parlament vor. Es handelt sich dabei um einen scharfen Angriff auf die ungarische Zivilgesellschaft. Verteidiger von Menschen- und Flüchtlingsrechten müssten aufgrund ihrer Arbeit mit Inhaftierungen rechnen.

Die Mög­lich­keit, in Ungarn Asyl zu bean­tra­gen, wur­de bereits mas­siv ein­ge­schränkt. Im Sep­tem­ber 2015 errich­te­te Ungarn einen Zaun an sei­ner Gren­ze zu Ser­bi­en und Kroa­ti­en. In die dort ein­ge­bau­ten Tran­sit­zo­nen wird seit Janu­ar 2018 pro Tag nur eine Per­son ein­ge­las­sen. Im Febru­ar 2018 wur­den 56 Asyl­an­trä­ge regis­triert. Völ­ker­rechts­wid­ri­ge Zurück­wei­sun­gen wur­den lega­li­siert. Allei­ne in 2017 wur­den 20.100 Men­schen zurück­ge­wie­sen oder ihnen wur­de der Zutritt zu unga­ri­schem Ter­ri­to­ri­um ver­wehrt.

Das »Hun­ga­ri­an Hel­sin­ki Com­mit­tee« (HHC) stellt die ein­zi­ge kos­ten­lo­se Rechts­ver­tre­tung für Asyl­su­chen­de in Ungarn. Ihre Arbeit wur­de im letz­ten Jahr bereits durch die unga­ri­schen Behör­den mas­siv erschwert. So dür­fen sie die Tran­sit­zo­nen nur noch betre­ten, wenn ein Asyl­su­chen­der dies expli­zit for­dert. Die Mög­lich­keit die men­schen­recht­li­che Situa­ti­on in den Tran­sit­zo­nen zu beob­ach­ten, wur­de stark erschwert. Mit dem Gesetz­ent­wurf geht die unga­ri­sche Regie­rung einen Schritt wei­ter: Die Beob­ach­tung der Men­schen­rechts­si­tua­ti­on soll mit einer Gefäng­nis­stra­fe belegt wer­den.

Angriff auf den Rechtsstaat

Die­ses Geset­zes­pa­ket ist ein Angriff auf den unga­ri­schen Rechts­staat und alle Per­so­nen, die sich für grund­le­gen­de Men­schen­rech­te ein­set­zen. Es über­schrei­tet die roten Lini­en, die von Orbáns kon­ser­va­ti­ven Part­nern in der EU gezo­gen wur­den.

Das Hun­ga­ri­an Hel­sin­ki Com­mit­tee erklärt in einer ers­ten Stel­lung­nah­me die mög­li­chen Aus­wir­kun­gen des Geset­zes­pa­kets und for­dert die unga­ri­schen Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­ten dazu auf, dage­gen zu stim­men. Hier unse­re Über­set­zung ins Deut­sche:

Mit dem Gesetz­ent­wurf Nr. T/333 »zur Ände­rung bestimm­ter Geset­ze in Bezug auf die ille­ga­le Ein­wan­de­rung« droht Per­so­nen, die sich auf lega­lem Wege für die Ein­hal­tung der unga­ri­schen Men­schen­rechts­ver­pflich­tun­gen ein­set­zen, eine Inhaf­tie­rung. Tätig­kei­ten wie die Unter­stüt­zung eines Asyl­su­chen­den bei der Ein­rei­chung eines Asyl­an­trags, Doku­men­ta­ti­on von Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen durch den unga­ri­schen Grenz­schutz, das Ver­öf­fent­li­chen oder Ver­tei­len von Infor­ma­ti­ons­bro­schü­ren zum Asyl­ver­fah­ren oder das Ver­net­zen in Netz­wer­ken (z.B. von Fachanwält*innen) wer­den mit dem Gesetz­ent­wurf zu Akti­vi­tä­ten zu »Erleich­te­rung der ille­ga­len Migra­ti­on« kri­mi­na­li­siert und sol­len künf­tig straf­recht­lich ver­folgt wer­den.

Aller inter­na­tio­na­len Kri­tik zum Trotz hat die unga­ri­sche Regie­rung den Gesetz­ent­wurf in sei­ner mitt­ler­wei­le drit­ten Über­ar­bei­tung noch ein­mal ver­schärft!

Aller inter­na­tio­na­len Kri­tik zum Trotz hat die unga­ri­sche Regie­rung den Gesetz­ent­wurf in sei­ner mitt­ler­wei­le drit­ten Über­ar­bei­tung noch ein­mal ver­schärft: Statt der will­kür­li­chen Pra­xis der Lizenz­ge­neh­mi­gun­gen für NGOs und der 25%-igen Besteue­rung von Spen­den­gel­dern, die aus dem Aus­land stam­men, dro­hen Menschenrechtsanwält*innen und Mitarbeiter*innen von NGOs künf­tig Inhaf­tie­run­gen.

Mit die­sem neu­en Kapi­tel in den Plä­nen der unga­ri­schen Regie­rung, die unab­hän­gi­ge Zivil­ge­sell­schaft und die Rechts­staat­lich­keit ein­zu­däm­men, ist eine neue bei­spiel­lo­se Ära der Angst zu befürch­ten, wie es sie in Ungarn seit dem Ende der kom­mu­nis­ti­schen Herr­schaft nicht gege­ben hat. Kos­me­ti­sche Ände­run­gen am Gesetz­ent­wurf wer­den nichts dar­an ändern – das gesam­te Geset­zes­vor­ha­ben muss fal­len­ge­las­sen wer­den. Mit jeder Zustim­mung sen­det das unga­ri­sche Par­la­ment das Signal aus, die­je­ni­gen ins Gefäng­nis zu ste­cken, die Men­schen in Not hel­fen und alle kri­ti­schen Stim­men zum Schwei­gen zu brin­gen.

In einer ers­ten Reak­ti­on nimmt das HHC zum Gesetz­ent­wurf Stel­lung:

  1. Die Regie­rung droht mit straf­recht­li­chen Sank­tio­nen gegen Per­so­nen, die sich mutig für die Men­schen­rech­te, ein­schließ­lich des Rechts auf ein ordent­li­ches Ver­fah­ren, ein­set­zen. Sie droht mit der Inhaf­tie­rung der­je­ni­gen, die schutz­be­dürf­ti­gen Men­schen lebens­wich­ti­ge Hil­fe leis­ten und sie vor natio­na­len Behör­den und Gerich­ten ver­tre­ten, und ver­stößt gegen alles, was wir als Rechts­staat oder euro­päi­sche Wer­te defi­nie­ren.

Asyl zu bean­tra­gen ist ein Men­schen­recht, kein Ver­bre­chen.

  1. Asyl zu bean­tra­gen ist ein Men­schen­recht, kein Ver­bre­chen. Nach EU- und unga­ri­schem Recht haben Men­schen, die von Krieg, Fol­ter und Ver­fol­gung bedroht sind, das Recht, ihr Leben zu ret­ten und Schutz zu suchen. Per­so­nen, die Asyl­su­chen­de in Not bera­ten und infor­mie­ren, han­deln auf der kla­ren Grund­la­ge des EU-Rechts und bege­hen kei­ne Straf­ta­ten. Die Bestra­fung von Per­so­nen mit Frei­heits­stra­fe, die einem Asyl­su­chen­den Rechts­bei­stand leis­ten oder eine Infor­ma­ti­ons­bro­schü­re her­aus­ge­ben, ver­stößt gegen das EU- und Völ­ker­recht und höhlt das Recht auf ein ord­nungs­ge­mä­ßes Ver­fah­ren aus.
  1. Unga­ri­sche Behör­den, gestat­ten Asyl­su­chen­den die Ein­rei­se in das unga­ri­sche Hoheits­ge­biet, indem sie sie in die Tran­sit­zo­nen an der Süd­gren­ze ein­rei­sen las­sen. Das EU-Recht sieht ein­deu­tig vor, dass Asyl­su­chen­de wäh­rend des Asyl­ver­fah­rens das Recht haben, sich im Land auf­zu­hal­ten. Eben­so ist es das unga­ri­sche Ein­wan­de­rungs- und Asyl­amt, das Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gun­gen erteilt, nicht Ein­zel­per­so­nen oder Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen.
  1. Das Unga­ri­sche Hel­sin­ki-Komi­tee, sei­ne Mit­ar­bei­ter und Vertragsanwält*innen leis­ten kos­ten­lo­se Rechts­hil­fe für Per­so­nen, die bereits einen Asyl­an­trag gestellt haben und nach Ungarn ein­rei­sen durf­ten. Die­se Tätig­keit in vol­ler Über­ein­stim­mung mit dem Gesetz.

Update um 18:23 Uhr: Das HHC hat eine inof­fi­zi­el­le eng­li­sche Über­set­zung des Gesetz­ent­wurfs ver­öf­fent­licht.