02.12.2015

UM WEN GEHT ES?

„Ich habe alles ver­sucht, ich kann nicht mehr.“ Luq­man Sab­ri
Luq­man Sab­ri (33) lebt mit sei­ner Frau und sei­nen zwei Kin­dern in Han­no­ver. Er sorgt sich um sei­ne Fami­lie, für Jesi­den ist es im Nord­irak beson­ders gefähr­lich. „In einer Nacht war plötz­lich der IS da und hat alles zer­stört. Mei­ne Fami­lie, die frü­her wohl­ha­bend war, lebt nun in Zel­ten. Im Win­ter dringt der Schlamm hin­ein und im Som­mer lei­den sie unter der Zelt­de­cke an der Hit­ze.“ Vor allem macht sich Luq­man Sor­gen um sei­ne 15-jäh­ri­ge Schwes­ter und die Nich­ten. Zu oft wür­den jun­ge Frau­en ent­führt und als Skla­vin­nen ver­kauft. Eine regu­lä­re Auf­nah­me sei­ner Fami­lie in Deutsch­land konn­te Luq­man nicht errei­chen. Die jüngs­te Toch­ter sei­nes Bru­ders, die fünf­jäh­ri­ge Roz, lei­det an Mor­bus Per­t­hes. „Die Ärz­te sagen, wenn sie nicht behan­delt wird, dann wird sie ihr Leben lang im Roll­stuhl sit­zen. Ich könn­te es mir nicht ver­zei­hen, wenn nur wegen Geld und Gren­zen ein glück­li­ches Leben zer­stört wür­de.“ Luq­man fühlt sich schul­dig: “Seit über einem Jahr, seit dem Mas­sa­ker vom 14. August 2014, bei dem tau­sen­de Jesi­den vom IS ermor­det wur­den, habe ich es nicht geschafft, auch nur eine Per­son aus mei­ner Fami­lie in Sicher­heit zu brin­gen.“

„Sie hät­ten nicht ster­ben müs­sen“ Moha­med Ghne­ma
Moha­med Ghne­ma (39) und Ehe­frau Nis­rin Ismail (29) leben seit vie­len Jah­ren in Deutsch­land. Mehr als zwei Jah­re lang ver­su­chen sie ver­geb­lich, Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge aus Syri­en zu ret­ten. Sie arbei­ten bei­de, haben aus­rei­chend Ein­kom­men, um eine finan­zi­el­le Ver­pflich­tung für die Ange­hö­ri­gen ein­zu­ge­hen. Doch das Land Bay­ern hat kein Auf­nah­me­pro­gramm, und beim Bun­des­auf­nah­me­pro­gramm 2014/2015 bleibt ihr Antrag unter zehn­tau­sen­den Anträ­gen unbe­rück­sich­tigt. „Die­se Poli­tik treibt unse­re Ver­wand­ten in die Hän­de ille­ga­ler Schleu­ser“, meint Moha­med Ghne­ma bei einem Gespräch im Juni 2015. Tat­säch­lich macht sich Moha­meds Bru­der Adn­an selbst auf den Weg, will in Deutsch­land Asyl, um sei­ne Fami­lie spä­ter nach­ho­len zu kön­nen. Im August 2015 kommt er in Deutsch­land an. Kei­ne vier Wochen spä­ter wird sei­ne Frau, im fünf­ten Monat schwan­ger, von einer Fass­bom­be getö­tet, die bei­den klei­nen Kin­der wer­den schwer ver­letzt. Sei­ne Kin­der konn­te der Wit­wer bis­lang nicht nach Deutsch­land holen.
Auch die Fami­lie sei­ner Schwes­ter konn­te Moha­med nicht ret­ten: Sie und ihr drei­jäh­ri­ger Sohn wer­den bei einem Bom­ben­an­griff schwer ver­wun­det. Für den Schwa­ger und die fünf­jäh­ri­ge Toch­ter käme inzwi­schen jedes Auf­nah­me­pro­gramm zu spät – sie sind tot. „Hät­te Bay­ern wie ande­re Bun­des­län­der 2013 ein Auf­nah­me­pro­gramm gehabt, hät­ten sie nicht ster­ben müs­sen“, sagt Moha­med Ghne­ma bit­ter.

„Über­all in Syri­en lau­ert der Tod“ Rageb Samos*
Rageb Samos (28) kam nach lan­ger Odys­see in Deutsch­land an. Der christ­li­che Syrer floh zu Beginn der Auf­stän­de, weil er nicht als Sol­dat zur Nie­der­schla­gung der Pro­tes­te ein­ge­zo­gen wer­den woll­te. Wirk­lich in Deutsch­land ange­kom­men ist der Mann aber noch nicht. In Gedan­ken ist er vor allem bei sei­nem Bru­der Gado und des­sen Fami­lie. Gado wur­de schwer ver­letzt, als eine Gra­na­te in sei­ner unmit­tel­ba­ren Nähe auf eine Tank­stel­le fiel. Der Mann erlitt schwers­te Ver­bren­nun­gen und ist seit­her auf star­ke Schmerz­mit­tel ange­wie­sen. Die gesam­te Fami­lie ist gesund­heit­lich erheb­lich belas­tet und lei­det extrem unter der Situa­ti­on. Der sechs­jäh­ri­ge Nef­fe Ragebs, Muha­nad, spricht seit zwei Jah­ren nicht mehr. Bei Knall­ge­räu­schen beginnt der Jun­ge sich zu krat­zen, bis die Haut blu­tet. Rageb will dem offen­sicht­lich schwer trau­ma­ti­sier­ten Kind und dem behand­lungs­be­dürf­ti­gen Bru­der unbe­dingt hel­fen. Ende 2013 hät­te er theo­re­tisch die Auf­nah­me der Fami­lie über das Lan­des­pro­gramm NRW bean­tra­gen kön­nen – doch mit sei­nem Job im Super­markt reicht sein Ein­kom­men nicht aus. Mona­te­lang sucht Rageb ver­zwei­felt Men­schen, die bereit sind, die Ver­pflich­tungs­er­klä­rung für ihn zu unter­schrei­ben. Inzwi­schen nimmt das Land NRW kei­ne Anträ­ge mehr an. Rageb ist ver­zwei­felt: „Ich will die Fami­lie mei­nes Bru­ders in Sicher­heit brin­gen! Ich will ihnen die gefähr­li­che Flucht erspa­ren!“

„Ich muss­te mei­ne Kin­der in Sicher­heit brin­gen. Wir hat­ten kei­ne Wahl“ Nora (30)

Als Feras H. (32) Ende 2011 von Syri­en nach Deutsch­land flieht, lässt er sei­ne Eltern und Geschwis­ter zurück. Die Erfah­run­gen der Flucht prä­gen Feras sehr, wes­halb er ver­sucht, sei­ne Eltern und die jüngs­te Schwes­ter Nora (30) auf siche­rem Weg hier­her zu holen. Er ist bereit, eine Ver­pflich­tungs­er­klä­rung für die Fami­lie zu unter­schrei­ben. Doch von den nie­der­säch­si­schen Behör­den erhält er eine Absa­ge: Das Lan­des­auf­nah­me­pro­gramm gilt ledig­lich für syri­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge. Feras und sei­ne Fami­lie sind die Nach­kom­men paläs­ti­nen­si­scher Flücht­lin­ge, und haben wie vie­le Paläs­ti­nen­ser die syri­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit nie erhal­ten.
Heu­te lebt Nora als Asyl­su­chen­de in Deutsch­land – geflo­hen mit den bei­den ein- und drei­jäh­ri­gen Kin­dern auf aben­teu­er­li­chem Weg über das Mit­tel­meer. Die Lage der Fami­lie hat­te sich zuge­spitzt. „Die Situa­ti­on in Homs war schlimm genug. Durch die rus­si­sche Inter­ven­ti­on ist die Lage wei­ter eska­liert. Stän­dig gab es Luft­an­grif­fe“. Die Nach­bar­staa­ten boten kei­nen Aus­weg: Jor­da­ni­en und Liba­non ver­wei­gern paläs­ti­nen­si­schen Flücht­lin­gen Ein­rei­se und Unter­stüt­zung. Nora bezahl­te 3.000 Euro für einen Schlep­per, der sie, ihre Kin­der und wei­te­re 50 Leu­te mit einem Schlauch­boot nach Grie­chen­land brach­te – nicht ohne Angst: „Ich hat­te Berich­te über die ertrun­ke­nen Men­schen gele­sen. Aber ich muss­te mei­ne Kin­der in Sicher­heit brin­gen. Wir hat­ten kei­ne Wahl.“

Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen

Die Kriegs­flücht­lin­ge – dar­un­ter Flücht­lin­ge vor den Bom­bar­de­ments des Assad-Regimes nicht weni­ger als Opfer des „Isla­mi­schen Staats“ in Syri­en und im Irak – ban­gen täg­lich um das Leben und die Gesund­heit ihrer Ange­hö­ri­gen im Kriegs­ge­biet oder in Elend­sla­gern. Zumeist füh­len sie sich dar­über hin­aus für sie ver­ant­wort­lich. Dabei geht es nicht nur um die Kern­fa­mi­lie: Die Men­schen sor­gen sich um zurück­ge­las­se­ne kran­ke Eltern, kriegs­ver­sehr­te, trau­ma­ti­sier­te Geschwis­ter oder ande­re Ange­hö­ri­ge. Vie­le der syri­schen und ira­ki­schen Flücht­lin­ge in Deutsch­land set­zen jetzt bereits alle ihre Kraft und finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten ein, um Ange­hö­ri­ge am Leben zu halten.Viele hier leben­de Flücht­lin­ge las­sen ihren Ange­hö­ri­gen unter schwie­ri­gen Bedin­gun­gen finan­zi­el­le Unter­stüt­zung zukom­men. Die Poli­tik kann bei der Auf­nah­me auf die Unter­stüt­zung der hier leben­den Flücht­lin­ge zäh­len. Gleich­wohl muss, wenn das Pro­gramm wirk­sam sein soll, auf die Unter­zeich­nung einer dau­er­haf­ten, nahe­zu unbe­grenz­ten finan­zi­el­len Ver­pflich­tungs­er­klä­rung durch eine ein­zel­ne ange­hö­ri­ge Per­son – wie zum Teil in den Län­der­pro­gram­men vor­ge­se­hen – ver­zich­tet wer­den.

 Fami­li­en gehö­ren zusam­men: Auf­nah­me­pro­gram­me fort­set­zen (10.12.15)

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