13.12.2011

Anläss­lich des letz­ten EU- Innen­mi­nis­ter­tref­fen in die­sem Jahr zieht PRO ASYL flücht­lings­po­li­ti­sche Bilanz: 2000 tote Flücht­lin­ge an den euro­päi­schen Außen­gren­zen, kei­ne Soli­da­ri­tät bei der Flücht­lings­auf­nah­me, Dau­er­blo­cka­de bei der Schaf­fung gemein­sa­mer Asyl­rechts­stan­dards und popu­lis­ti­sche Debat­ten, die selbst die inner­eu­ro­päi­sche Frei­zü­gig­keit zur Dis­po­si­ti­on stel­len – das waren die zen­tra­len Merk­ma­le der EU-Flücht­lings­po­li­tik im Jahr 2011. Die­se desas­trö­se Bilanz des Jah­res 2011 zeigt aus Sicht von PRO ASYL, dass die Euro­päi­sche Uni­on in Fra­gen des Flücht­lings- und Men­schen­rechts­schut­zes poli­tisch und mora­lisch ver­sagt.

2011 war bis­lang das töd­lichs­te Jahr in der Geschich­te der euro­päi­sche Flücht­lings­po­li­tik: Über 2000 Flücht­lin­gen star­ben in die­sem Jahr an den euro­päi­schen Außen­gren­zen. Die töd­lichs­te Rou­te war der Kanal von Sizi­li­en, wo knapp 1600 Boots­flücht­lin­ge star­ben. Der Club der 27 EU- Innen­mi­nis­ter trägt gro­ße Mit­ver­ant­wor­tung an die­sem Mas­sen­ster­ben. Sie ver­wei­ger­ten schnel­le Ret­tungs­maß­nah­men von gestran­de­ten Flücht­lin­gen in Nord­afri­ka und sie waren nicht wil­lens, eine effek­ti­ve See­not­ret­tung zu orga­ni­sie­ren. Wären die­se Boots­flücht­lin­ge in See­not Tou­ris­ten oder EU- Bür­ger gewe­sen, die meis­ten von ihnen wären recht­zei­tig geret­tet wor­den. Bei Boots­flücht­lin­gen schaut Euro­pa zu und lässt sie ster­ben.

EUROSUR – der neue elek­tro­ni­sche Eiser­ne Vor­hang

Ange­sichts einer Poli­tik der unter­las­se­nen Hil­fe­leis­tung für Schutz­su­chen­de in Not ist es nur als zynisch zu bewer­ten, wenn die EU- Kom­mis­si­on das euro­päi­sche Grenz­über­wa­chungs­sys­tem EUROSUR der Öffent­lich­keit nun­mehr als Bei­trag ver­kauft, das Ster­ben an den Außen­gren­zen  zu redu­zie­ren. High-Tech-Über­wa­chung, Droh­nen­ein­satz und Grenz­tech­no­lo­gie-Trans­fer in Dritt­staa­ten sind kein Bei­trag, um das Lei­den vor den Toren Euro­pas zu been­den, son­dern eine neue Stu­fe der Abschot­tung. Euro­sur sorgt allein dafür, dass Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen und Flücht­lings­ster­ben sich an ande­ren Orten abspie­len.

„Früh­warn­sys­tem“ statt Reform des geschei­ter­ten Asyl­zu­stän­dig­keits­sys­tems

Die drin­gend not­wen­di­ge grund­le­gen­de Reform der Asyl­zu­stän­dig­keits­re­ge­lung (Dub­lin-II-Ver­ord­nung) wird von Staa­ten wie Deutsch­land und ande­ren Mit­glied­staa­ten im Zen­trum und im Nor­den der EU blo­ckiert. Selbst der Vor­schlag der EU-Kom­mis­si­on, einen Mecha­nis­mus zu schaf­fen, der Rück­über­stel­lun­gen in Mit­glieds­staa­ten aus­set­zen kann, die euro­päi­sche Flücht­lings – und Men­schen­rechts­stan­dards nicht ein­hal­ten, wird erbit­tert vom Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um bekämpft. Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Fried­rich for­dert statt­des­sen ein soge­nann­tes „Früh­warn­sys­tem“: Mehr EU- Gel­der, mehr Fron­tex-Beam­te, Hil­fe bei der Grenz­über­wa­chung, ein bes­se­rer sta­tis­ti­scher Aus­tausch und wei­te­re Maß­nah­men sol­len den Erhalt der bestehen­den unfai­ren und unso­li­da­ri­schen Asyl­zu­stän­dig­keits­re­ge­lung um jeden Preis sichern.

Kon­se­quen­zen aus der Sys­tem­kri­se von Dub­lin:

Aus Sicht von PRO ASYL zeigt das Kol­la­bie­ren des grie­chi­schen Asyl­sys­tems, dass das gesam­te Dub­lin-Sys­tem in einer unlös­ba­ren Kri­se steckt. Euro­pa braucht eine völ­lig ande­re Ver­ant­wor­tungs­tei­lung bei der Auf­nah­me von Schutz­su­chen­den. Es muss Schluss sein damit, dass Staa­ten im Innern die maß­geb­li­che Ver­ant­wor­tung für den Flücht­lings­schutz den klei­ne­ren Staa­ten an den Außen­gren­zen der EU zuwei­sen. Not­wen­dig ist ein huma­ni­tä­rer Ver­tei­lungs­me­cha­nis­mus, der die Bedürf­nis­se und fami­liä­ren Bin­dun­gen des Schutz­su­chen­den in den Mit­tel­punkt stellt. Euro­pa braucht ein euro­päi­sches Asyl­sys­tem, das men­schen­wür­di­ge Auf­nah­me­be­din­gun­gen und fai­re Asyl­ver­fah­ren euro­pa­weit durch­setzt.

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