23.10.2010

Der geo­gra­phi­sche Zufall: Flücht­lin­ge müs­sen über Grie­chen­land ein­rei­sen
Grie­chen­land ist für vie­le Flücht­lin­ge das zen­tra­le Tor nach Euro­pa. Men­schen aus Afgha­ni­stan, dem Irak, Iran und Soma­lia, die Schutz in Euro­pa suchen, müs­sen die Flucht­rou­te über die Tür­kei nach Grie­chen­land neh­men. Rei­sen sie wei­ter in ein ande­res euro­päi­sches Land, um dort Schutz und eine men­schen­wür­di­ge Auf­nah­me zu fin­den, droht ihnen auf Grund der euro­päi­schen Asyl­zu­stän­dig­keits­re­ge­lung – der soge­nann­ten Dub­lin II-Ver­ord­nung – die Rück­über­stel­lung nach Grie­chen­land.

Asyl­sys­tem kol­la­biert
Das Asyl­sys­tem in Grie­chen­land ist völ­lig kol­la­biert. Grie­chen­land gewährt kein fai­res Asyl­ver­fah­ren, bereits der Zugang zu die­sem ist nicht sicher­ge­stellt. Schutz­su­chen­den droht die erneu­te Inhaf­tie­rung und die Abschie­bung, ohne dass ihr Schutz­ge­such gehört wür­de. Die Asyl­an­er­ken­nungs­quo­te in der ers­ten Instanz liegt seit Jah­ren nur wenig über null Pro­zent, ein Auf­nah­me­sys­tem für Schutz­su­chen­de ist nicht vor­han­den. Die zwei­te Instanz wur­de im Som­mer 2009 abge­schafft. Aktu­ell exis­tiert ein Rück­stand von fast 50.000 anhän­gi­gen Asyl­ver­fah­ren. Die Fol­gen für die in Grie­chen­land gestran­de­ten Schutz­su­chen­den: Recht­lo­sig­keit, Gefahr der will­kür­li­chen Inhaf­tie­rung, Obdach­lo­sig­keit und Hun­ger.

Gerich­te stop­pen euro­pa­weit Abschie­bun­gen
In allen wich­ti­gen euro­päi­schen Asyl­län­dern wer­den aktu­ell Abschie­bun­gen nach Grie­chen­land durch natio­nal­staat­li­che Gerich­te, den Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te in Straß­burg und im Zuge soge­nann­ter Vor­la­ge­ver­fah­ren beim Euro­päi­schen Gerichts­hof in Luxem­burg gestoppt. Die Nie­der­lan­de haben am 6. Okto­ber 2010, Bel­gi­en am 10. Okto­ber 2010, Nor­we­gen am 12. Okto­ber 2010, Eng­land bereits am 17. Sep­tem­ber 2010 Abschie­bun­gen nach Grie­chen­land auf der Grund­la­ge der Dub­lin II-Ver­ord­nung ein­ge­stellt. In Däne­mark wur­den seit Som­mer 2010 über 200 Abschie­bun­gen nach Inter­ven­tio­nen des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te gestoppt. Der Gerichts­hof teil­te am 30. Sep­tem­ber mit, dass er bis zu einer Ent­schei­dung in einem anhän­gi­gen Ver­fah­ren (M.S.S. gegen Bel­gi­en und Grie­chen­land) auch bei allen zukünf­ti­gen Ver­fah­ren, Über­stel­lun­gen nach Grie­chen­land stop­pen wer­de.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt trifft Grund­satz­ent­schei­dung
In Deutsch­land ver­hin­der­ten die Ver­wal­tungs­ge­rich­te in über 300 Fäl­len Über­stel­lun­gen nach Grie­chen­land. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat seit dem 8. Sep­tem­ber 2009 mitt­ler­wei­le 13 Abschie­bun­gen nach Athen im Eil­ver­fah­ren gestoppt. Am 28. Okto­ber 2010 fin­det die „Münd­li­che Ver­hand­lung in Sachen ‚Dub­lin II Ver­ord­nung‘“ vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt statt. Erwar­tet wird eine Grund­satz­ent­schei­dung u.a. zur Fra­ge des effek­ti­ven Rechts­schut­zes bei dro­hen­den Dub­lin-Über­stel­lun­gen in ande­re EU-Staa­ten. Darf Deutsch­land blind­lings abschie­ben, ohne zu prü­fen, ohne eine Kla­ge­mög­lich­keit mit auf­schie­ben­der Wir­kung? Darf man Schutz­su­chen­de über­stel­len, wenn das Asyl­sys­tem in dem betref­fen­den Mit­glied­staat zusam­men­ge­bro­chen ist?

Deutsch­land und ande­re Mit­glieds­län­der wol­len wei­ter abschie­ben
2009 stell­ten die ande­ren Dub­lin-Staa­ten 10.083 Rück­über­nah­me­ge­su­che an Grie­chen­land – 1.211 Asyl­su­chen­de wur­den tat­säch­lich über­stellt. Über acht Pro­zent aller Asyl­su­chen­den in Deutsch­land sol­len nach Auf­fas­sung des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums ihr Ver­fah­ren in Grie­chen­land absol­vie­ren. Die Über­nah­me­ersu­chen aus Deutsch­land stie­gen von 512 im Jahr 2007 auf 2.288 im Jahr 2009. Im 1. Halb­jahr 2010 stell­te Deutsch­land bereits 1.252 Über­nah­me­ersu­chen.

Huma­ni­tä­re Kri­se nicht nur haus­ge­macht
Die dra­ma­ti­sche Zuspit­zung der Situa­ti­on für Schutz­su­chen­de in Grie­chen­land ist nicht nur haus­ge­macht, son­dern vor allem auch ein Resul­tat feh­len­der Soli­da­ri­tät bei der Flücht­lings­auf­nah­me inner­halb der Euro­päi­schen Uni­on. Es ist zynisch, die Ver­ant­wor­tung für den Flücht­lings­schutz Grie­chen­land zuzu­schie­ben. Die huma­ni­tä­re Kri­se in Grie­chen­land ist der dra­ma­ti­sche Aus­druck eines unge­rech­ten und dys­funk­tio­na­len Dub­lin II-Sys­tems.

PRO ASYL for­dert:

  • Abschie­bun­gen nach Grie­chen­land stop­pen: Die Dub­lin-Über­stel­lun­gen nach Grie­chen­land müs­sen in Deutsch­land und Euro­pa ein­ge­stellt wer­den.
  • Beson­ders Schutz­be­dürf­ti­ge auf­neh­men: Um die beson­ders Schutz­be­dürf­ti­gen aus dem Elend, der Obdach­lo­sig­keit und Schutz­lo­sig­keit in Grie­chen­land zu holen, bedarf es jetzt gemein­sa­mer Anstren­gun­gen der EU. Ins­be­son­de­re für die schutz­lo­sen Flücht­lings­kin­der dort muss schnell und unbü­ro­kra­tisch eine huma­ni­tä­re Lösung gefun­den wer­den. Sie soll­ten kurz­fris­tig, ori­en­tiert am Kin­des­wohl, in ande­re EU-Staa­ten ver­teilt wer­den.
  • Hil­fe beim Auf­bau eines Auf­nah­me­sys­tems: Grie­chen­land benö­tigt beim Auf­bau eines Asyl- und Auf­nah­me­sys­tem eine umfas­sen­de Unter­stüt­zung durch zusätz­li­che EU-Fonds.
  • Dub­lin II grund­le­gend refor­mie­ren: PRO ASYL setzt sich mit vie­len ande­ren Orga­ni­sa­tio­nen und Insti­tu­tio­nen in Euro­pa für eine grund­le­gen­de Reform der Dub­lin II-Ver­ord­nung ein. Euro­pa braucht eine Ver­ant­wor­tungs­tei­lung bei der Flücht­lings­auf­nah­me und ein gemein­sa­mes Asyl­sys­tem.

Hin­weis: Aus­führ­li­cher Bericht über die aktu­el­len Ent­wick­lun­gen in Grie­chen­land 

Presseerklärung vom 21. Januar 2011: EGMR verurteilt Belgien und Griechenland »

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