05.12.2025

Ein Jahr nach dem Sturz des Assad-Regimes ist die Lage in Syri­en wei­ter­hin geprägt von Gewalt, poli­ti­scher Unter­drü­ckung, bewaff­ne­ten Mili­zen und mas­si­ver huma­ni­tä­rer Not. In die­ses unsi­che­re Land darf nie­mand gegen sei­nen Wil­len zurück­ge­scho­ben wer­den. PRO ASYL for­dert des­halb einen bun­des­wei­ten Abschie­be­stopp nach Syri­en und ein Ende der stan­dar­di­sier­ten Ableh­nun­gen von Asyl­an­trä­gen. Statt­des­sen muss das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) kon­se­quent und genau jeden Ein­zel­fall prüfen.

“Zusam­men mit den Men­schen aus Syri­en haben wir den Sturz des Assads-Regimes vor einem Jahr gefei­ert. Doch lei­der wur­de schnell klar: Auch die neu­en Macht­ha­ber set­zen auf Gewalt und Unter­drü­ckung – und kön­nen die Bevöl­ke­rung nicht ein­mal mit dem Lebens­not­wen­di­gen ver­sor­gen. In die­ses gefähr­li­che Land darf nie­mand gegen sei­nen Wil­len zurück­ge­führt wer­den”, sagt Tareq Alaows, flücht­lings­po­li­ti­scher Spre­cher von PRO ASYL.

Ableh­nun­gen mit ver­ein­fach­ten Annahmen

Seit eini­gen Mona­ten häu­fen sich die Ableh­nun­gen von Asyl­an­trä­gen syri­scher Geflüch­te­ter, allein im Okto­ber beka­men mehr als 2.000 Men­schen einen nega­ti­ven Bescheid. Das BAMF arbei­tet dabei oft mit ober­fläch­li­chen Annah­men: Betrof­fe­ne sei­en angeb­lich in Syri­en sicher, ver­füg­ten über fami­liä­re Unter­stüt­zung, hät­ten rea­lis­ti­sche Chan­cen, Arbeit und Woh­nung zu fin­den, könn­ten in einen ver­meint­lich siche­ren Lan­des­teil zie­hen und müss­ten kei­ne Angst vor der Rekru­tie­rung durch bewaff­ne­te Grup­pen haben. Die­se Ein­schät­zun­gen beru­hen jedoch über­wie­gend nicht auf kon­kre­ten Ermitt­lun­gen oder rea­lis­ti­schen Berich­ten. In vie­len Fäl­len ver­zich­tet das Bun­des­amt dar­auf, im Ein­zel­fall zu ermit­teln, ob sol­che Annah­men über­haupt zutreffen.

Gleich­zei­tig prüft und beginnt das BAMF ver­mehrt Wider­rufs­ver­fah­ren mit dem Ziel, Schutz­ti­tel wie­der abzu­er­ken­nen – obwohl Syri­en wei­ter­hin geprägt ist von Unter­drü­ckung, geziel­ten Repres­sio­nen, will­kür­li­chen Fest­nah­men und Mas­sa­kern. Das Vor­ge­hen des BAMF steht also im direk­ten Wider­spruch zur tat­säch­li­chen Sicher­heits­la­ge in Syri­en und setzt Men­schen einem erheb­li­chen Risi­ko aus.

Rea­li­tät vor Ort: Kei­ne Sta­bi­li­sie­rung in Sicht

Auch wenn eini­ge Politiker*innen immer wie­der den Ein­druck erwe­cken, das Land sei auf dem Weg zu Sta­bi­li­tät und Demo­kra­tie: Das Gegen­teil ist der Fall. Trotz des Regime­wech­sels ist Syri­en weit ent­fernt von Sicher­heit oder rechts­staat­li­cher Ord­nung, das berich­ten unter ande­rem inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­tio­nen wie Amnes­ty Inter­na­tio­nal und die Syri­en-Kom­mis­si­on des Hohen Kom­mis­sars der Ver­ein­ten Natio­nen für Men­schen­rech­te. Bewaff­ne­te Grup­pen kon­trol­lie­ren gro­ße Tei­le des Lan­des, staat­li­che Insti­tu­tio­nen sind kaum funk­ti­ons­fä­hig bezie­hungs­wei­se par­tei­isch; und ins­be­son­de­re Min­der­hei­ten, Frau­en, Mäd­chen und LGTBIQ+-Personen sind wei­ter­hin extrem gefähr­det. Inter­na­tio­na­le Beobachter*innen berich­ten von sys­te­ma­ti­schen Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, Ver­trei­bun­gen und mas­si­ver huma­ni­tä­rer Not.

For­de­run­gen von PRO ASYL an Bun­des­re­gie­rung und Bun­des­län­der ein Jahr nach dem Sturz des Assad-Regimes:

●       Bun­des­wei­ter Abschie­be­stopp nach Syri­en, weil das Land nach wie vor nicht sicher ist.

●       Stopp der stan­dar­di­sier­ten Ableh­nun­gen durch das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF). Statt­des­sen sorg­fäl­ti­ge ein­zel­fall­be­zo­ge­ne Ermitt­lun­gen zu mög­li­cher fami­liä­rer Unter­stüt­zung, Rekru­tie­rungs­ri­si­ken sowie rea­lis­ti­schen Arbeits- und Wohnmöglichkeiten.

●       Schnel­le Ent­schei­dun­gen zuguns­ten beson­ders gefähr­de­ter Grup­pen und gleich­zei­ti­ge Zurück­stel­lung der ande­ren Ver­fah­ren bis zu einer belast­ba­ren Lagebeurteilung.

●       Kei­ne Wider­rufs­ver­fah­ren, solan­ge Unter­drü­ckung, Gewalt und Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen anhalten.

●       Beschleu­ni­gung und Wie­der­auf­nah­me des Fami­li­en­nach­zugs, auch für sub­si­di­är Schutzberechtigte.

●       Huma­ni­tä­re Auf­nah­me­pro­gram­me für beson­ders bedroh­te Personen.

●       Schutz und Wah­rung der Grund­rech­te wie Mei­nungs- und Demons­tra­ti­ons­frei­heit auch für syri­sche Min­der­hei­ten in Deutsch­land. Angrif­fe oder Dro­hun­gen gegen sie müs­sen geahn­det werden.

●       Kla­re poli­ti­sche Hal­tung gegen Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen. Jede mög­li­che Koope­ra­ti­on mit Syri­en muss Deutsch­land an men­schen­recht­li­che Stan­dards knüpfen.

Das aktu­el­le Posi­ti­ons­pa­pier von PRO ASYL zu Syri­en unter­streicht, wie weit die poli­ti­schen Behaup­tun­gen über eine angeb­li­che Sta­bi­li­sie­rung Syri­ens von der tat­säch­li­chen Lage abweichen.

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