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»Wir sind alle traumatisiert«
Am 3. Februar 2026 starben bei der Kollision zwischen einem Flüchtlingsboot und einem Schiff der griechischen Küstenwache vor der Insel Chios 15 Menschen und zwei ungeborene Babys. 24 Menschen wurden teils schwer verletzt. Unsere Kollegin Natassa Strachini, die schon kurz nach dem Unglück vor Ort war, schildert uns ihre Eindrücke.
Natassa lebt auf Chios und arbeitet als Rechtsanwältin bei der Menschenrechtsorganisation Refugee Support Aegean (RSA) – der Schwesterorganisation von PRO ASYL. Sie engagiert sich seit mehr als 25 Jahren für Flüchtlinge. RSA vertritt drei der Familien, die das Schiffsunglück überlebt, aber Angehörige dabei verloren haben.
Natassa, vor acht Tagen gab es vor der Küste von Chios, der Insel, auf der du lebst, ein tödliches Schiffsunglück. Woran erinnerst du dich, wenn du an diesen Dienstagabend denkst?
Es war gegen zehn Uhr an einem ruhigen Abend. Ich war zu Hause und habe mir ein Online-Seminar über Literatur angesehen. Plötzlich erhielt ich eine Nachricht von einer Freundin, die mich fragte, was passiert sei. Ich habe sofort im Internet nachgeschaut. Es war bereits in den Schlagzeilen: ein großes Schiffsunglück auf der Insel – mit vielen Opfern. Im nächsten Moment saß ich in meinem Auto und fuhr zur Küste. Etwa eine Stunde nach der Veröffentlichung der Nachricht war ich also dort, an der Küste, wo sich der Vorfall ereignet hatte. Ich konnte den Hubschrauber über dem Wasser kreisen sehen. Da war mir klar, dass sie noch nach Menschen suchten.
Ich eilte zum Krankenhaus. Ich sah Krankenwagen, die die Toten in Säcken transportierten. Wir durften nicht näherkommen, aber wir konnten die Säcke sehen. Sie wurden in einen speziellen Bereich des Krankenhauses gebracht, einer nach dem anderen. Wir durften nicht hineingehen. Aber die Leute, die wir kennen und die im Krankenhaus arbeiten, kamen immer wieder heraus, um mit uns zu sprechen und uns Neuigkeiten mitzuteilen. Die Ärzt*innen, die die Verletzten und Toten als Erste sahen, bezeichneten es als Massaker. Es ist nicht nur so, dass diese Menschen nicht gerettet wurden. Es war nicht nur ein Schiffsunglück. Es war mehr als das. Sie sagten, es sei, als hätte es zehn Autounfälle gleichzeitig gegeben. Sie sagten, die Toten hätten sehr schwere Kopfverletzungen gehabt. Dass Blut aus den Leichensäcken tropfte. Die Ärzt*innen standen unter Schock, die Krankenschwestern und Pfleger – sie alle standen unter Schock.
»Es ist nicht nur so, dass diese Menschen nicht gerettet wurden. Es war nicht nur ein Schiffsunglück. Es war mehr als das. Die Ärzt*innen sagten, es sei, als hätte es zehn Autounfälle gleichzeitig gegeben. Sie sagten, die Toten hätten sehr schwere Kopfverletzungen gehabt. Dass Blut aus den Leichensäcken tropfte.«
Und was war mit dir? Warst du unter Schock? Oder gewöhnt man sich nach so vielen Jahren, in denen man solche Tragödien miterlebt hat, fast daran?
Nein, daran kann man sich nie gewöhnen. Die Krankenschwestern sagten, dass es diesmal anders war als bei früheren Schiffsunglücken, bei denen wir alle schon Tote gesehen haben. Weil die Verstorbenen diesmal so schwere Verletzungen hatten. Das war etwas anderes. Und jedes Mal, wenn so etwas passiert, kommen die Erinnerungen aller früheren Erfahrungen wieder hoch. Wir sind alle traumatisiert. Nicht nur ich. Auch die lokale Bevölkerung ist durch solche Vorfälle traumatisiert. Niemand wünscht sich den Tod dieser Menschen. Es ist sehr, sehr schwer, und niemand kann es fassen. Weißt du, im ersten Moment hoffen wir alle, dass dies nur ein böser Traum ist, aus dem man aufwachen kann. Aber tief im Inneren weiß man sehr wohl, dass dies real ist.
Natassa unterbricht unser Gespräch, weil sie einen Anruf von einem der Überlebenden erhält, der sie aus dem Krankenhaus anruft. Nach ein paar Minuten fährt sie fort:
An Bord waren hauptsächlich Familien. Es gab auch einige alleinstehende Männer, aber vor allem Familien: Von den etwa 40 Menschen hatten wir 11 Kinder und sieben Frauen, die überlebt haben. Fast die Hälfte waren also Kinder und Frauen. Diese Menschen haben Kinder verloren, sie haben Ehemänner verloren, sie haben Ehefrauen verloren. Und so standen und stehen sie alle unter schwerem Schock. Die Kinder … sie haben nicht gesprochen. Sie waren sehr still.
Und diese Familien müssen dann ihre verlorenen Angehörigen identifizieren. Das ist einfach herzzerreißend. Ich war bei einer der Familien, als sie ihre Angehörigen identifizieren musste. Bei der Küstenwache wurden ihnen Fotos gezeigt. Nicht nur eines, sondern viele Fotos der Verstorbenen. Ein Vater musste seinen Sohn, ein Kind, identifizieren. In diesem Fall geschah dies zwei bis drei Tage nach dem Unfall, während die Menschen noch im Krankenhaus lagen.
Was könnt ihr jetzt für sie tun?
Derzeit vertreten wir von RSA drei Familien. Wir helfen ihnen, zu ihrem Recht zu kommen. Am Tag nach dem Vorfall kontaktierte uns ein in Deutschland lebender Flüchtling aus Afghanistan über PRO ASYL, weil sein erwachsener Sohn, seine Schwiegertochter und deren drei Kinder auf dem Boot waren. Zu diesem Zeitpunkt wusste er nicht, ob sie noch lebten oder nicht. Aufgrund seiner Bitte, ihn zu vertreten, erhielten wir Zugang zum Krankenhaus und zur Familie. Die Mutter dieser Familie war im neunten Monat schwanger. Durch den Vorfall hat sie ihr Baby verloren. Sie liegt immer noch auf der Intensivstation. Und ihr 12-jähriger Sohn ist gestorben. Das Wichtigste ist, für sie da zu sein, damit sie sich nicht allein gelassen fühlen. Wir müssen uns um die Bürokratie kümmern, um Verfahren, mit denen sie nicht vertraut sind, und natürlich werden wir sie bis zum Ende ihres Asylverfahrens vertreten und versuchen, Gerechtigkeit für dieses Unglück zu erkämpfen.
»Derzeit vertreten wir von RSA drei Familien. Wir helfen ihnen, zu ihrem Recht zu kommen.«
Wie ist ihre Situation jetzt?
Diese Familie wurde auseinandergerissen. Zunächst wusste der Vater nur, dass seine Frau in einer anderen Abteilung des Krankenhauses lag und er sie nicht sehen durfte. Dann wurde ihm plötzlich mitgeteilt, dass er zusammen mit den beiden überlebenden Kindern und anderen Flüchtlingen nach Athen aufbrechen müsse. Er bat uns um Hilfe, wir intervenierten, und schließlich wurde er ordnungsgemäß informiert und durfte sie sehen. Aber dann musste er seine schwer verletzte Frau, die noch dazu das ungeborene Baby verloren hatte, dort zurücklassen und mit den Kindern nach Athen fahren.
Das ist einfach zu viel für diese Menschen. Sie bekommen nicht genügend Informationen, es gibt keine Dolmetscher*innen. Sie haben mit vielen verschiedenen Stellen zu tun, mit der Küstenwache, der Polizei, dem Krankenhaus. Wir versuchen also, sie bei all dem zu unterstützen. Außerdem werden die Überlebenden in Flüchtlingslager geschickt. Und wir wissen alle sehr genau, dass diese Lager keine geeigneten Orte für Menschen sind, die psychisch und physisch traumatisiert sind.
Man sollte meinen, dass Menschen, die gerade eine so furchtbare Erfahrung gemacht haben, jede nur erdenkliche Unterstützung und vor allem auch Trost erhalten würden.
Ja, stattdessen scheint es, als hätten sie auch alle ihre Rechte verloren. Nicht nur das Recht, am Leben zu sein. Es scheint, als hätten sie alles verloren. Sie wurden behandelt, als wären sie, ich weiß nicht, sie waren zwar nicht in Haft, aber dennoch durfte niemand sie treffen oder sehen. Es schien, als wären sie Kriminelle.
Dabei haben sie doch eigentlich nur überlebt. Es klingt, als würde ihnen ihre Menschlichkeit genommen.
Genau das passiert hier. Ich denke, dass Entmenschlichung das ist, womit wir es hier zu tun haben und womit wir uns tatsächlich auseinandersetzen müssen. Das sind nicht nur Menschen. Es sind Menschen auf der Flucht. Sie sind sowieso schon sehr vulnerabel. Und jetzt sind sie zusätzlich traumatisiert. Sie sind Opfer und Überlebende eines Schiffsunglücks unter Umständen, die dringend geklärt werden müssen.
Wir können jetzt noch nicht über die Details dieses Vorfalls sprechen, da wir die Ergebnisse der Untersuchung abwarten müssen. Aber kannst du uns beschreiben, was derzeit auf Chios geschieht? Wie ist die Stimmung?
Die Einheimischen, die Menschen auf Chios, sind gespalten. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die sich für die Flüchtlinge einsetzen. Ich kann nicht sagen, wie viele das sind. Wir wissen, dass Leute im Krankenhaus angerufen haben, weil sie helfen wollten. Sie haben Unterstützung angeboten, Spielzeug für die Kinder gebracht. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die die Leute von der Küstenwache als mutige Männer, als wahre Helden feiern. Sie betrachten das Schiffsunglück als »entscheidenden Sieg «.
Und wie ist die Situation für euch, für die Zivilgesellschaft?
Es herrscht eindeutig Feindseligkeit. Und es gibt offene Angriffe seitens unserer Regierung. Der Gesundheitsminister hat einer NGO vorgeworfen, die überlebenden Flüchtlinge zu manipulieren. Damit diese sagen, dass die Küstenwache den Unfall verursacht habe. Ich glaube, wir sind jetzt alle in gewisser Weise ins Visier geraten. Der Minister erklärte, dass auch der Geheimdienst eingeschaltet worden sei. Sie versuchen, das Narrativ zu ändern.
Es war für uns alle sehr schwierig, Zugang zu den Überlebenden zu bekommen. Ich würde sogar sagen, dass sie aktiv isoliert wurden. Im Krankenhaus stand ich neben einem Geflüchteten, und die Krankenhausverwaltung verlangte von mir eine schriftliche Genehmigung, um ihn zu treffen. Das macht keinen Sinn. Als Anwältin braucht man keine Genehmigung von jemandem, den man vertritt, wenn diese Person nach einem fragt und anwesend ist.
Einem Team von Ärzte ohne Grenzen, das am Tag nach dem Vorfall vor Ort war, um psychologische Hilfe zu leisten, wurde der Zugang zu den Überlebenden verweigert. Sie wurden aus dem Krankenhaus geworfen.
»Ich glaube, wir sind jetzt alle in gewisser Weise ins Visier geraten. Der Minister erklärte, dass auch der Geheimdienst eingeschaltet worden sei. Sie versuchen, das Narrativ zu ändern.«
[Sie macht eine lange Pause.]
Weißt du, diese tödlichen Schiffsunglücke passieren immer wieder. Und man versteht nicht, warum. Es ist absurd. Man findet keinen einzigen Grund, warum das immer wieder passiert. Dass wir so viele Tote haben, Kinder mit schweren Verletzungen. Ich verstehe es nicht. Ich finde keine einzige Entschuldigung dafür, dass wir Menschen bis heute so behandeln.
Du hast in den letzten acht Tagen so hart für die Rechte der Überlebenden und die Würde der Verstorbenen gekämpft. Wie hältst du das alles aus?
Ich habe im Moment weder die Zeit noch das Recht, mich mit meinen Gefühlen zu beschäftigen. Ich muss tun, was ich tun muss, um diese Familien zu unterstützen. Das Gleiche gilt für meine Kolleg*innen in Athen, für unser gesamtes Team. Wir müssen unsere Gefühle beiseitelassen, auch wenn wir natürlich sehr traurig und frustriert sind. Es ist eine Tragödie. Auch wenn ich gar nichts damit zu tun hätte. Einfach als ein normaler, mitfühlender Mensch. Die Menschen in ihrem Schmerz zu sehen. Zu sehen, wie diese Kinder leiden, zu wissen, dass ihre Mutter auf der Intensivstation liegt und sie ihre Geschwister verloren haben. Ohne jeden Grund.
Aber im Moment versuchen wir, unsere innere Ruhe zu bewahren. Damit wir einen klaren Kopf behalten und den Prozess fortsetzen können, denn wir müssen ihr Leben verteidigen. Wir müssen jetzt ihre Stimme sein, um ihre Rechte zu verteidigen. Das ist für sie sehr wichtig. Und so werden ihre Prioritäten jetzt zu unseren Prioritäten. Später können wir uns dann um uns kümmern.
Kommst du manchmal an einen Punkt, an dem du daran denkst, aufzugeben?
Natassa lacht. Dann sagt sie:
Diese Frage wird mir oft von Freund*innen und Menschen in meinem Umfeld gestellt: »Wie lange noch? Wie lange kannst du das noch durchhalten?« Ich weiß es nicht. Ich meine, das ist etwas, das von innen kommt, es ist nichts Logisches. Wir stehen mit ganzem Herzen an der Seite der Menschen und werden ihre Rechte verteidigen, solange wir können. Das ist alles, was wir sagen können. Und niemand weiß, was die Zukunft bringt.
Und was hält dich am Laufen? Gibt es etwas, das dir Hoffnung macht für die Zukunft?
Hoffnung für die Zukunft… Die Geflüchteten geben uns Kraft. Das war schon immer so. Im Grunde ist es ihre Entschlossenheit, Gerechtigkeit zu fordern. Das treibt uns an. In unseren Herzen glauben wir alle an die Menschenrechte, an gleiche Menschenrechte für alle. Aber es sind die Flüchtlinge selbst, die für Gerechtigkeit kämpfen, und das ist, glaube ich, unsere größte Motivation.
Gleichzeitig sehen wir ja alle, dass es täglich schlimmer zu werden scheint. Das betrifft nicht nur Griechenland oder Europa. Ich denke, es ist ein globales Problem. Und wir alle müssen jetzt ein wenig enger zusammenrücken, unsere Zivilgesellschaften. Unser Team zum Beispiel besteht aus 15 Personen. Ohneeinander würden wir es nie schaffen. Wenn ich allein wäre, würde ich es nicht schaffen. Deshalb halte ich es für sehr wichtig, als Team zu agieren und sich gegenseitig zu unterstützen. Das macht einen großen Unterschied.
Das Interview wurde von Agnes Lisa Wegner (PRO ASYL) auf Englisch geführt und ins Deutsche übersetzt.