28.02.2020
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Statt des im Grundgesetz verbrieften Rechtes auf Familie gibt es für Flüchtlinge mit subsidiärem Status seit August 2018 ein Gnadenkontingent von 1.000 Visa im Monat. Und nicht einmal das wird vollends ausgeschöpft. Foto: PRO ASYL

Die Visaerteilungen für Familienangehörige von subsidiär Schutzberechtigten schleppen sich über Jahre hin. Nach 18 Monaten Gnadenkontingent ist klar: Die Bundesregierung kommt nicht einmal dem veranschlagten Minimalkonsens nach. Tausende geflüchtete Familien leben seit Jahren getrennt und warten weiter auf ein Visum.

Ein­ein­halb Jah­re nach der de fac­to Abschaf­fung des Rechts­an­spruchs und der Ein­füh­rung eines Gna­den­rechts bei der Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten (sog. »Fami­li­en­nach­zugs­neu­re­ge­lungs­ge­setz«) wird deut­lich: Die Bun­des­re­gie­rung hält nicht ein­mal den poli­tisch getrof­fe­nen Mini­mal­kon­sens ein. Die Gro­ße Koali­ti­on hat­te sich nach einem lan­gen Streit in einem Kom­pro­miss auf ein monat­li­ches Gna­den­kon­tin­gent nach Ermes­sen von 1.000 Visa für Ange­hö­ri­ge die­ser Per­so­nen­grup­pe geei­nigt.

Ein Fünftel des Kontingents nicht erfüllt

18 Mona­te nach Inkraft­tre­ten der Rege­lung zeigt sich: Genau 20 Pro­zent, also ein Fünf­tel des ver­spro­che­nen Visa­kon­tin­gents wur­den bis­her nicht aus­ge­schöpft. Nach 18 Mona­ten haben die deut­schen Aus­lands­ver­tre­tun­gen von den poli­tisch ver­spro­che­nen 18.000 mög­li­chen Visa bis Ende Janu­ar 2020 erst 14.404 Visa erteilt (2018: 2.612, 2019: 11.133 laut Ple­nar­pro­to­koll 15. Janu­ar 2020, Janu­ar 2020: 659 laut Aus­kunft des Aus­wär­ti­gen Amtes).

Schutzbedürftige bleiben außen vor  

Im glei­chen Zeit­raum wur­den aber selbst beson­ders schutz­be­dürf­ti­ge Grup­pen auf hart­her­zi­ge Art und Wei­se vom Visum­ver­fah­ren aus­ge­schlos­sen:

→ min­der­jäh­ri­ge Geschwis­ter von unbe­glei­te­ten min­der­jäh­ri­gen Flücht­lin­gen, denen die gemein­sa­me Ein­rei­se mit ihren Eltern nach Deutsch­land ver­wehrt wird.

→ Kin­der, die wäh­rend der 2,5 jäh­ri­gen voll­stän­di­gen Aus­set­zung der Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten vom Früh­jahr 2016 bis Som­mer 2018 die Voll­jäh­rig­keit erreicht haben.

Leid der Familien setzt sich fort

Das durch die lan­gen Fami­li­en­tren­nun­gen erzeug­te Leid der bis­her aus­ge­schlos­se­nen Fami­li­en ist uner­mess­lich. Die Bun­des­re­gie­rung ver­sucht den Ein­druck zu ver­mit­teln, sie habe die Pro­ble­me beim Fami­li­en­nach­zug gelöst. Das ist aber falsch: Es gibt in Deutsch­land Fami­li­en, die seit Jah­ren dar­auf war­ten, wie­der zusam­men­le­ben zu kön­nen. Die­se Situa­ti­on ist für die Betrof­fe­nen uner­träg­lich.

Visa-Zahlen gehen nach unten

Schon seit Som­mer 2019 kann auf Basis der Zah­len des Aus­wär­ti­gen Amtes fest­ge­stellt wer­den, dass die monat­lich erteil­ten Visa signi­fi­kant unter den ver­spro­che­nen 1.000 lie­gen. Zuletzt hat das Aus­wär­ti­ge Amt im Janu­ar 2020 sogar nur 659 Visa erteilt (sie­he Gra­fik).

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In den letz­ten Mona­ten seit August 2019 blieb die Zahl der erteil­ten Visa regel­mä­ßig deut­lich unter den mög­li­chen 1.000 pro Monat (ABH=Ausländerbehörde, BVA=Bundesverwaltungsamt, Visa=Vergabe durch Aus­wär­ti­ges Amt).

Bürokratie und Bremsklötze

Das bewusst als büro­kra­ti­scher Dschun­gel gestal­te­te Ver­fah­ren wird wei­ter­hin nicht ent­schlackt.  Betei­ligt sind Aus­lands­ver­tre­tun­gen, teil­wei­se unter­stützt durch die Inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­ti­on für Migra­ti­on (IOM), kom­mu­na­le Aus­län­der­be­hör­den und Bun­des­ver­wal­tungs­amt.

Die jüngs­ten Zah­len des Aus­wär­ti­gen Amtes zei­gen, dass der Brems­klotz bei der Antrags­be­ar­bei­tung der­zeit deut­lich bei den betei­lig­ten kom­mu­na­len Aus­län­der­be­hör­den in den Bun­des­län­dern liegt. Wäh­rend in den ers­ten acht­zehn Mona­ten der Neu­re­ge­lung bereits 20.645 Visa­an­trä­ge von den deut­schen Aus­lands­ver­tre­tun­gen an die kom­mu­na­len Aus­län­der­be­hör­den wei­ter­ge­lei­tet wur­den, bear­bei­te­ten die­se im glei­chen Zeit­raum nur 14.708 Anträ­ge und lei­te­ten die­se zum Bun­des­ver­wal­tungs­amt zur abschlie­ßen­den Prü­fung wei­ter.

Tausende Familien weiter getrennt

Wei­ter­hin war­ten aller­dings 22.000 Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge auf einen Ter­min. Den deut­schen Aus­lands­ver­tre­tun­gen lie­gen nach Anga­ben des Aus­wär­ti­gen Amtes so vie­le unbe­ar­bei­te­te Ter­min­an­fra­gen vor (vgl. Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf Anfra­ge, Sit­zung des Deut­schen Bun­des­ta­ges, 15. Janu­ar 2020)

Mehr Personal – und Recht auf Familie wiederherstellen

Es wäre drin­gend erfor­der­lich, dass die Bun­des­re­gie­rung gemein­sam mit den Innen­mi­nis­te­ri­en der Bun­des­län­der ernst­haft auf eine Beschleu­ni­gung der Ver­fah­ren hin­wirkt. Gleich­zei­tig muss die Bun­des­re­gie­rung das Aus­wär­ti­ge Amt so aus­stat­ten, dass min­des­tens dop­pelt so vie­le Antrags­ver­fah­ren monat­lich auf­ge­nom­men wer­den kön­nen als bis­her. Letzt­end­lich hilft aber nur die voll­stän­di­ge Wie­der­her­stel­lung des Rechts auf Fami­li­en­le­ben auch für sub­si­di­är Geschütz­te.

Wir erin­nern uns: Die Abschaf­fung des Rechts­an­spruchs basier­te auch auf weit ver­brei­te­ten abwe­gi­gen Pro­gno­sen der Bun­des­re­gie­rung über die Zahl der nach­zie­hen­den Ange­hö­ri­gen, die sich aller­dings fak­tisch als deut­lich gerin­ger her­aus­stell­te.

Karim Alwasiti/akr