11.04.2014
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Essensgutscheine stigmatisieren Asylsuchende nicht nur beim Einkauf. Sie sind auch in der Regel mit Beschränkungen auf bestimmte Geschäfte und/oder Waren verbunden - eine Diskriminierung, die auf Abschreckung zielt. Bild: Flüchtlingsrat Thüringen

Rechte Scharfmacher machen mobil gegen Flüchtlinge und Migrant_innen, "besorgte Bürger" protestieren gegen Unterkünfte für Asylsuchende. Aber vielerorts gibt es Menschen, die rassistische und rechtsextremistische Hetze bekämpfen und Flüchtlinge unterstützen. Als vierten Teil unserer News-Serie über gelebte Willkommenskultur berichten wir über eine Initiative in Thüringen.

In den letz­ten bei­den Jah­ren haben immer mehr Land­krei­se und Kom­mu­nen haben die dis­kri­mi­nie­ren­den Essens­gut­schei­ne für Asyl­su­chen­de abge­schafft und zah­len statt­des­sen Bar­geld aus. Damit kön­nen Flücht­lin­ge selbst­be­stimmt und dis­kri­mi­nie­rungs­frei ein­kau­fen. Zu den­je­ni­gen, die am repres­si­ven Gut­schein­sys­tem fest­hal­ten, gehört der Land­reis Wei­ma­rer Land in Thü­rin­gen. 

Seit dem Herbst 2010 unter­stützt dort die Gut­schein­tausch-Initia­ti­ve Apol­da Asyl­su­chen­de. Die Grup­pe tauscht Wert­gut­schei­ne in Bar­geld, um den Flücht­lin­gen in dem Städt­chen bei Jena einen diskriminierungsfrei(er)en und selbst­be­stimm­ten Ein­kauf zu ermög­li­chen. Im Herbst 2013 wur­de die Gut­schein­tausch-Initia­ti­ve Apol­da drei Jah­re alt.

Gut­schei­ne: Armuts­zeug­nis für Wei­ma­rer Land

Dies bedeu­tet 35 Tausch­ak­tio­nen und min­des­tens 20.000 €, die getauscht wur­den. Ein Grund zum Fei­ern, ist das aller­dings nicht, son­dern ein Armuts­zeug­nis für das Wei­ma­rer Land. Freu­en kann man sich immer­hin dar­über, dass sich Men­schen über die­sen lan­gen Zeit­raum hin­weg zusam­men­ge­fun­den haben. Mit dem Enga­ge­ment ver­bun­den war auch immer das Ziel, nicht nur das Gut­schein­sys­tem für Asyl­su­chen­de abzu­schaf­fen, son­dern auch durch die per­sön­li­chen Kon­tak­te die Iso­la­ti­on der in Apol­da leben­den Flücht­lin­ge zu durch­bre­chen.

Ziem­lich ver­kom­pli­ziert wird die Orga­ni­sa­ti­on des Tau­sches dadurch, dass der Groß­teil der Unterstützer_innen aus Jena kommt. Eini­ge stu­die­ren. Sie blei­ben nicht dau­er­haft in der Stadt und der Initia­ti­ve, weil sie nach Ende des Stu­di­ums weg­zie­hen. Des­halb freut sich die Gut­schein­tausch-Initia­ti­ve Apol­da immer über wei­te­re Unter­stüt­zung!

So funk­tio­niert der Aus­tausch

Kon­kret sieht der Aus­tausch so aus: Jeden ers­ten Mon­tag im Monat fin­det ein Tausch­tref­fen im Bür­ger­bü­ro der LINKEN in Apol­da statt. Eini­ge Mit­glie­der der Initia­ti­ve orga­ni­sie­ren am sel­ben Tag den Tausch in Jena mit. Dort befin­det sich ein Brief­kas­ten, den Jena­er WGs und Ein­zel­per­so­nen für Geld und Ein­kaufs­lis­ten nut­zen. Nicht alle sind mobil oder haben Zeit, selbst nach Apol­da zu fah­ren, um ihr Geld gegen Gut­schei­ne ein­zu­tau­schen. 

Das über­neh­men dann ande­re von der Gut­schein­tausch-Initia­ti­ve. Sie fah­ren im Klein­bus von Jena nach Apol­da, tau­schen das Geld ein und kau­fen mit den Gut­schei­nen ein. Die Waren brin­gen sie dann wie­der nach Jena, wo der bestell­te Ein­kauf abends abge­holt wer­den kann – ein sehr auf­wän­di­ges Ver­fah­ren, weil die Gut­schei­ne lei­der nur in Apol­da ein­ge­löst wer­den kön­nen. 

Damit auch zukünf­tig ein Tausch statt­fin­den kann, die Iso­la­ti­on der Geflüch­te­ten im Wei­ma­rer Land gebro­chen wird und einem mehr als umstrit­te­nen Land­rat gezeigt wird: „So nicht!“, müs­sen immer genü­gend Akti­ve mit­ma­chen.

Infor­ma­tio­nen erteilt die Gut­schei­nin­itia­ti­ve Apol­da per E-Mail: gutscheintausch(at)gmx.de

Ulri­ke Kirsch

Den Text haben wir dem Info-Heft des Flücht­lings­rats Thü­rin­gen ent­nom­men. Er ist hier in leicht über­ar­bei­te­ter Form wie­der­ge­ge­ben. 

Gemein­sam gegen Ras­sis­mus! 

PRO ASYL ruft dazu auf, ras­sis­ti­schen Vor­ur­tei­len ent­schie­den zu wider­spre­chen, Flücht­lin­ge will­kom­men zu hei­ßen und sich rech­ten Het­zern in den Weg zu stel­len.

Bit­te infor­mie­ren Sie sich unter fol­gen­den Links:

 Gemein­sam gegen Ras­sis­mus! (20.03.14)

 Will­kom­mens­kul­tur sel­ber machen! (05.03.14)

 Neue Bro­schü­re klärt über rech­te Het­ze auf (04.03.14)

 Neue Bro­schü­re: Fak­ten und Argu­men­te gegen Vor­ur­tei­le (04.03.14)