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Bei jeder Bootsanmietung versendet Master Yachting die PRO ASYL-Broschüre "Flüchtlinge in Seenot". Foto: Master Yachting GmbH

Seit mehr als einem Jahr versendet die Master-Yachting GmbH mit jedem Mietvertrag einer Yacht die PRO ASYL-Broschüre "Flüchtlinge in Seenot: handeln und helfen". Wie wichtig dies ist zeigt dieser Bericht des Master-Yachting-Kunden T. Oezen, der im Juli in der Ägäis auf drei Flüchtlingsboote in Seenot traf und die Rettung der Schiffbrüchigen einleitete.

Seit 2011 vertreiben wir eine Hilfestellung mit dem Titel „Flüchtlinge in Seenot: handeln und helfen“, die sich an Skipper und Crews richtet, die privat oder beruflich auf dem Mittelmeer unterwegs sind. (2015 folgte die englische Übersetzung „Refugees in Distress at Sea“.) Denn die Rettung von Flüchtlingen in Seenot ist für alle Schiffe verpflichtend, die auf dem Meer auf Schiffbrüchige treffen. Oft gibt es jedoch Unklarheiten, wie weit diese Verpflichtung geht und wie man sich im Notfall verhält. Darüber gibt die PRO ASYL-Broschüre Auskunft.

Unter anderem die Yachtcharter-Agentur Master Yachting gibt unsere Broschüre ihren Kunden mit auf dem Weg. Wie wichtig das ist, zeigt der folgende Logbucheintrag von T. Oezen, den Master Yachting uns hat zukommen lassen:

16. Juli 2015, Nachtfahrt – (letzte Nacht vor Übergabe unseres Nautitec open 40 Katamarans in Turgutreis/Bodrum/Türkei)

0300
Wachablöse: Ich übernehme das Ruder, Co-Skipper Mario schläft, Harri als Dritter im Bunde ruht sich neben mir an Deck etwas aus. 24 kn Wind, 0,5-1 m Welle, gute Sicht, 5-7 kn Fahrt unter Segel (Groß u. Fock) auf Kreuzkurs.

0355
Passieren gerade die Meerenge (3 nm from coast to coast) zwischen Bodrum und Kos auf Höhe Hüseyin Burnu. Höre ein Kreischen, Rundumblick – nichts. Denke an eine Möwe. Ca. 3 Min. später höre ich noch einmal ein Kreischen, es ist aber nun eher ein menschlicher Schrei (der unter Motor ungehört geblieben wäre …). Nochmals Rundumblick und da, steuerbord querab ein winziger Lichtpunkt im Auf und Ab der Wellen. Alarm, alle nach kurzer Einweisung auf Position, Segel bergen und Kurs nehmen auf den Lichtpunkt geschieht fast synchron. Order an Mario, die Maschinen zu starten und Fahrt aufzunehmen – aber erst, nachdem ich am Vorschiff in Position gegangen und den Lichtpunkt anvisiert habe, da unter Motor nichts mehr zu hören wäre. Order an Harri, sich um Decksbeleuchtung und eine starke Taschenlampe zu kümmern, Leinen (Rettungsring) klar machen.

0404
Schlauchboot voraus, 6 Seelen an Bord: 1 Frau, 5 Männer, alle schreien in arabischer(?) Sprache um Hilfe, aber nur die hohe Stimme der Frau hatte mein Ohr erreicht. Nun sind auch unsere Frauen und Kinder wach vom Geschrei, stürmen an Deck. Anweisung, ruhig und im Cockpit zu bleiben. Order an Harri, das Ruder zu übernehmen. Order an Mario, Pan Pan abzusetzen. Order an Vanessa, unser kleines Flutlicht unter allen Umständen auf das Schlauchboot zu richten. Schlauchboot manövrierunfähig, ohne Antrieb, halb vollgelaufen, droht zu kentern. Beruhige die Menschen an Bord und unterhalte mich mit ihnen um ihnen das Gefühl zu geben, dass sie nicht mehr allein sind. Über Funk keine Antwort auf Pan Pan. Habe die Verantwortung für 8 Menschen auf meinem Katamaran und auch die Pflicht, den Menschen in Seenot zu helfen. Daher schwierige, aber letztlich klare Anweisung: Abbergen nur bei unmittelbarer Lebensgefahr.

0418
Ein Mann lässt sich in seiner Verzweiflung achtern ins Wasser fallen. Leite MOB ein, breche aber wieder ab, nachdem sich der Mann unmittelbar darauf wieder selbst ins Schlauchboot ziehen kann. Keine Antwort via Funk auf erneut abgesetzten Pan Pan.

0425
Hole den Folder „Flüchtlinge in Seenot: handeln und helfen“ von PRO ASYL, den ich mit meinem Charter-Vertrag von Master-Yachting Deutschland zugeschickt bekommen und vor Törnbeginn gelesen habe, aus meinen Unterlagen. Wähle die Tel.-Nr. der türk. Küstenwache und gebe den Pan Pan telefonisch durch. Küstenwache schickt ein Schnellboot.

0429
Sichtung zweites Schlauchboot mit 9 Seelen an Bord. Auch Frauen und Kinder, die um Hilfe schreien. Küstenwache noch nicht da, beide Schlauchboote treiben auseinander. Unglaublich belastende Entscheidung: Welchen Beistand leisten? Ich behalte das erste Schlauchboot im Auge, da das zweite größer und in einem besseren Zustand ist (mit Mini-E-Motor; zwar kein wirklicher Antrieb bei dem Wind, der Welle und der Strömung, aber immerhin minimalst Boot stabilisierend). Muss dieses daher trotz aller Hilferufe ziehen lassen.

0514
Schnellboot der Küstenwache erreicht uns und birgt alle 6 Menschen in Seenot ab. Informiere den Offizier an Bord darüber, dass wir den Sichtkontakt zum zweiten Schlauchboot auf Kurs 220° verloren haben. Küstenwache nimmt Verfolgung auf, wir nehmen wieder Kurs auf unser Ziel Catalada.

0524
Sichtung drittes Schlauchboot mit mind. 12 Seelen an Bord. Wieder mit Frauen und Kindern, die um Hilfe schreien. Schlauchboot groß, aber manövrierunfähig und völlig überladen. Erneut Pan Pan und direkter Funkspruch an das Schnellboot der Küstenwache, aber keine Antwort. Ich kann die Signallichter Rot-Blau in Küstennähe von Kos ausmachen, wahrscheinlich suchen sie nach dem zweiten Schlauchboot. Ich bete, dass sie es finden … Eine Minute später erneuter Funkspruch, erhalte wieder keine Antwort. Jedoch nähert sich das Schnellboot wieder der türkischen Küste. Ich lasse alle Lichter an Bord, im Salon und in allen Kabinen anmachen, um möglichst gut sichtbar zu sein. Innerlich zerspringe ich fast vor Freude, als ich sehe, dass das Schnellboot seinen Kurs in unsere Richtung ändert (äußerlich versuche ich möglichst ruhig und bestimmt auf die Crew zu wirken, das wirkt beruhigend auf alle). Ich unterhalte mich mit den Menschen an Bord des dritten Schlauchbootes (Iraner, Afghanen, Syrer) und deute mit meiner Rechten auf die nahende Rettung.

0547
Als das Schnellboot der türkischen Küstenwache eintrifft, fällt mir ein Stein vom Herzen: An Bord sind nun definitiv mehr als sechs Flüchtlinge, sie haben das zweite Schlauchboot gefunden! „Helden“, denke ich mir, da ich schwören könnte, dass sie die Abbergung bereits in griechischen Gewässern durchgeführt haben. Umso mehr überrascht es mich, dass sich der Offizier an Bord über Megaphon ausgerechnet bei mir für den selbstlosen Beistand in Not bedankt, uns eine gute Weiterfahrt und einen schönen „Bayram Ramazan“ wünscht. Stimmt ja, es ist der Morgen des islamischen Ramazan Bayram ? vergleichbar mit dem christlichen Weihnachtsabend …

0610
Während die türk. Küstenwache zuletzt auch noch das Schlauchboot abbirgt, haben wir wieder Kurs auf Catalada genommen – als sich uns das Schnellboot von hinten plötzlich schnell nähert. „Habe ich was vergessen oder falsch gemacht??, denke ich mir, als das Schnellboot auch schon backbords an uns vorbeizieht. Wohl auf Bitten der Flüchtlinge. Sie winken uns zu, um uns auf diese Weise „Danke“ sagen. Nur wenige Augenblicke später geht die Sonne auf …

Text zuerst erschienen auf www.master-yachting.de