12.05.2015
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Tasnim Fared ist die Hauptdarstellerin im Film "Auf der Seite der Braut" und half dabei, syrische Flüchtlinge, als Hochzeitsgesellschaft getarnt, nach Schweden zu schmuggeln.

Ab Sonntag läuft der Film „Auf der Seite der Braut“ in ausgewählten Kinos. Er dokumentiert, wie Aktivistinnen und Aktivisten fünf syrische Flüchtlinge quer durch Europa schmuggeln – getarnt als Hochzeitsgesellschaft. Im Vorfeld der von Adopt a Revolution und PRO ASYL veranstalteten Kino-Tour sprachen wir mit Tasnim Fared, die auf der Reise durch Europa die Rolle der Braut spielt.

Für Schutzsuchende sind die Grenzen innerhalb der EU legal nicht passierbar: Die Dublin-Verordnung schreibt vor, dass Asylsuchende in der EU dort zu bleiben haben, wo sie erstmals EU-Territorium betreten haben – auch dann, wenn in ihrem Ankunftsstaat ihre Lebensbedingungen menschenunwürdig sind oder die Betroffenen in anderen EU-Staaten Verwandte oder Freunde haben.

Gabriele del Grande, Khaled Soliman Al Nassiry und Antonio Augugliaro wollten dagegen ein Zeichen setzen: Sie schmuggelten syrische Flüchtlinge von Italien nach Schweden – getarnt als Hochzeitsgesellschaft. Die Rolle der Braut übernahm die syrisch-palästinensische Aktivistin Tasnim Fared.

Tasnim, wie bist Du dazu gekommen, die Hauptrolle der Braut in dem Film zu übernehmen?

Ich fand die Idee großartig und dann war es eine ganz spontane Entscheidung. Als Gabriele angefragt hat, habe ich sofort zugesagt. Mir war bewusst, dass es das Risiko gibt, wegen Menschenschmuggel festgenommen zu werden. Aber diejenigen, die nach Europa nur über das Meer kommen können, müssen ein viel größeres Risiko auf sich nehmen. Ich habe einen europäischen Pass, ich kann überallhin auf der Welt reisen. Aber das Recht, sich frei bewegen zu können, darf nicht vom Pass abhängen, und es kann nicht sein, dass sich ein Kind auf der Flucht vor einem Krieg in Lebensgefahr begeben muss.

Warst Du nervös als ihr als Hochzeitsgesellschaft getarnt die Grenzen passiert habt?

Zwei Wochen nachdem in Syrien die Revolution gegen die Assad-Diktatur ausgebrochen war, bin ich aus Italien nach Yarmouk gereist, ein Viertel im Süden von Damaskus, wo ich als syrische Palästinenserin aufgewachsen bin. Ich wollte die Freiheit leben, die in diesem Aufstand steckt. Das war beeindruckend, die stärkste Zeit meines Lebens, obwohl uns das Regime sogar die Luft zum Atmen nehmen wollte. Ich habe sieben Monate Belagerung des Stadtteils durch die syrische Armee miterlebt, habe gesehen, wie Frauen an Checkpoints um Brot weinen und wie Menschen um mich herum erschossen wurden. Doch gleichzeitig habe ich noch nie so viel Solidarität zwischen Menschen erlebt, wie dort.

Dass ich selbst aus Yarmouk entkommen konnte, war Zufall, und ich hatte Glück, dass mein Name auf keiner Fahndungsliste des Regimes stand, als ich Syrien in Richtung Libanon verlassen habe. Als wir den Film gedreht haben war ich erst drei Monate wieder in Italien und noch voll von Adrenalin. Nervös war ich trotzdem – besonders im Zug nach Schweden. Nach Syrien habe ich keine Angst mehr um mich selbst. Aber ich wollte, dass Manar, der Junge im Film, zur Schule gehen kann und die Chance auf ein gutes Leben bekommt.

Ist das gelungen, geht es Manar heute gut?

Manar und sein Vater Alaa al-Din haben in Schweden Asyl beantragt, wurden aber wieder nach Italien abgeschoben. Schweden musste es nicht unbedingt sein, aber ein sicherer Ort für ihn und sein Familie. Inzwischen lebt Manar mit seinem Vater in Deutschland, und seine Mutter hat es auch nach Europa geschafft. Ich denke, es geht ihnen gut.

Ihr habt Menschen beim Grenzübertritt geholfen, die das nicht dürfen und mit dem Film eure „Tat“ veröffentlicht. Fürchtest Du nicht strafrechtliche Verfolgung?

Nein, ich glaube nicht, dass uns noch jemand belangen wird. Wir haben so viel Unterstützung erfahren, das würde sicherlich jedes Gericht beeindrucken – und eine ganze Bewegung für mehr Bewegungsfreiheit kann man nicht einsperren. Ich habe keine Angst, selbst wenn ich ins Gefängnis müsste.

Kann der Film dazu beitragen, die Situation für Flüchtlinge in Europa zu verbessern?

Der Film? Nein, der kann nichts verändern, aber die Menschen die ihn sehen. Ich denke, der Film verändert den Blick darauf, was legal und was illegal ist und zeigt, dass Menschen nicht illegal sein können. Wir haben als Gesellschaft die Macht, die Bedingungen für Flüchtlinge zu verbessern – und aus Menschlichkeit heraus müssen wir das auch tun. Wir dürfen das Thema Bewegungsfreiheit nicht den Staaten überlassen, dafür öffnet der Film die Augen.

Was ist mit den Menschen in Syrien?

Als ich Syrien verlassen habe dachte ich eigentlich, schon nach einer Woche wieder zurückzukehren zu meiner Mutter. Aber mir wurde in Europa schnell klar, dass wir Aktivistinnen und Aktivisten in Syrien allein gelassen werden mit der brutalen Assad-Diktatur und den mörderischen Jihadisten. Ohne Unterstützung von außen werden wir keine Lösung für diese beiden Probleme finden. Kein Wunder, dass die Menschen fliehen und sich anderswo eine Zukunft aufbauen wollen. Diese Geschichte erzählt der Film natürlich auch.

Nachdem es in den letzten Wochen so viele Tote im Mittelmeer gegeben hat, will die EU verstärkt gegen Schlepper vorgehen. Denkst Du, das kann eine erfolgreiche Strategie sein?

Die Schlepper sind schreckliche Menschen, die ich gerne im Gefängnis sehe. Sie gehen jederzeit bereitwillig das Risiko ein, dass Menschen auf der Überfahrt sterben. Aber sie spielen nur ihre Rolle im System, das von den europäischen Staaten geschaffen wird. Wenn es sonst keine Möglichkeit gibt, sich in Sicherheit zu bringen, etwa aus einem Bürgerkrieg wie in Syrien, dann schafft die Nachfrage auch ein Angebot. Deshalb sind Politikerinnen und Politiker genauso verantwortlich dafür, dass Menschen im Mittelmeer sterben – und müssten eigentlich auch ins Gefängnis.

Was war für Dich das schönste Erlebnis im Film?

Fragst Du auch, was ich am schlimmsten fand? – Das war der Grenzübergang von Italien nach Frankreich. Dort sind wir an einem verlassenen Unterschlupf von Schmugglern vorbei gekommen und haben so viele Zeichen davon gesehen, wie Menschen ihre Hoffnung auf das Leben in einem anderen Land setzen. Es war einfach bedrückend zu erkennen, was sie für diesen Traum alles aufgeben und erleiden mussten.

Das beste war natürlich, als Manar zum Schluss in Stockholm auf dem Marktplatz gerappt hat. So viele Menschen haben zugehört und wir haben gefeiert, dass wir angekommen sind. Das war einfach das beste!

Interview: Ferdinand Dürr / Adopt a Revolution

„Auf der Seite der Braut“ (it. „Io sto con la Sposa) läuft am Sonntag in ausgewählten deutschen Kinos, Tasnim Fared wird die von Adopt a Revolution und PRO ASYL veranstaltete Kino-Tour begleiten:

Berlin 17.5, 19:30 | Rostock 18.5, 19:00 | Hamburg 19.5, 19:00 | Bochum 20.5, 19:00 | Frankfurt/M 21.5, 19:00 | Marburg 22.5. 19:00