05.12.2017
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Jedes Jahr begleiten wir etliche verfolgte Menschen in ihren Asylverfahren. Das PRO ASYL-Team hat 2017 tausende Beratungsgespräche geführt, über 700 Flüchtlingen standen wir mit Mitteln aus dem Rechtshilfefonds zur Seite. Zum Beispiel Ammar Aldeewan, der wegen seiner regierungskritischen Berichte fliehen musste.

Bagdad, Irak, 2014: Der politische Journalist Ammar Aldeewan arbeitet als Fernsehmoderator für einen kurdischen TV-Sender. Im Rahmen der von ihm moderierten Sendungen wird immer wieder Kritik an gewalttätigen schiitischen Milizen laut.

Nach dem Sturz Saddam Husseins und der machthabenden sunnitischen Minderheit wurde von der US-Besatzungsmacht eine Regierung der schiitischen Mehrheit im Irak installiert. Korruption, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen insbesondere während des Herrschaftssystems al-Malikis und der von ihm eingesetzten schiitischen Milizen sind weithin verbreitet und bekannt. Unter seiner autoritären Herrschaft wurde auch mehreren Fernsehstationen wegen kritischer Berichterstattung die Lizenz entzogen.

Die Milizen machen Ammar deutlich, dass sie ihn töten würden, wenn er mit seiner kritischen Berichterstattung fortfahre.

Seit der Vormarsch des »Islamischen Staates« (IS) in 2014 viele schiitische Opfer gefordert hat, richtet sich die Gewalt der schiitischen Milizen überwiegend gegen sunnitische Zivilisten. Jedoch werden vielfach auch Schiiten bedroht und ermordet, wenn diese offen Kritik an den schiitischen Milizen üben oder mutmaßlich gegen deren Überzeugungen handeln.

Bedrohung durch Milizionäre

Eines Abends, nach Feierabend, gerät Ammar Aldeewan in eine Straßenkontrolle. Er muss aus seinem Auto aussteigen und wird in einem anderen Fahrzeug weggebracht. Bewaffnete Männer fragen ihn, warum er im Rahmen seiner journalistischen Arbeit ständig Kritik an irakischen Milizen übe und sie beschuldige, die sunnitische Bevölkerung zu unterdrücken und zu misshandeln. Einer der Männer schlägt Herrn Aldeewan mit einer Pistole ins Gesicht.

Sie fordern ihn auf, die Namen seiner Kollegen zu nennen und wer von diesen Sunnit oder Schiit sei. Da Ammar Aldeewan selbst Schiit ist, erklären die Milizionäre, es dieses Mal bei einem Denkzettel für ihn zu belassen. Sie machen jedoch deutlich, dass sie ihn töten würden, wenn er mit seiner kritischen Berichterstattung fortfahre. Dann lassen sie den Journalisten frei.

»Sie sagten, wenn ich weiter gegen sie arbeite, würde es mich mein Leben kosten«

Nach dem Überfall wechselt Ammar Aldeewan sofort Wohnort und Arbeitsstelle. Er geht nach Basra in den Süden des Landes und wird Leiter eines dortigen TV-Senders. Auch in seinen neuen Beiträgen informiert der engagierte Journalist kritisch über politische Missstände. Im August 2015 kommt es bei einer Demonstration gegen die Bestechlichkeit des irakischen Parlaments zu gewalttätigen Übergriffen gegen Demonstranten. Ammar Aldeewans Sender berichtet darüber und initiiert eine regierungskritische Unterschriftenaktion.

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Der Journalist Ammar Aldeewan. Foto: privat

Etwa einen Monat später, im September 2015, kommt es zum nächsten Übergriff: Als Herr Aldeewan vor dem Sendegebäude in sein Auto steigt und losfährt, bemerkt er, dass er verfolgt wird. Panisch versucht er, die Verfolger abzuschütteln. Es fallen Schüsse, doch schließlich kann er entkommen. Zwei Tage später erhält er einen Drohanruf, er würde nun seine Strafe erhalten. Daraufhin entschließt sich der Journalist zusammen mit seiner Frau zur Flucht.

Ablehnung des Asylantrags

Januar 2016: Ammar Aldeewan beantragt in Deutschland Asyl. Etwas über ein Jahr später, im März 2017, erhält er den Ablehnungsbescheid des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Als Begründung wird unter anderem angeführt, dass der Journalist sich auch innerhalb des Iraks seinen Verfolgern durch erneuten Wechsel des Arbeitsplatzes hätte entziehen können.

Im Klartext: Er hätte weitere Anschläge riskieren sollen. Diese Beurteilung der Lage ist angesichts der Situation im Irak absurd. So stufen die Reporter ohne Grenzen »die Gefährdung für unabhängige Journalist*innen und Medienaktivist*innen im Irak als äußerst hoch ein. Sie sind dort systematischer Gewalt ausgesetzt. Der Staat schützt sie nicht davor«.

Was wir tun

PRO ASYL steht Ammar Aldeewan in seiner Klage gegen die Entscheidung des Bundesamtes zur Seite. Er ist einer von vielen Schutzsuchenden, die wir in ihren Verfahren unterstützen. Die Menschen sind häufig verzweifelt, weil ihnen Behörden und Gerichte den dringend nötigen Schutz versagen. Fluchtgründe werden infrage gestellt, Berichte von Folter und Vergewaltigung werden ignoriert.

Um Schutzsuchenden wie Ammar Aldeewan zur Seite zu stehen, sind wir auf Ihre Unterstützung angewiesen.

Immer wieder erleben wir, dass unsere Intervention eine Wende bewirkt: Verfahren enden mit unserer Unterstützung für die Betroffenen häufig erfolgreich. Möglich ist dies nur aufgrund der großzügigen Hilfe unserer Mitglieder, Spenderinnen und Spender. Bitte engagieren Sie sich deshalb zusammen mit uns: Um Schutzsuchenden wie Ammar Aldeewan zur Seite zu stehen, sind wir auf Ihre Unterstützung angewiesen.