20.05.2010

Ger­hart Baum, Bun­des­in­nen­mi­nis­ter a.D., warnt vor wei­te­ren Schrit­ten zum Über­wa­chungs­staat

Der Grund­rech­te-Report 2010 wur­de heu­te in Karls­ru­he durch Ger­hart Baum, ehe­ma­li­ger Bun­des­in­nen­mi­nis­ter, der Öffent­lich­keit prä­sen­tiert.

„Auch in einer gefes­tig­ten Demo­kra­tie sind die Grund­rech­te nicht vor offe­ner oder schlei­chen­der Aus­höh­lung sicher. Das zeigt der Report am Bei­spiel zahl­rei­cher Ein­zel­fäl­le und an einer Rei­he von staat­li­chen Maß­nah­men“, bilan­zier­te Ger­hart Baum den Zustand der Ver­fas­sungs­wirk­lich­keit in Deutsch­land. Dies sei im Grund­rech­te-Report anschau­lich doku­men­tiert: „ELENA ist ein wei­te­rer Schritt hin zum Über­wa­chungs­staat, eben­so die Aus­lie­fe­rung der Kon­to­da­ten an die USA ohne wirk­sa­men Daten­schutz (SWIFT). Gefähr­det ist das ohne­hin ver­stüm­mel­te Asyl­recht und immer wie­der das Demons­tra­ti­ons­recht.“ Baum beton­te in sei­nem Vor­trag: „Der Kampf um die Grund­rech­te ist auch ein Kampf gegen die Gleich­gül­tig­keit vie­ler Bür­ger. Die Frei­heit schenkt sich nicht!“.

Mit zahl­rei­chen Bei­spie­len belegt der Grund­rech­te-Report 2010, dass nach wie vor die meis­ten Ein­grif­fe in die Grund­rech­te von Maß­nah­men der Exe­ku­ti­ve aus­ge­hen: Poli­zei­li­che Video­über­wa­chung, Vor­komm­nis­se um den NATO-Gip­fel in Straß­burg und Kehl, Unter­gra­bung der jour­na­lis­ti­schen Unab­hän­gig­keit durch Abset­zung des ZDF-Inten­dan­ten. Auch exter­ri­to­ria­le Grund­rechts­ver­let­zun­gen wer­den the­ma­ti­siert – wie die Tötung von Zivi­lis­ten bei der Bom­bar­die­rung der Tank­las­ter in Kun­duz im Som­mer 2009 sowie der Kampf gegen Pira­te­rie vor Soma­lia.

Von Sei­ten der Her­aus­ge­ber hob Marei Pel­zer, PRO ASYL, als posi­ti­ve Ent­wick­lung her­vor, dass die im Grund­rech­te-Report gefor­der­te Rück­nah­me der Vor­be­hal­te zur UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on am 3. Mai 2010 von der Bun­des­re­gie­rung beschlos­sen wor­den sei. „Jetzt steht die Poli­tik in der Pflicht, Flücht­lings­kin­der nicht län­ger wie Kin­der zwei­ter Klas­se zu behan­deln. Sie gehö­ren nicht in Abschie­be­knäs­te.“ Der Report zei­ge anhand vie­ler Bei­spie­le, dass Nicht­deut­schen grund­le­gen­de Men­schen­rech­te oft­mals vor­ent­hal­ten wer­den.

Her­aus­ge­ber Till Mül­ler-Hei­del­berg, ehe­ma­li­ger Bun­des­vor­sit­zen­der der Huma­nis­ti­schen Uni­on, kri­ti­sier­te die unge­brems­te Daten­sam­mel­wut staat­li­cher Behör­den. Der geplan­ten Neu­ver­hand­lung des SWIFT-Abkom­mens – das nur durch das Euro­päi­sche Par­la­ment vor­läu­fig ver­hin­dert wor­den sei – sei ent­schie­den ent­ge­gen­zu­tre­ten. „Die Arbeit­neh­mer­groß­da­ten­bank ELENA schafft den glä­ser­nen Arbeit­neh­mer und ist mit dem Grund­satz der Daten­spar­sam­keit schlicht unver­ein­bar.“

Aus Sicht einer Betrof­fe­nen wur­de ein Ein­zel­fall staat­li­cher Kin­des­ent­zie­hung geschil­dert. Die Her­aus­nah­me eines Kin­des aus einer Fami­lie – auf­grund frag­wür­di­ger Attes­te – zeigt, wie schwer­wie­gend staat­li­che Stel­len in die pri­va­te Lebens­füh­rung ein­grei­fen kön­nen und wie sehr eine rechts­staat­li­che Kon­trol­le sol­cher Pro­zes­se nötig, im vor­lie­gen­den Fall jedoch unter­blie­ben ist.

Der jähr­li­che Report zur Lage der Bür­ger- und Men­schen­rech­te in Deutsch­land zieht auch in sei­nem 14. Erschei­nungs­jahr mit 53 Bei­trä­gen kri­tisch Bilanz zum Zustand der Grund­rech­te. Der im Fischer Taschen­buch Ver­lag ver­leg­te, 1997 erst­mals erschie­ne­ne Grund­rech­te-Report ver­steht sich als „alter­na­ti­ver Ver­fas­sungs­schutz­be­richt“. Neun Bür­ger- und Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen doku­men­tie­ren dar­in jähr­lich den Umgang mit dem Grund­ge­setz.

Grund­rech­te-Report 2010 – Zur Lage der Bür­ger- und Men­schen­rech­te in Deutsch­land; Her­aus­ge­ber: T. Mül­ler – Hei­del­berg, U. Finckh, E. Ste­ven, K. Schu­bert, M. Pel­zer, A. Wür­din­ger, M. Kut­scha, R. Göss­ner und U. Engel­fried; Preis € 9,95; 280 Sei­ten; ISBN 3–596-18678–5; Fischer Taschen­buch Ver­lag; Mai 2010

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