21.01.2010

Leich­ter Anstieg der Antrags­zah­len – sin­ken­de Schutz­quo­te

PRO ASYL kri­ti­siert Zunah­me von Asyl­wi­der­ru­fen

Die jetzt ver­öf­fent­lich­te Asyl­sta­tis­tik des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums für das Jahr 2009 weist eine Zunah­me der Asyl­an­trags­zah­len auf jetzt 27.649 aus (2008: 22.085). Der Anstieg der Asyl­an­trags­zah­len um 25,2 Pro­zent wird stark dadurch rela­ti­viert, dass sich die Zah­len der Asyl­su­chen­den in den letz­ten Jah­ren immer im Bereich des his­to­ri­schen Tief­stan­des bewegt haben.

PRO ASYL sieht als Ursa­che für die Zunah­me von Asyl­an­trä­ge vor allem die dra­ma­ti­sche Situa­ti­on in den Her­kunfts­län­dern, aus denen Flücht­lin­ge nach Deutsch­land flie­hen. Unter den Haupt­her­kunfts­staa­ten befin­den sich haupt­säch­lich Kriegs­ge­bie­te und Kri­sen­re­gio­nen. Signi­fi­kant zuge­nom­men hat die Zahl der afgha­ni­schen Asyl­an­trag­stel­ler (+ 413,7%).

Im Jahr 2009 hat­ten Asyl­su­chen­de in Deutsch­land wie­der etwas schlech­te­re Chan­cen, Schutz zu erhal­ten. Die soge­nann­te Gesamt­schutz­quo­te (1) sank von 37,7 Pro­zent im Vor­jahr auf nun­mehr 33,8 Pro­zent. Nach­voll­zieh­bar, gar akzep­ta­bel ist dies nicht. Denn ein beson­ders deut­li­cher Rück­gang der Schutz­quo­te bei Ira­kern (vor allem in der zwei­ten Jah­res­hälf­te 2009) ent­spricht nicht der Ent­wick­lung der Rea­li­tä­ten im Irak. Sie ist zudem wider­sprüch­lich: Noch wäh­rend die Bun­des­re­pu­blik Ira­ker im Rah­men eines Auf­nah­me­pro­gramms nach Deutsch­land bringt, wird gleich­zei­tig den schon im Land befind­li­chen Ira­kern immer häu­fi­ger der Schutz ver­wehrt.

Bereits ein­mal aner­kann­ten Ira­kern wird zuneh­mend der gewähr­te Flücht­lings­sta­tus wider­ru­fen. Im Zeit­raum von Janu­ar bis Sep­tem­ber 2009 wur­de in 69 Pro­zent der vom Bun­des­amt über­prüf­ten Fäl­le das Asyl bzw. der Flücht­lings­sta­tus wider­ru­fen. Zum Ver­gleich: Im Jahr 2008 wur­de der Sta­tus in über 93 Pro­zent der geprüf­ten Fäl­le nicht wider­ru­fen. PRO ASYL kri­ti­siert die­sen mas­si­ven Anstieg von Wider­ru­fen als rea­li­täts­fremd und flücht­lings­feind­lich. Ira­ker brau­chen wei­ter­hin Schutz, da sich die Situa­ti­on dort kei­nes­wegs ver­bes­sert habe.

Etwa ein Drit­tel aller Asyl­neu­an­trä­ge sind soge­nann­te Dub­lin-Fäl­le, in denen Deutsch­land die Zustän­dig­keit eines ande­ren EU-Staa­tes für gege­ben hält. Das Gros die­ser Fäl­le betrifft Grie­chen­land. Haupt­be­trof­fe­ne sind hier Afgha­nen und Ira­ker, deren Flucht­weg häu­fig über Grie­chen­land führt. Die Zahl der Über­nah­me­ersu­chen Deutsch­lands an Grie­chen­land hat sich fast ver­drei­facht.

Über­stel­lun­gen nach Grie­chen­land bedeu­ten, wie PRO ASYL und ande­re Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen in Berich­ten nach­ge­wie­sen haben, dass die Betrof­fe­nen fast aus­nahms­los in die Obdach­lo­sig­keit und die Recht­lo­sig­keit eines fast gar nicht vor­han­de­nen Asyl­sys­tems geschickt wer­den. Obwohl das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt Dub­lin-Über­stel­lun­gen nach Grie­chen­land inzwi­schen in einer gan­zen Rei­he von Eil­ent­schei­dun­gen aus­ge­setzt hat, blei­ben Bun­des­amt und Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um bei ihrer Linie und ver­su­chen wei­ter, Abschie­bun­gen in Rich­tung Grie­chen­land durch­zu­set­zen – so weit zum Respekt der Han­deln­den vor Karls­ru­he.

Alles in allem über­wiegt die Nega­tiv­sei­te die­ser Bilanz: Einer auch im EU-Ver­gleich rela­tiv ansehn­li­chen Schutz­quo­te steht die ste­te Bereit­schaft gegen­über, aner­kann­ten Flücht­lin­gen mit Wider­rufs­ent­schei­dun­gen den Tep­pich unter den Füßen weg­zu­zie­hen. Wo eine biss­chen Gene­ro­si­tät wal­tet, geschieht dies vor dem Hin­ter­grund, sich Asyl­su­chen­der mög­lichst zu Las­ten Drit­ter zu ent­le­di­gen, etwa indem man im Rah­men des Dub­lin-Sys­tems in die EU-Rand­staa­ten abschiebt. Euro­päi­sche Soli­da­ri­tät sieht anders aus.

Kon­takt:

Tel.: 069 23 06 95

E-Mail: presse@proasyl.de

1) Gesamt­quo­te beinhal­tet: Asyl­be­rech­tig­te und Flücht­lings­schutz nach der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on – Abschie­bungs­ver­bo­te gem. § 60 Abs. 2, 3, 5 und 7 des Auf­ent­halts­ge­set­zes (sog. Sub­si­diä­rer Schutz)

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