19.04.2014
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Essenszeit. Im Augsburger Grandhotel leben Flüchtlinge, Aktivistinnen und Aktivisten, Künsterlinnen und Künstler unter einem Dach. Bild: Grandhotel Cosmopolis

Rechte Scharfmacher machen mobil gegen Flüchtlinge und Migrant_innen, "besorgte Bürger" protestieren gegen Unterkünfte für Asylsuchende. Aber vielerorts gibt es Menschen, die rassistische und rechtsextremistische Hetze bekämpfen und Flüchtlinge unterstützen. In Teil 6 unserer News-Serie über gelebte Willkommenskultur berichten wir über eine der progressivsten Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland.

„Es ist das Recht jedes Ein­zel­nen, Asyl zu suchen – es ist die Pflicht unse­rer Gesell­schaft, dar­auf ein­zu­ge­hen.“ (aus einem Video über das Hotel von Stu­die­ren­den der Augs­bur­ger Hoch­schu­le)

Ein Pro­jekt, das alle Inter­es­sen berück­sich­tigt, ein Bau­vor­ha­ben, das alle berei­chert, ein Haus, das jeden Will­kom­men heißt, soll­te es wer­den. Asyl­su­chen­de, Nachbar/innen, Künstler/innen und ande­re Gäs­te auf Zeit sol­len kom­men und blei­ben dür­fen, sich tref­fen, ken­nen­ler­nen, aus­tau­schen und krea­tiv sein.

Das Gus­tav-Erhard-Haus, ein ehe­ma­li­ges Senio­ren­heim im Besitz der Augs­bur­ger Dia­ko­nie, befin­det sich inmit­ten des Dom­vier­tels im Her­zen der Augs­bur­ger Alt­stadt. Es stand schon eini­ge Zeit leer, was der Trä­ge­rin Kos­ten ver­ur­sach­te, ohne dabei einen Nut­zen aus dem Gebäu­de zu zie­hen. Als die Lan­des­re­gie­rung den Auf­trag zu ver­ge­ben hat­te, eine Gemein­schafts­un­ter­kunft für Asyl­su­chen­de ein­zu­rich­ten, sah sie sich in der Pflicht, zu han­deln. Nur man­che Anwohner/innen fühl­ten sich über­gan­gen.

Asyl­su­chen­de mit­ten­drin

Inzwi­schen kom­men der Eine oder die Ande­re auch mal mit den Jüngs­ten der Fami­lie zum Spie­len vor­bei, wenn das Grand­ho­tel Cos­mo­po­lis zum »Papa-Mama-Kind-Spiel­platz« wird. Oder sie tref­fen sich Mitt­woch abends im Hotel­ca­fé »Lob­by«, um eige­ne Plat­ten auf­zu­le­gen, bis die rest­li­chen Gäs­te ande­re Musik for­dern. Und wo bei all­dem sind die Asyl­su­chen­den? Mit­ten­drin. Sie haben ihre Zim­mer, wie alle ande­ren Gäs­te des Hotels auch, in eige­nen Eta­gen zwi­schen Ate­liers, Foto- und Ton­stu­di­os. Sie hel­fen mit, wenn sie kön­nen, kom­men zu den Film­aben­den, kön­nen selbst Kunst schaf­fen oder woh­nen ein­fach im Hotel.

Eine Grup­pe von Unterstützer/innen hat sich zusam­men­ge­fun­den, die bei Behör­den­gän­gen beglei­ten, über­set­zen, zu einem Plausch vor­bei­kom­men und auch im Not­fall alles ver­su­chen, wenn eine Abschie­bung droht. Wie in Bay­ern üblich bekom­men die Geflüch­te­ten auch im Grand­ho­tel statt Geld für Nah­rungs­mit­tel nur Essens­pa­ke­te. Hier wer­den die­se aller­dings in der Hotel­lob­by aus­ge­ge­ben, um auf die­sen und ande­re Miss­stän­de auf­merk­sam zu machen. Die Lis­te der Unterstützer/innen des Hotels ist lang, denn ohne die vie­len hel­fen­den Hän­de wäre das Pro­jekt nicht inner­halb von nur zwei Jah­ren umsetz­bar gewe­sen.

Hil­fe aus der Nach­bar­schaft

Eine benach­bar­te Bäcke­rei schenkt zum Früh­stück Bröt­chen, Bre­zeln und Gebäck, Ein­rich­tungs- und Sozi­al­kauf­häu­ser, ein Schwes­tern­wohn­heim und meh­re­re Unter­neh­men stell­ten Möbel, Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de und Bau­ma­te­ria­li­en zur Ver­fü­gung. Und natür­lich ist da die Dia­ko­nie, die, wie der Ver­ein schreibt, von Anfang an an die Idee geglaubt hat. Sie über­nahm die Sach­kos­ten, wäh­rend Künstler/innen das Hotel reno­vier­ten und die Gäs­te­zim­mer gestal­te­ten und die Bezirks­re­gie­rung – wie gesetz­lich fest­ge­legt – für die Unter­brin­gung der Geflüch­te­ten auf­kommt.

Eine »sozia­le Skulp­tur« in Augs­burgs Her­zen woll­te das Grand­ho­tel wer­den. Es ist ein klei­ner sozia­ler Kos­mos, ein Ort für Begeg­nun­gen gewor­den, der wirk­lich allen Gäs­ten offen steht. Das Grand­ho­tel kann über die Web­site www.grandhotel-cosmopolis.org kon­tak­tiert wer­den.

Anja Schwal­be

Den Text haben wir der von PRO ASYL und der Ama­deu-Anto­nio-Stif­tung gemein­sam her­aus­ge­ge­be­nen Bro­schü­re Refu­gees Wel­co­me – Gemein­sam Will­kom­mens­kul­tur gestal­ten ent­nom­men.  

Gemein­sam gegen Ras­sis­mus! 

PRO ASYL ruft dazu auf, ras­sis­ti­schen Vor­ur­tei­len ent­schie­den zu wider­spre­chen, Flücht­lin­ge will­kom­men zu hei­ßen und sich rech­ten Het­zern in den Weg zu stel­len.

Bit­te infor­mie­ren Sie sich unter fol­gen­den Links:

 Gemein­sam gegen Ras­sis­mus! (20.03.14)

 Will­kom­mens­kul­tur sel­ber machen! (05.03.14)

 Neue Bro­schü­re klärt über rech­te Het­ze auf (04.03.14)

 Neue Bro­schü­re: Fak­ten und Argu­men­te gegen Vor­ur­tei­le (04.03.14)