23.11.2017

PRO ASYL for­dert: die für den 6. Dezem­ber geplan­te Abschie­bung stop­pen

Die für den 6. Dezem­ber geplan­te Abschie­bung ist unver­ant­wort­lich. Laut Spie­gel Online sol­len 78 Per­so­nen abge­scho­ben wer­den. PRO ASYL appel­liert an Bun­des­re­gie­rung und Bun­des­län­der Abschie­bun­gen nach Afgha­ni­stan zu stop­pen: Abschie­bun­gen nach Afgha­ni­stan sind in der kon­kre­ten, sich immer wei­ter ver­schär­fen­den Lage nicht zu ver­tre­ten. Bund und Län­der müs­sen die Fak­ten aner­kann­ter Quel­len sowie die immer neu­en Anschlä­ge mit vie­len getö­te­ten Zivi­lis­ten end­lich zur Kennt­nis neh­men. Nir­gend­wo in Afgha­ni­stan ist es sicher. Nie­mand weiß, wo die angeb­lich »siche­ren Gebie­ten« lie­gen sol­len.

PRO ASYL ist empört, dass Abschie­bun­gen fort­ge­setzt wer­den, obwohl kein aktu­el­ler Lage­be­richt des Aus­wär­ti­gen Amtes vor­liegt. Der letz­te Stand vom Okto­ber 2016 lie­fert den Behör­den kei­ne Infor­ma­tio­nen, um zu beur­tei­len, ob es in Afgha­ni­stan soge­nann­te »inlän­di­sche Flucht­al­ter­na­ti­ven« gibt, die für die Betrof­fe­nen zumut­bar und erreich­bar sein müs­sen. Der im Juli 2017 ver­öf­fent­li­che Zwi­schen­be­richt lie­fert hier­zu eben­falls kei­ne Beschrei­bun­gen. »Abschie­bun­gen nach Afgha­ni­stan basie­ren auf fak­ten­frei­en Spe­ku­la­tio­nen ins Blaue hin­ein, die Men­schen­le­ben gefähr­den«, warn­te Gün­ter Burk­hardt, Geschäfts­füh­rer von PRO ASYL.

Abschie­bun­gen in Kriegs- und Kri­sen­ge­biet sind nicht ver­tret­bar

Afgha­ni­stan ist ein Bür­ger­kriegs­land, des­sen Sicher­heits­la­ge sich ste­tig ver­schlech­tert. Folgt man dem Glo­bal Peace Index 2017, ist Afgha­ni­stan das zweit­un­si­chers­te Land der Erde, nur Syri­en wird als noch gefähr­li­cher ein­ge­schätzt. Erst im Okto­ber 2017 gab es die blu­tigs­ten Anschlä­ge der jüngs­ten Zeit in Afgha­ni­stan. Die Tali­ban haben Offen­si­ven gestar­tet, die immer wie­der vie­le Todes­op­fer unter den Zivi­lis­ten for­dern. Der Krieg in Afgha­ni­stan besteht aber nicht nur zwi­schen den Tali­ban und der afgha­ni­schen Regie­rung – er zeich­net sich gera­de durch eine Viel­zahl mili­tan­ter Grup­pie­run­gen aus. Es lie­gen außer­dem aus­führ­li­che Doku­men­ta­tio­nen über Kriegs­ver­bre­chen und Men­schen­rechts­ver­stö­ße zahl­rei­cher Akteu­re auf Sei­ten der Regie­run­gen nach 2001 vor. Dies bestä­tigt auch die jüngs­te Ent­wick­lung, dass der Inter­na­tio­na­le Straf­ge­richts­hof (ICC) in Den Haag erwägt, Unter­su­chun­gen in Afgha­ni­stan zu begin­nen.

Aktu­ell warnt selbst die Bun­des­re­gie­rung für alle aus Deutsch­land Kabul anflie­gen­den Flü­ge vor Rake­ten­an­grif­fen und »geziel­ten Flug­ab­wehr-Atta­cken« auf allen Flug­hä­fen in Afgha­ni­stan: »The Federal Repu­blic of Ger­ma­ny advi­ses all Ger­man ope­ra­tors not to plan and con­duct flights wit­hin FIR Kabul (OAKX) below FL330 inclu­ding take off and lan­dings at all air­ports due to poten­ti­al risk to avia­ti­on from dedi­ca­ted anti-avia­ti­on and ground to ground wea­pon­ry and ground attacks on aero­dro­me infra­st­ruc­tu­re.« Erst am 27. Sep­tem­ber schlu­gen unmit­tel­bar nach der Lan­dung des NATO-Gene­ral­se­kre­tärs und der US-ame­ri­ka­ni­schen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ters in Kabul Rake­ten und Mör­ser­ge­schos­se auf dem Kabu­ler Flug­ha­fen ein.

Unter­schied­li­che Aus­le­gungs­pra­xis in den Bun­des­län­dern

Behaup­tet wird, man kön­ne »Straf­tä­ter, Gefähr­der und hart­nä­cki­ge Iden­ti­täts­ver­wei­ge­rer« ohne Gefahr für Leib und Leben wei­ter­hin abschie­ben.

Beson­ders dehn­bar scheint der Begriff der »Aus­rei­se­pflich­ti­gen, die hart­nä­ckig ihre Mit­wir­kung an der Iden­ti­täts­fest­stel­lung ver­wei­gern«. Regel­mä­ßig wird Asyl­su­chen­den unter­stellt, über ihre Iden­ti­tät getäuscht zu haben. PRO ASYL war mit dem Fall eines afgha­ni­schen Schutz­su­chen­den aus Bay­ern befasst, dem ein sol­ches Ver­hal­ten vor­ge­wor­fen wur­de. Tat­säch­lich aber hat­te er sich um einen Pass bemüht und beim afgha­ni­schen Kon­su­lat vor­ge­spro­chen, wie ihm schrift­lich bestä­tigt wur­de. Der Pass wur­de ihm jedoch ver­wei­gert, da er kei­ne Taz­ki­ra (eine afgha­ni­sche Geburts­ur­kun­de, die man nur in Afgha­ni­stan bekommt) besitzt. Der jun­ge Mann hat­te fast sein gesam­tes Leben im Iran ver­bracht. Eine sol­che Geburts­ur­kun­de kann man von Deutsch­land aus auch nicht bean­tra­gen. Wei­te­re Bemü­hun­gen waren ihm somit nicht mög­lich, da er kei­ner­lei Ver­wand­te in Afgha­ni­stan hat. Dass sei­ne Iden­ti­tät aber gesi­chert ist, ergibt sich aus einem Gerichts­be­schluss zur Abschie­bungs­haft.

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