02.06.2016

Rupert Neudeck, der Gründer von Cap Anamur, ist tot. Viele Flüchtlinge verdanken seiner Initiative zur Rettung von Boat-People aus Indochina ihr Leben.

Ihm gelang es, die Poli­tik davon zu über­zeu­gen, dass das Ster­ben von Men­schen auf Hoher See ein uner­träg­li­ches Fak­tum ist, dass die Selbst­ver­ständ­lich­keit zu ret­ten, wo Ret­tung mög­lich ist, auch gegen poli­ti­sche Wider­stän­de und Gleich­gül­tig­keit erkämpft wer­den muss. Es gelang ihm, nicht nur zu ret­ten, son­dern auch die Auf­nah­me der Geret­te­ten als Kon­tin­gent­flücht­lin­ge zum Pro­gramm zu machen. Tau­sen­de von indo­chi­ne­si­schen Kon­tin­gent­flücht­lin­gen und ihre Nach­kom­men sind längst selbst­ver­ständ­li­cher Bestand­teil unse­rer Gesell­schaft.

Die Todes­nach­richt erreicht uns zu einer Zeit, wo das Ster­ben­las­sen auf dem Meer erneut zum All­tag wird, die poli­ti­sche orga­ni­sier­te Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit poli­ti­sches Han­deln prägt und denen, die hel­fen, ent­ge­gen­ge­hal­ten wird, sie schü­fen nur zusätz­li­che Anrei­ze für gefähr­li­che Fluch­ten.

Aber, wo die Gefahr ist, wächst das Ret­ten­de auch – solan­ge es Men­schen gibt, die Rupert Neu­decks Ver­mächt­nis, zu ret­ten, wo zu ret­ten ist, wei­ter­tra­gen. Es gibt inzwi­schen meh­re­re spon­tan gegrün­de­te Initia­ti­ven, die Flücht­lin­ge auf dem Mit­tel­meer aus See­not ret­ten und Tau­sen­de von Unterstützer*innen, denen die Posi­ti­on der blo­ßen Beobachter*innen von Schiff­brü­chen uner­träg­lich ist. „Nicht mehr nur zuschau­en“, das war auch die Grund­hal­tung von Rupert Neu­deck und ist die sei­ner Mitstreiter*innen, mit der aus einem „Schiff für Viet­nam“ eine gan­ze Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on wur­de. Eine gan­ze Lis­te huma­ni­tä­rer Hilfs­ak­tio­nen ist dem gefolgt. Und immer hat Rupert Neu­deck auch den Anspruch an die Poli­tik gestellt, dem Ver­ges­sen und Ver­drän­gen der Not nicht den Weg zu berei­ten.

Rupert Neu­deck war unbe­irr­bar und unbe­quem, nicht immer nur für sei­ne poli­ti­schen Gegen­über, manch­mal auch für die­je­ni­gen, die in sei­nem Geis­te am prak­ti­schen Werk waren. Doch wer man­che sei­ner sehr oft spon­tan geäu­ßer­ten Ansich­ten – auch zu Flücht­lings­the­men – nicht teilt, möge sich fra­gen, wo wir ohne den „Extre­mis­ten in Sachen Nächs­ten­lie­be“ heu­te stün­den. Selbst Flücht­ling, hat sein lebens­lang prä­gen­der Impuls, Hil­fe für Not­lei­den­de und Flücht­lin­ge schaf­fen zu wol­len, die Welt mehr geprägt, als er dies wohl zu Beginn sei­ner Arbeit jemals zu hof­fen gewagt hät­te.

Rupert Neu­deck hat­te pro­mo­viert über „Poli­ti­sche Ethik bei Jean Paul Sart­re und Albert Camus“. Er war ein Spe­zia­list des Han­delns in aus­weg­los schei­nen­der Situa­ti­on. „Der Kampf gegen Gip­fel ver­mag ein Men­schen­herz aus­zu­fül­len“, schrieb Albert Camus.

Unser Mit­ge­fühl gilt Rupert Neu­decks Fami­lie und sei­nen engen Mitstreiter*innen.