24.04.2019

PRO ASYL for­dert Stopp der zyni­schen Abschie­bun­gen

Am heu­ti­gen Mitt­woch, 24. April soll der mitt­ler­wei­le 23. Sam­mel­ab­schie­be­flie­ger nach Kabul star­ten. Dabei ver­geht kaum ein Tag ohne eine Schre­ckens­mel­dung aus dem kriegs­zer­rüt­te­ten Land:  Erst ver­gan­ge­ne Woche rekla­mier­te der IS einen schwe­ren Selbst­mord­an­schlag mit zahl­rei­chen Opfern mit­ten in Kabuls Regie­rungs­vier­tel für sich. Die ohne­hin deso­la­te Ver­sor­gungs­si­tua­ti­on für die Bevöl­ke­rung ver­schärft sich, nach­dem das Inter­na­tio­na­le Komi­tee vom Roten Kreuz (IKRK) sei­ne Arbeit wegen indi­rek­ter Dro­hung durch die Tali­ban ein­stel­len muss­te. Hin­zu kommt die Ver­sor­gung unzäh­li­ger Bin­nen­ver­trie­be­ner – allein im März haben Gefech­te zwi­schen Tali­ban und IS den Ver­ein­ten Natio­nen zufol­ge in den Pro­vin­zen Kunar und Nangar­har zur Ver­trei­bung von mehr als 21.000 Men­schen geführt.

»Die Gewalt nimmt kein Ende, die Sicher­heits- und Ver­sor­gungs­la­ge ist nach wie vor kata­stro­phal. Es ist unver­ant­wort­lich, nach Afgha­ni­stan abzu­schie­ben«, kri­ti­siert Bel­l­in­da Bar­to­luc­ci, rechts­po­li­ti­sche Refe­ren­tin von  PRO ASYL. Doch die Bun­des­re­gie­rung hält Kabul für Abschie­bun­gen als sicher genug; das BAMF lehnt afgha­ni­sche Schutz­su­chen­de hier­zu­lan­de regel­mä­ßig mit dem Ver­weis ab, sie könn­ten sich in Kabul oder andern­orts vor Krieg und Gewalt in Sicher­heit brin­gen und dort zurecht­kom­men. Laut jüngs­tem UNA­MA-Bericht (S. 23) tref­fen Anschlä­ge und Atta­cken in Kabul zumeist zivi­le Zie­le (Regie­rungs­ge­bäu­de, Gebets­häu­ser, Bil­dungs­ein­rich­tun­gen) und for­der­ten bis­her Hun­der­te von Opfern.

Die afgha­ni­sche Regie­rung kann den Schutz der Bevöl­ke­rung nicht sicher­stel­len. Die Ver­lus­te der afgha­ni­schen Streit­kräf­te durch Tod, Ver­wun­dung und Deser­ti­on sind immens. Zah­len wer­den seit 2018 geheim gehal­ten, aber den  Äuße­run­gen des afgha­ni­schen Prä­si­den­ten zufol­ge sol­len es seit sei­nem Amts­an­tritt 2014 mehr als 45.000 Tote gewe­sen sein. Dazu der Kon­troll­ver­lust: Noch im Novem­ber 2015 hat­ten die Regie­rungs­kräf­te laut SIGAR-Report vom 30. Janu­ar 2019 in 72 Pro­zent aller Distrik­te des Lan­des die voll­stän­di­ge Kon­trol­le. Im Okto­ber 2018 waren es nur noch 54 Pro­zent. Die Tali­ban konn­ten ihre Gebiets­ge­win­ne im sel­ben Zeit­raum ver­dop­peln. Rund ein Vier­tel des Lan­des bleibt zwi­schen den Kriegs­par­tei­en kon­stant umkämpft.

Dabei sind die Tali­ban und die Regie­rungs­kräf­te nicht die ein­zi­gen Akteu­re. Auch Mili­zen diver­ser War­lords, die mit bei­den Sei­ten ihre eige­nen Geschäf­te machen, kon­trol­lie­ren Tei­le der Öko­no­mie und herr­schen regio­nal über Leben und Tod.

PRO ASYL for­dert, die Lage vor Ort end­lich ernst zu neh­men. In einem Land, in dem 2018 mehr Opfer bei Kriegs­hand­lun­gen umka­men als etwa in Syri­en oder im Jemen, kön­nen Men­schen kei­nen Schutz fin­den.

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