18.07.2016
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Seit dem Putschversuch am vergangenen Wochenende ist zu befürchten, dass sich die Lage für Kritiker von Präsident Erdogan weiter verschärft. Foto: Reuters / Osman Orsal

Am Wochenende ist in der Türkei ein Militärputsch gegen die AKP-Regierung gescheitert, das Regime reagiert mit Entlassungen im Justizapparat, Inhaftierungen und einer Debatte über die mögliche Wiedereinführung der Todesstrafe. Ob sich vor diesem Hintergrund an der Einschätzung, die Türkei sei ein sicheres Herkunftsland, etwas ändert?

Noch Mit­te letz­ter Woche spiel­te sich eine bei­spiel­lo­se Pos­se in der Bun­des­re­gie­rung ab: Kanz­ler­amts­chef und Flücht­lings­ko­or­di­na­tor Peter Alt­mai­er ver­si­cher­te beim Ber­li­ner Sym­po­si­um zum Flücht­lings­schutz vom Juni 2016 zwar, er sehe kei­ne Grund­la­ge für eine Ein­stu­fung der Tür­kei als „siche­res Her­kunfts­land“ – im Aus­wär­ti­gen Amt sieht man das aber offen­bar anders: In einer Ant­wort an die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Ulla Jel­pke (Die Lin­ke) ver­weist man auf frü­he­re Ant­wor­ten, in denen man der Tür­kei die­sen Sta­tus zuspre­chen woll­te.

Die Debat­te ereig­ne­te sich vor dem Hin­ter­grund, dass die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on die bis­he­ri­gen natio­na­len Lis­ten „siche­rer Her­kunfts­län­der“ durch eine EU-wei­te Lis­te erset­zen will. Der Kom­mis­si­ons-Vor­schlag umfasst, neben den schon in Deutsch­land ein­ge­stuf­ten West­bal­kan-Staa­ten, auch die Tür­kei. Aus der Sicht der EU ist dies nur kon­se­quent, schließ­lich erklär­te man den Staat im Rah­men des EU-Tür­kei-Deals auch für alle Schutz­su­chen­den als „siche­ren Dritt­staat“ – wenn Flücht­lin­ge in der Tür­kei sicher sind, so die Logik der EU, müs­se dies auch für tür­ki­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge gel­ten.

»Der eigentliche Putsch beginnt womöglich erst«

Am Wochen­en­de über­schlu­gen sich dann die Ereig­nis­se. Mut­maß­lich aus höhe­ren Krei­sen des kema­lis­tisch ori­en­tier­ten Mili­tärs vor­be­rei­tet, wur­de ver­sucht, gegen die AKP-Regie­rung unter Prä­si­dent Erdo­gan zu put­schen. Zwar hat­ten Exper­ten schon im Vor­feld der Akti­on die Lage in der Tür­kei als über­aus vola­til bewer­tet, den­noch kam der Putsch­ver­such für vie­le uner­war­tet. Nach­dem der Putsch noch in der Nacht zu Sams­tag nie­der­ge­schla­gen wur­de, reagier­te die AKP-Regie­rung schnell: Fast 3000 Richter*innen und 9000 Beamt*innen wur­den ent­las­sen, über 2900 Per­so­nen inhaf­tiert, mit der Wie­der­ein­füh­rung der Todes­stra­fe wird gelieb­äu­gelt.

Der Welt-Kor­re­spon­dent Deniz Yücel kon­sta­tiert fol­ge­rich­tig: „Der eigent­li­che Putsch beginnt womög­lich erst, nach­dem der letz­te Schuss gefal­len ist.“ Und der FR-Kor­re­spon­dent Frank Nord­hau­sen schlägt in die glei­che Ker­be: „Was Erdo­gan hier insze­niert, ist eben­falls ein Umsturz – ein zivi­ler Putsch des Prä­si­den­ten.“ Der auto­ri­tä­ren Prä­si­di­al­dik­ta­tur sind anschei­nend alle Wege geeb­net: Die letz­ten Res­te der demo­kra­ti­schen Ver­fasst­heit wer­den nun nach dem Putsch­ver­such abge­schafft. Gera­de in dem Land, mit dem EU die wich­tigs­ten Flücht­lings­pak­te geschlos­sen hat.

Dass die EU-Kom­mis­si­on nun allen Erns­tes die Tür­kei als »siche­ren Her­kunfts­staat« ein­set­zen will und dafür Bei­fall aus Tei­len der Bun­des­re­gie­rung erhält, ist ein wei­te­res Kapi­tel in die­sem Irr­sinn.

Die Türkei ist kein sicheres Herkunftsland und kein sicherer Drittstaat

Der Putsch­ver­such und die poli­ti­schen Fol­gen müs­sen des­halb Kon­se­quen­zen für die bis­he­ri­gen Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen der EU und Tür­kei in der Flücht­lings­fra­ge haben. Die Sicher­heits­la­ge ist in der Tür­kei so ange­spannt, dass die Dekla­rie­rung für Flücht­lin­ge als „siche­rer Dritt­staat“ eine Far­ce dar­stellt. Schon jetzt wer­den Flücht­lings­rech­te in der Tür­kei ekla­tant ver­letzt: Vie­le Geflüch­te­te genie­ßen dort weder recht­lich noch fak­tisch Flücht­lings­schutz gemäß der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on.

Für regime­kri­ti­sche tür­ki­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge wird sich die Lage der­weil ver­schlim­mern. Schon vor dem Putsch­ver­such waren Berich­te über die Ver­haf­tung von regie­rungs­kri­ti­schen Jour­na­lis­ten kei­ne Sel­ten­heit – Ende 2015 wur­de bei­spiels­wei­se Can Dündar, Chef­re­dak­teur der Tages­zei­tung Cumhu­ri­y­et ver­haf­tet. Der Vor­wurf: Mit­glied­schaft in einer ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung. Ähn­li­ches droht der­zeit vie­len Abge­ord­ne­ten der größ­ten tür­ki­schen Oppo­si­ti­ons­par­tei HDP, deren Immu­ni­tät im Par­la­ment kürz­lich auf Initia­ti­ve der Erdo­gan-Regie­rung auf­ge­ho­ben wur­de. Obwohl selbst die HDP sich wäh­rend des Put­sches auf die Sei­te der Regie­rung stell­te, dürf­te das Erdo­gan-Regime kei­nen Ver­such unter­las­sen, die poli­ti­schen Geg­ner mit wei­te­ren Ter­ro­ris­mus­vor­wür­fen und Repres­sa­li­en zu über­zie­hen.

Auch auf den fak­ti­schen Bür­ger­krieg mit den Kur­den in der Süd­tür­kei dürf­te der Putsch­ver­such Fol­gen haben: In den kur­di­schen Gebie­ten und in Städ­ten wie Ciz­re oder Diyarba­k­ir kommt es stän­dig zu schwe­ren Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, wie auch Amnes­ty Inter­na­tio­nal berich­tet, der Kon­flikt hat seit ver­gan­ge­nem Jahr schon hun­der­te Tote gefor­dert. Ein wei­te­res mili­tä­ri­sches Ein­grei­fen zur angeb­li­chen „Befrie­dung“ des Kon­flikts ist nicht unwahr­schein­lich.

Die EU muss einen Kurswechsel einleiten

Die Regie­run­gen der euro­päi­schen Staa­ten haben bis­lang die Prä­mis­se, die diplo­ma­ti­schen Bezie­hun­gen zur Tür­kei nicht zu gefähr­den. Zu sehr benö­tigt man das Erdo­gan-Regime, um sich der Flücht­lings­fra­ge zu ent­le­di­gen. Doch kann die­se Poli­tik um jeden Preis fort­ge­setzt wer­den? Dass die EU-Kom­mis­si­on nun allen Erns­tes die Tür­kei als „siche­ren Her­kunfts­staat“ ein­set­zen will und dafür Bei­fall aus Tei­len der Bun­des­re­gie­rung erhält, ist ein wei­te­res Kapi­tel in die­sem Irr­sinn.

Der geschei­ter­te Putsch und die repres­si­ve Ant­wort des Regimes kann nur zwei Fol­gen haben: Die sofor­ti­ge Been­di­gung des EU-Tür­kei-Deals und die Auf­ga­be aller Ver­su­che, die Tür­kei als „siche­ren Her­kunfts­staat“ zu dekla­rie­ren.