16.04.2014
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Notaufnahme für Kinder - nur mit den richtigen Dokumenten? Foto: flickr / blu-news.org

Medienberichten zufolge ist in Hannover ein Flüchtlingsbaby gestorben, nachdem die Mutter offenbar vom Krankenhaus wegen fehlender Dokumente abgewiesen worden war. Ein weiterer erschütternder Fall, der zeigt, dass das Asylbewerberleistungsgesetz Flüchtlinge und Geduldete tödlichen Risiken aussetzt.

Erst ges­tern waren Bediens­te­te einer Asyl­be­wer­ber­ein­rich­tung ver­ur­teilt wor­den, weil sie 2011 dem tod­kran­ken klei­nen Leo­nar­do nicht recht­zei­tig gehol­fen hat­ten. Leo­nar­do hat knapp über­lebt – mit blei­ben­den gesund­heit­li­chen Fol­gen.

Am sel­ben Tag des Urteils zum Fall Leo­nar­do berich­ten die Bild-Zei­tung und ande­re Medi­en, dass in Han­no­ver  eine Kin­der­kli­nik die Asyl­su­chen­de Vida M. mit ihrem ein Mona­te alten Joshua abge­wie­sen haben soll, weil die Mut­ter kein Doku­ment vor­le­gen konn­te, das die Über­nah­me der Behand­lungs­kos­ten regelt. Das Baby starb kurz dar­auf. Die Staats­an­walt­schaft ermit­telt. „Es könn­te in die­sem Fall um fahr­läs­si­ge Tötung gehen“, zitiert das NDR die Spre­che­rin der Staats­an­walt­schaft Han­no­ver.

Das Pro­blem liegt jedoch viel tie­fer als per­sön­li­ches Fehl­ver­hal­ten: Para­graph 4 des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes sieht vor, dass Asyl­su­chen­de nur Anspruch auf die Behand­lung aku­ter Erkran­kun­gen und Schmerz­zu­stän­de haben. Häu­fig maßen sich medi­zi­nisch inkom­pe­ten­te Bediens­te­te die Ent­schei­dung an, ob behand­lungs­wür­di­ger Not­fall vor­liegt oder nicht. Und Ärz­te und Kran­ken­häu­ser sind sich nicht sel­ten unsi­cher, ob die Kos­ten einer Behand­lung auch erstat­tet wer­den. Das führt zu schwe­rer Dis­kri­mi­nie­rung der Betrof­fe­nen im Gesund­heits­we­sen – im jüngs­ten Fall in Han­no­ver mit töd­li­chen Fol­gen.

Bun­des­weit lie­gen meh­re­re sol­che Fäl­le vor, in denen Asyl­su­chen­de fast oder voll­ends zu Tode ver­wal­tet wur­den. Der 43-jäh­ri­ge Ahmed J. aus Liby­en, Vater zwei­er klei­ner Kin­der, starb am 14. Febru­ar 2014 in einer Flücht­lings­un­ter­kunft im säch­si­schen Plau­en. Ein Wach­schutz­mit­ar­bei­ter hat­te fast zwei Stun­den lang kei­ne Hil­fe geholt, obwohl sich der Mann vor Schmer­zen auf dem Boden krümm­te.

Flücht­lin­ge müs­sen drin­gend unbü­ro­kra­ti­schen Zugang zu medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung erhal­ten. Die Lan­des­re­gie­rung Bre­men stellt etwa mit einem Ver­trag mit der AOK sicher, dass die Betrof­fe­nen eine Ver­si­cher­ten­kar­te der AOK erhal­ten – das gewährt ihnen Zugang zu regu­lä­rer medi­zi­ni­scher Hil­fe.

Gene­rell gilt:  Das dis­kri­mi­nie­ren­de Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz muss drin­gend abge­schafft wer­den.

Pres­se­mit­tei­lung des Flücht­lings­rat Nie­der­sach­sen

 Gesetz­lich ver­ord­ne­te Lebens­ge­fahr – Das deut­sche Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz (22.05.15)

 Fall Leo­nar­do: Mit­ar­bei­ter von Asyl­be­wer­ber­un­ter­kunft zu Geld­stra­fen ver­ur­teilt (16.04.14)

 Unter­las­se­ne Hil­fe­leis­tung? – Flücht­ling stirbt in Unter­kunft (18.02.14)