05.09.2022

Am Dresd­ner Haupt­bahn­hof kon­trol­liert die Bun­des­po­li­zei seit dem 25. August in einer groß ange­leg­ten Akti­on gezielt Peop­le of Colour. Betrof­fen sind vor allem Geflüch­te­te aus Syri­en und Afgha­ni­stan. PRO ASYL und der Säch­si­sche Flücht­lings­rat for­dern ein Ende die­ser dis­kri­mi­nie­ren­den Pra­xis des Racial Profiling.

Seit Ende August kon­trol­liert die Bun­des­po­li­zei auf der Bahn­stre­cke von Tsche­chi­en nach Deutsch­land und am Haupt­bahn­hof Dres­den gezielt nicht-wei­ße Men­schen. Die­se wer­den aus den Zügen geholt, meh­re­re Stun­den fest­ge­hal­ten und bis zu zwei Stun­den lang ver­hört. PRO ASYL und der Säch­si­sche Flücht­lings­rat bezeich­nen die Kon­trol­len als ras­sis­tisch und for­dern ein Ende des dis­kri­mi­nie­ren­den Vor­ge­hens.  „Die­se Kon­trol­len ver­sto­ßen gegen das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot aus Arti­kel 3 des Grund­ge­set­zes und müs­sen sofort ein­ge­stellt wer­den. Bun­des­in­nen­mi­nis­te­rin Fae­ser darf eine sol­che offen ras­sis­ti­sche Pra­xis nicht dul­den“, erklärt Wieb­ke Judith, rechts­po­li­ti­sche Refe­ren­tin bei PRO ASYL. Anfang des Jah­res hat auch das Ver­wal­tungs­ge­richt Dres­den im Fal­le eines Schwar­zen Klä­gers fest­ge­stellt, dass die poli­zei­li­che Pra­xis des Racial Pro­filing ohne kon­kre­ten Anlass rechts­wid­rig ist. Den­noch will die Bun­des­po­li­zei laut eige­nen Anga­ben die groß ange­leg­te Akti­on noch für meh­re­re Wochen fortsetzen.

Dass nicht-wei­ße Men­schen in Zügen und Bahn­hö­fen anlass­los kon­trol­liert wer­den, ist kein neu­es Phä­no­men, aber: „Die jet­zi­ge Akti­on hat eine ganz ande­re Dimen­si­on. Etwas Ver­gleich­ba­res haben wir noch nicht erlebt“, sagt Dave Schmidt­ke vom Flücht­lings­rat Sach­sen. Pro Zug wer­den durch­schnitt­lich zwan­zig Men­schen von der Poli­zei her­aus­ge­zo­gen und befragt. Dar­un­ter sind auch vie­le unbe­glei­te­te Min­der­jäh­ri­ge, nach Beob­ach­tung des Säch­si­schen Flücht­lings­rats rund 30 Prozent.

 Aktivist*innen wer­den ein­ge­schüch­tert, Pres­se­ar­beit behindert

Schmidt­ke, der gemein­sam mit ande­ren Aktivist*innen immer wie­der selbst am Dresd­ner Haupt­bahn­hof ist, berich­tet, dass die Bun­des­po­li­zei Kon­takt zwi­schen dem Flücht­lings­rat und den Men­schen ver­hin­dert. Den Betrof­fe­nen steht bis­lang vor Ort auch kei­ne anwalt­li­che Unter­stüt­zung zur Ver­fü­gung. Für vie­le der Geflüch­te­ten, die häu­fig in ihren Her­kunfts­län­dern, aber auch in euro­päi­schen Län­dern, nega­ti­ve oder gar trau­ma­ti­sie­ren­de Erfah­run­gen mit der Poli­zei gemacht haben, ist die Situa­ti­on ein­schüch­ternd und beängs­ti­gend. „Dass hier schutz­be­dürf­ti­ge Men­schen iso­liert wer­den und kei­ne  unab­hän­gi­ge Unter­stüt­zung erhal­ten, ist für uns extrem bedenk­lich. Wir fra­gen uns, was die Bun­des­po­li­zei mit die­ser Akti­on errei­chen will und was mit den Erkennt­nis­sen aus den Befra­gun­gen pas­siert“, so Schmidtke.

„Es ist besorg­nis­er­re­gend, dass Beobachter*innen des Racial Pro­filings von der Poli­zei mas­siv ein­ge­schüch­tert wer­den und die Arbeit der Pres­se behin­dert wird“, erklärt Wieb­ke Judith. So wur­de ein Jour­na­list meh­re­re Stun­den lang an der Bericht­erstat­tung gehin­dert, was auch die Deut­sche Jour­na­lis­tin­nen- und Jour­na­lis­ten­uni­on (dju) Ber­lin-Bran­den­burg  kri­ti­siert. Aktivist*innen, die das Vor­ge­hen der Poli­zei an den Bahn­stei­gen beob­ach­ten, erhal­ten Haus­ver­bo­te von bis zu einem Jahr. „Es ist frag­wür­dig, ob sol­che Haus­ver­bo­te ver­hält­nis­mä­ßig sind, und das aktu­el­le Vor­ge­hen gegen zivil­ge­sell­schaft­li­ches Enga­ge­ment ist eines Rechts­staa­tes unwür­dig“, kri­ti­siert Judith.

 Ein Groß­teil der Kon­trol­lier­ten stammt aus Syri­en und Afghanistan

Die Her­kunft der Men­schen – über­wie­gend stam­men sie aus Syri­en und Afgha­ni­stan – zei­ge, dass sie offen­sicht­lich Kriegs­flücht­lin­ge sind und ein Recht auf Schutz haben, erklä­ren die bei­den Orga­ni­sa­tio­nen. Es sind im Rah­men der Kon­trol­le Fäl­le von syri­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen bekannt, die in Grie­chen­land als Flücht­lin­ge aner­kannt wur­den, aber auf­grund der kata­stro­pha­len Zustän­de das Land ver­las­sen haben. Laut Gerichts­ur­tei­len darf Deutsch­land die­se Men­schen nicht nach Grie­chen­land zurück­schi­cken. „Dass Men­schen aus Syri­en oder Afgha­ni­stan allen Grund haben zu flie­hen, ist all­ge­mein aner­kannt. Doch in vie­len euro­päi­schen Län­dern bekom­men sie kei­nen Schutz, wer­den inhaf­tiert oder ste­hen vor einem Leben auf der Stra­ße. Ent­spre­chend sehen sie sich gezwun­gen, wei­ter­zu­rei­sen und zum Bei­spiel in Deutsch­land Schutz zu suchen“, erklärt Schmidtke.

Die meis­ten der Betrof­fe­nen bekom­men eine Anzei­ge wegen ille­ga­ler Ein­rei­se. Ein ent­spre­chen­des Straf­ver­fah­ren soll­te bei Asyl­an­trag­stel­lung zwar in der Regel ein­ge­stellt wer­den, doch um das sicher­zu­stel­len, soll­ten die Betrof­fe­nen eine anwalt­li­che Ver­tre­tung haben. Eine Ver­ur­tei­lung wegen ille­ga­ler Ein­rei­se kann sich nega­tiv auf die Mög­lich­kei­ten aus­wir­ken, im Fal­le einer Ableh­nung des Asyl­ver­fah­rens den Auf­ent­halt über eine Blei­be­rechts­re­ge­lung zu sichern.

Die lin­ke Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Cla­ra Bün­ger hat mit Blick auf Racial Pro­filing gemein­sam mit der Links­frak­ti­on eine Klei­ne Anfra­ge an die Bun­des­re­gie­rung gerich­tet, auf wel­cher Rechts­grund­la­ge und für wel­che Dau­er die »tem­po­rä­re Ein­lass­zen­tra­le« in Dres­den ein­ge­rich­tet wur­de. „Wir for­dern drin­gen­de Auf­klä­rung und die Trans­pa­renz, der sich Bun­des­re­gie­rung und Bun­des­po­li­zei bis­her ent­zie­hen wol­len“, schreibt sie auf Twit­ter.

Kon­takt: Dave Schmidt­ke, Flücht­lings­rat Sach­sen: pr@sfrev.de; Tel.: 0176 4272 8623 

Am Mon­tag den 5. Sep­tem­ber ab 18 Uhr wird vor dem Haupt­bahn­hof Dres­den (Bay­ri­sche Stra­ße) unter dem Mot­to „Fight racism!“ eine Mahn­wa­che gegen Ras­sis­mus abge­hal­ten wer­den. 

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