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Merz’ Syrien-Fantasie und die brutale Realität
Am 30. März 2026 sendet Bundeskanzler Merz an rund 900.000 in Deutschland lebende Syrer*innen eine Botschaft, die im Klartext lautet: »Geht! Und zwar 80 Prozent von euch und innerhalb der nächsten drei Jahre.« Aus solchem Wunschdenken werden Luftschlösser gebaut, nicht aber ein sicheres Syrien.
Auch über ein Jahr nach dem Sturz des Diktators Bashar al-Assad und der Übernahme durch den Interimspräsidenten Ahmed al-Sharaa (auch bekannt als al-Dscholani) bleibt die humanitäre Situation, die politische Stabilität und die Sicherheitslage in Syrien äußerst angespannt.
Prekäre humanitäre Lage in allen Lebensbereichen
Mehr als 13 Jahre Bürgerkrieg haben die zivile Infrastruktur in weiten Teilen des Landes zerstört. Der Bevölkerung mangelt es bis heute an grundlegenden Dienstleistungen wie Wohnraum, Gesundheitsversorgung, Elektrizität, Bildung, öffentlicher Transport sowie Wasser- und Sanitärversorgung. Zusätzlich verschärfen gegenwärtig schwere Treibstoffengpässe und weiter steigende Lebensmittelpreise die wirtschaftliche Situation vieler Haushalte. Der durchschnittliche Lohn deckt nur etwa ein Drittel des Grundbedarfs ab.
Zwar haben im Jahr 2025 die Vereinigten Staaten sowie die Europäische Union weitreichende Wirtschaftssanktionen gegen Syrien aufgehoben, die das Land zuvor weitgehend vom internationalen Bankensystem und der globalen Wirtschaft isoliert hatten. Aber die sozioökonomische Lage der Bevölkerung bleibt weiterhin prekär. Im Jahr 2025 lebten mehr als 90 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze und mit rund 16,5 Millionen Menschen ist ein erheblicher Teil weiterhin auf humanitäre Hilfe angewiesen. Darüber hinaus haben etwa 14,56 Millionen Menschen Schwierigkeiten, ausreichend Nahrung zu erhalten.
Mehr als 13 Jahre Bürgerkrieg haben die zivile Infrastruktur in weiten Teilen des Landes zerstört.
Trotz des hohen Bedarfs bleibt die Finanzierung internationaler humanitärer Hilfe unzureichend. Nach Angaben des United Nations High Commissioner for Refugees standen bis September 2025 lediglich 24 Prozent der eigentlich benötigten Mittel zur Verfügung.
Die Folgen des Konflikts zeigen sich auch im Wohnungssektor. Allein im Gouvernement Homs werden etwa 35.000 zerstörte Häuser geschätzt. Für viele Rückkehrer*innen sowie ihren Familien ist es daher äußerst schwierig, angemessenen Wohnraum zu finden. Gleichzeitig sind die Mietpreise in unzerstörten Stadtteilen häufig so hoch, dass sie für große Teile der Bevölkerung unerschwinglich sind. Die Kombination aus Wohnraummangel, steigenden Mietpreisen sowie fortbestehenden sektiererischen Spannungen und veränderten Machtverhältnissen hat in Homs zudem zu einer Welle von Enteignungen und Verletzungen von Wohnrechten geführt.
Millionenfache Flüchtlinge im In- und Ausland
Infolge des Bürgerkriegs wurden Millionen Syrer*innen vertrieben. Nach dem Sturz Assads im Dezember 2024 bis Dezember 2025 sind rund 1.07 Millionen syrische Geflüchtete aus dem Ausland in ihre Herkunftsgebiete zurückgekehrt. Rund 3,7 Millionen befinden sich mit Stand von Mitte März 2026 weiterhin im Ausland.
Im Inland kehrten in einem Jahr nach dem Sturz Assads schätzungsweise 1,91 Millionen Binnenflüchtlinge in ihre Heimatregionen zurück. Die wichtigsten Zielregionen dieser Rückkehrbewegungen sind das Gouvernement Damaskus sowie Aleppo, Idlib, Homs und das Umland von Damaskus.
Gleichzeitig finden weiterhin umfangreiche Binnenvertreibungen statt – beispielsweise nach den Massakern in Suweida im Juli 2025, bei denen rund 200.000 Menschen vertrieben wurden und bei den Kämpfen in Nordost-Syrien, bei denen an nur einem Tag im Januar 2026 rund 146.000 Tausend Menschen vertrieben wurden.
Insgesamt lebten Anfang 2026 mehr als fünf Millionen Binnenvertriebene im ländlichen Syrien, verteilt auf mehr als 1.500 Lager und informelle Siedlungen.
Keine garantierte Sicherheit für Rückkehrer*innen
Insbesondere für Menschen aus ländlich gelegenen Heimatregionen kann eine Rückkehr aufgrund der materiellen Hinterlassenschaften des Krieges lebensgefährlich werden. Bereits in dem Zeitraum Dezember 2024 bis Dezember 2025 führten wegen nicht geräumter Landminen oder nicht explodierter Munitionen unkoordinierte und teilweise spontane Rückkehrbewegungen zu 1.022 Verletzten und 590 Toten.
Mehr als ein Jahr nach dem Sturz Assads existiert weiterhin kein umfassender nationaler Plan, der die Sicherheit von Rückkehrer*innen zum Beispiel vor solchen Gefahren gewährleistet. Zudem ist derzeit damit zu rechnen, dass der sich ausweitende Iran-Krieg kurzfristig neue Fluchtbewegungen auslösen:
Am 28. Februar 2026 führten gemeinsame Luftangriffe der Vereinigten Staaten und Israels auf die Islamische Republik Iran zu einer militärischen Eskalation in der Region. Die darauf folgenden Gegenangriffe Irans weiteten die militärische Konfrontation auf weitere Staaten der Region. Aus dem Libanon verzeichnet Syrien ab dem 2. März daher einen deutlichen Anstieg von Einreisen. Allein in den ersten fünf Tagen überquerten mehr als 65.000 Personen – überwiegend syrische, aber auch libanesische Staatsangehörige – die Grenzübergänge nach Syrien, im gesamten März waren es 202.477 Personen. Die häufigsten Zielorte Ar-Raqqa, Damaskus und Homs stehen dadurch unter wachsendem Druck. Die
IOM-Generaldirektorin Amy Pope warnt vor einer noch »weitaus größeren Vertreibungskrise«, die die lokalen Kapazitäten überlasten und neue Binnenvertreibungen auslösen kann.
Angesichts der instabilen humanitären Lage, die auch das Auswärtige Amt als »volatil« bezeichnet, warnt PRO ASYL vor Abschiebungen nach Syrien
Angesichts der instabilen humanitären Lage, die auch das Auswärtige Amt als »volatil« bezeichnet, warnt PRO ASYL vor Abschiebungen nach Syrien und fordert stattdessen:
- Einen sofortigen und uneingeschränkten Abschiebestopp nach
- Keine Ablehnungen im Asylverfahren von syrischen Schutzsuchenden und mindestens Schutz für Angehörige von Minderheiten.
- Keine Widerrufsverfahren, solange Unterdrückung, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen anhalten.
- Keine politische Normalisierung oder diplomatische Aufwertung von Akteuren, die für schwere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind.
- Eine Syrienpolitik, die sich nicht an kurzfristiger migrationspolitischer Abschreckung, sondern an Menschenrechten, Schutz und einer realistischen Einschätzung der Sicherheitslage in Syrien orientiert.
- Eine verantwortungsvolle und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkende Integrationspolitik. Menschen, die vor Jahren einem brutalen Bürgerkrieg entflohen und längst Teil der deutschen Gesellschaft geworden sind, müssen als gleichwertige Bürger*innen behandelt werden, anstatt sie immer wieder mit Rückkehrforderungen auszugrenzen.
(ds, fw)