08.12.2017
Image

Jedes Jahr begleiten wir etliche verfolgte Menschen in ihren Asylverfahren. Das PRO ASYL-Team hat 2017 tausende Beratungsgespräche geführt, über 700 Flüchtlingen standen wir mit Mitteln aus dem Rechtshilfefonds zur Seite. Zum Beispiel Jamal Daatis*, der mit seiner Familie vor den Taliban fliehen musste.

Kan­da­har, Afgha­ni­stan, 2011: Der 15-jäh­ri­ge Jamal Daa­tis lebt zusam­men mit sei­nen Eltern und Geschwis­tern in der im Süden des Lan­des gele­ge­nen Pro­vinz. Der Vor­marsch der Tali­ban bringt bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen und Ver­fol­gun­gen ver­stärkt auch dort­hin. Fami­lie Daa­tis bleibt nicht lan­ge davon ver­schont: Auf dem Schul­weg ent­füh­ren Tali­ban die acht­jäh­ri­ge Schwes­ter Jamals und ver­lan­gen Löse­geld. Als die Eltern die ver­lang­te Sum­me von 30.000 $ nicht schnell genug zusam­men­brin­gen, schnei­den die Ent­füh­rer dem Mäd­chen einen Fin­ger ab. Zusam­men mit dem Fin­ger las­sen sie der Fami­lie die Dro­hung zukom­men, das Kind bereits am nächs­ten Tag zu töten.

Keine Sicherheit in Afghanistan

In größ­ter Hast gelingt es den Eltern, ihr Haus zu ver­kau­fen und die gefor­der­te Sum­me zu zah­len – das schwer miss­han­del­te und ver­letz­te Kind kommt schließ­lich frei. Doch schon bald gerät die Fami­lie erneut ins Visier der Gewalt­tä­ter. Die Tali­ban suchen Jamal in der Kfz-Werk­statt sei­nes Vaters auf. Sie ver­lan­gen von ihm, Autos mit Bom­ben zu prä­pa­rie­ren, um damit Anschlä­ge zu ver­üben. Jamal lehnt ab. Drei Tage spä­ter kom­men die Män­ner wie­der – dies­mal ist auch der Vater in der Werk­statt zuge­gen. Ent­schie­den weist die­ser die Män­ner ab, die ihm dar­auf­hin drohen.

»NochMal werden Sie mich auf keinen Fall freilassen«

Zwei Wochen spä­ter: Die Tali­ban über­fal­len das Haus des Groß­va­ters, in dem die Fami­lie Jamals zunächst eine Blei­be gefun­den hat. Mit einem Bajo­nett ver­let­zen sie Jamal schwer. Erst als der Groß­va­ter hin­zu­kommt und Jamal und sei­nen Bru­der auf den Koran schwö­ren lässt, dass sie sich den Män­nern anschlie­ßen wür­den, sobald Jamals Wun­den ver­heilt sei­en, las­sen sie von Jamal und sei­nem Bru­der ab.

Dramatische Flucht über die Ägäis

Die ver­ängs­tig­te Fami­lie ent­schließt sich schließ­lich zur Flucht. Sie sucht zunächst Schutz im Haus einer Tan­te – dann flie­hen alle zusam­men über den Iran in die Tür­kei, wo sie trotz aller Mühen kei­ne dau­er­haf­te Blei­be fin­den. Beim Ver­such, gemein­sam über das Meer Grie­chen­land zu errei­chen, kommt es zum Unglück: Das Schlauch­boot ken­tert – die Tan­te und ihr Sohn ertrinken.

Image
Jamal in sei­ner Unter­kunft – er lebt in stän­di­ger Angst vor der Abschie­bung. Foto: Mar­kus Geisel

Kein Schutz in Deutschland

Ende Febru­ar 2014: Jamal Daa­tis hat schließ­lich Deutsch­land erreicht und stellt einen Antrag auf Asyl. Zusam­men mit sei­ner Fami­lie lebt er in einer Gemein­schafts­un­ter­kunft in Bay­ern. Der Vater ist durch die Gewalt­ta­ten schwer trau­ma­ti­siert. In sei­ner Anhö­rung schil­dert Jamal die Ver­fol­gun­gen und Gefah­ren, denen er gemein­sam mit sei­nen Ange­hö­ri­gen aus­ge­setzt war. Bis zur Ent­schei­dung des Bun­des­am­tes für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) dau­ert es Jah­re – zwi­schen­zeit­lich erhal­ten die Eltern und Geschwis­ter Schutz. Im März 2017 wird Jamals Asyl­an­trag abge­lehnt, sei­ne Abschie­bung wird angedroht.

Was wir tun

PRO ASYL unter­stützt Jamal Daa­tis in sei­nem gericht­li­chen Kla­ge­ver­fah­ren – so wie vie­le ande­re Schutz­su­chen­de. Die Men­schen sind häu­fig ver­zwei­felt, weil ihnen Behör­den und Gerich­te den drin­gend nöti­gen Schutz ver­sa­gen. Flucht­grün­de wer­den infra­ge gestellt, Berich­te von Fol­ter und Ver­ge­wal­ti­gung wer­den ignoriert.

Um Schutz­su­chen­den wie Jamal Daa­tis zur Sei­te zu ste­hen, sind wir auf Ihre Unter­stüt­zung angewiesen.

Immer wie­der erle­ben wir, dass unse­re Inter­ven­ti­on eine Wen­de bewirkt: Ver­fah­ren enden mit unse­rer Unter­stüt­zung für die Betrof­fe­nen häu­fig erfolg­reich. Mög­lich ist dies nur auf­grund der groß­zü­gi­gen Hil­fe unse­rer Mit­glie­der, Spen­de­rin­nen und Spen­der. Bit­te enga­gie­ren Sie sich des­halb zusam­men mit uns: Um Schutz­su­chen­den wie Jamal Daa­tis zur Sei­te zu ste­hen, sind wir auf Ihre Unter­stüt­zung angewiesen.

UPDATE:

Vor kur­zem – mehr als acht Jah­re nach der Flucht – hat­te die Kla­ge Erfolg: Jamal Daa­tis* ist end­lich in Sicher­heit. Durch die lan­ge Zeit des War­tens und Ban­gens hat er sich nicht ent­mu­ti­gen las­sen. Er hat eine Arbeits­stel­le in einem Auto­haus gefun­den und lebt mit sei­ner Part­ne­rin zusam­men: »Ich bin sehr dank­bar für die Unter­stüt­zung von PRO ASYL, aber auch für die mei­ner Freun­de vom Haus Inter­na­tio­nal, die so viel für mich getan haben! Ohne Euch alle und Eure gro­ße Hil­fe hät­te ich das nicht geschafft. Ich bin sehr glücklich!«

*Name geändert