14.12.2017
Image

Jedes Jahr begleiten wir etliche verfolgte Menschen in ihren Asylverfahren. Das PRO ASYL-Team hat 2017 tausende Beratungsgespräche geführt, über 700 Flüchtlingen standen wir mit Mitteln aus dem Rechtshilfefonds zur Seite. Zum Beispiel Ammar Aldeewan, der wegen seiner regierungskritischen Berichte fliehen musste.

Bag­dad, Irak, 2014: Der poli­ti­sche Jour­na­list Ammar Alde­ewan arbei­tet als Fern­seh­mo­de­ra­tor für einen kur­di­schen TV-Sen­der. Im Rah­men der von ihm mode­rier­ten Sen­dun­gen wird immer wie­der Kri­tik an gewalt­tä­ti­gen schii­ti­schen Mili­zen laut.

Nach dem Sturz Sad­dam Hus­seins und der macht­ha­ben­den sun­ni­ti­schen Min­der­heit wur­de von der US-Besat­zungs­macht eine Regie­rung der schii­ti­schen Mehr­heit im Irak instal­liert. Kor­rup­ti­on, Gewalt und Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ins­be­son­de­re wäh­rend des Herr­schafts­sys­tems al-Mali­kis und der von ihm ein­ge­setz­ten schii­ti­schen Mili­zen sind weit­hin ver­brei­tet und bekannt. Unter sei­ner auto­ri­tä­ren Herr­schaft wur­de auch meh­re­ren Fern­seh­sta­tio­nen wegen kri­ti­scher Bericht­erstat­tung die Lizenz ent­zo­gen.

Die Mili­zen machen Ammar deut­lich, dass sie ihn töten wür­den, wenn er mit sei­ner kri­ti­schen Bericht­erstat­tung fort­fah­re.

Seit der Vor­marsch des »Isla­mi­schen Staa­tes« (IS) in 2014 vie­le schii­ti­sche Opfer gefor­dert hat, rich­tet sich die Gewalt der schii­ti­schen Mili­zen über­wie­gend gegen sun­ni­ti­sche Zivi­lis­ten. Jedoch wer­den viel­fach auch Schii­ten bedroht und ermor­det, wenn die­se offen Kri­tik an den schii­ti­schen Mili­zen üben oder mut­maß­lich gegen deren Über­zeu­gun­gen han­deln.

Bedrohung durch Milizionäre

Eines Abends, nach Fei­er­abend, gerät Ammar Alde­ewan in eine Stra­ßen­kon­trol­le. Er muss aus sei­nem Auto aus­stei­gen und wird in einem ande­ren Fahr­zeug weg­ge­bracht. Bewaff­ne­te Män­ner fra­gen ihn, war­um er im Rah­men sei­ner jour­na­lis­ti­schen Arbeit stän­dig Kri­tik an ira­ki­schen Mili­zen übe und sie beschul­di­ge, die sun­ni­ti­sche Bevöl­ke­rung zu unter­drü­cken und zu miss­han­deln. Einer der Män­ner schlägt Herrn Alde­ewan mit einer Pis­to­le ins Gesicht.

Sie for­dern ihn auf, die Namen sei­ner Kol­le­gen zu nen­nen und wer von die­sen Sun­nit oder Schi­it sei. Da Ammar Alde­ewan selbst Schi­it ist, erklä­ren die Mili­zio­nä­re, es die­ses Mal bei einem Denk­zet­tel für ihn zu belas­sen. Sie machen jedoch deut­lich, dass sie ihn töten wür­den, wenn er mit sei­ner kri­ti­schen Bericht­erstat­tung fort­fah­re. Dann las­sen sie den Jour­na­lis­ten frei.

»Sie sagten, wenn ich weiter gegen sie arbeite, würde es mich mein Leben kosten«

Nach dem Über­fall wech­selt Ammar Alde­ewan sofort Wohn­ort und Arbeits­stel­le. Er geht nach Bas­ra in den Süden des Lan­des und wird Lei­ter eines dor­ti­gen TV-Sen­ders. Auch in sei­nen neu­en Bei­trä­gen infor­miert der enga­gier­te Jour­na­list kri­tisch über poli­ti­sche Miss­stän­de. Im August 2015 kommt es bei einer Demons­tra­ti­on gegen die Bestech­lich­keit des ira­ki­schen Par­la­ments zu gewalt­tä­ti­gen Über­grif­fen gegen Demons­tran­ten. Ammar Alde­ewans Sen­der berich­tet dar­über und initi­iert eine regie­rungs­kri­ti­sche Unter­schrif­ten­ak­ti­on.

Image
Der Jour­na­list Ammar Alde­ewan. Foto: pri­vat

Etwa einen Monat spä­ter, im Sep­tem­ber 2015, kommt es zum nächs­ten Über­griff: Als Herr Alde­ewan vor dem Sen­de­ge­bäu­de in sein Auto steigt und los­fährt, bemerkt er, dass er ver­folgt wird. Panisch ver­sucht er, die Ver­fol­ger abzu­schüt­teln. Es fal­len Schüs­se, doch schließ­lich kann er ent­kom­men. Zwei Tage spä­ter erhält er einen Droh­an­ruf, er wür­de nun sei­ne Stra­fe erhal­ten. Dar­auf­hin ent­schließt sich der Jour­na­list zusam­men mit sei­ner Frau zur Flucht.

Ablehnung des Asylantrags

Janu­ar 2016: Ammar Alde­ewan bean­tragt in Deutsch­land Asyl. Etwas über ein Jahr spä­ter, im März 2017, erhält er den Ableh­nungs­be­scheid des Bun­des­am­tes für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF). Als Begrün­dung wird unter ande­rem ange­führt, dass der Jour­na­list sich auch inner­halb des Iraks sei­nen Ver­fol­gern durch erneu­ten Wech­sel des Arbeits­plat­zes hät­te ent­zie­hen kön­nen.

Im Klar­text: Er hät­te wei­te­re Anschlä­ge ris­kie­ren sol­len. Die­se Beur­tei­lung der Lage ist ange­sichts der Situa­ti­on im Irak absurd. So stu­fen die Repor­ter ohne Gren­zen »die Gefähr­dung für unab­hän­gi­ge Journalist*innen und Medienaktivist*innen im Irak als äußerst hoch ein. Sie sind dort sys­te­ma­ti­scher Gewalt aus­ge­setzt. Der Staat schützt sie nicht davor«.

Was wir tun

PRO ASYL steht Ammar Alde­ewan in sei­ner Kla­ge gegen die Ent­schei­dung des Bun­des­am­tes zur Sei­te. Er ist einer von vie­len Schutz­su­chen­den, die wir in ihren Ver­fah­ren unter­stüt­zen. Die Men­schen sind häu­fig ver­zwei­felt, weil ihnen Behör­den und Gerich­te den drin­gend nöti­gen Schutz ver­sa­gen. Flucht­grün­de wer­den infra­ge gestellt, Berich­te von Fol­ter und Ver­ge­wal­ti­gung wer­den igno­riert.

Um Schutz­su­chen­den wie Ammar Alde­ewan zur Sei­te zu ste­hen, sind wir auf Ihre Unter­stüt­zung ange­wie­sen.

Immer wie­der erle­ben wir, dass unse­re Inter­ven­ti­on eine Wen­de bewirkt: Ver­fah­ren enden mit unse­rer Unter­stüt­zung für die Betrof­fe­nen häu­fig erfolg­reich. Mög­lich ist dies nur auf­grund der groß­zü­gi­gen Hil­fe unse­rer Mit­glie­der, Spen­de­rin­nen und Spen­der. Bit­te enga­gie­ren Sie sich des­halb zusam­men mit uns: Um Schutz­su­chen­den wie Ammar Alde­ewan zur Sei­te zu ste­hen, sind wir auf Ihre Unter­stüt­zung ange­wie­sen.