08.10.2014
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Große Hilfsbereitschaft: In Karlsruhe und an vielen anderen Orten kümmern sich Ehrenamtliche um Flüchtlinge die von der Politik im Stich gelassen wurden.

In der Erstaufnahme für Flüchtlinge in Karlsruhe herrscht seit Wochen Chaos bei der Unterbringung und Versorgung. Dort wo die Behörden versagen, schritten schließlich Bürgerinnen und Bürger ein. PRO ASYL hat mit Manuela Nehal von der „Flüchtlingshilfe Karlsruhe“ über das Engagement vor Ort, Abschreckungspolitik und Behördenversagen gesprochen.

Frau Nehal, die Lan­des­erst­auf­nah­me­stel­le – oder LEA – ist in Karls­ru­he. Als Mit­te Sep­tem­ber inner­halb weni­ger Tage 1400 Flücht­lin­ge in die Stadt kamen, sol­len Flücht­lin­ge gezwun­gen gewe­sen sein, die Nacht auf der Stra­ße zu ver­brin­gen. Wie haben Sie reagiert?

Wir haben gehört, dass Leu­te in der Haupt­erstauf­nah­me­stel­le im Hof geschla­fen haben. Wir hat­ten zum Bei­spiel Kon­takt zu einer Fami­lie, die ein ein­jäh­ri­ges Kind hat­te. Bevor es so weit kam, dass die Fami­lie im Hof hät­te über­nach­ten müs­sen, hat einer unse­rer Hel­fer sie auf­ge­nom­men.

Wie hat denn die­se Unter­brin­gungs- und Ver­sor­gungs­kri­se in Karls­ru­he über­haupt ange­fan­gen?

Das war schon vor län­ge­rer Zeit. Ende Juli kam in der LEA ein Masern­fall vor. Sie muss­te geschlos­sen wer­den, und die Leu­te, die dort hät­ten unter­ge­bracht wer­den sol­len, wur­den auf die Außen­stel­len in der Stadt ver­teilt. Nach der Qua­ran­tä­ne kamen dann die gan­zen dem Land zuge­teil­ten Flücht­lin­ge auf ein­mal. Das war der Punkt, an dem es extrem wur­de und die Not­un­ter­künf­te auf­ge­macht wer­den muss­ten. Wir haben beob­ach­tet, dass die Flücht­lin­ge dort, aber eben­so in den neun Außen­stel­len der Erst­auf­nah­me nicht mehr rich­tig ver­sorgt wur­den.

In wel­cher Situa­ti­on befan­den sich die Men­schen, was fehl­te ihnen?

Sie hat­ten wirk­lich nur die Klei­der am Leib, mit denen sie gekom­men sind, teil­wei­se zer­fetzt. Sie haben kei­ne Klei­dung bekom­men, kei­ne Hygie­ne­ar­ti­kel, um sich waschen zu kön­nen, es hat an Win­deln und an Baby­nah­rung für die Klein­kin­der gefehlt. Auch die Ver­sor­gung mit Lebens­mit­teln war sehr schlecht, es gab in den Not­un­ter­künf­ten zum Bei­spiel kei­ne war­men Mahl­zei­ten. Die Kin­der waren mit der Situa­ti­on über­for­dert. Ihnen ging es dort nicht gut, sie hat­ten ja nicht ein­mal Spiel­sa­chen.

Wie hat die Flücht­lings­hil­fe reagiert?

Wir haben uns über­legt, einen Spen­den­auf­ruf zu star­ten und inner­halb von 24 Stun­den eine Web­sei­te online gestellt, die auch über die Pres­se ver­öf­fent­licht wur­de. Kurz dar­auf haben die Karls­ru­her auch schon ange­fan­gen, kräf­tig zu spen­den, sehr vie­le und teil­wei­se auch sehr tol­le, neue Sachen. Die­se haben wir dann in die Not­un­ter­künf­te und Außen­stel­len ver­teilt. Wir haben für jede Unter­kunft so genann­te Paten, die so oft es geht vor­bei schau­en und die Leu­te fra­gen, was gebraucht wird. Das wird dann im Lager zusam­men­ge­rich­tet und dort hin­ge­bracht.

Wie haben Sie die­se logis­ti­sche Her­aus­for­de­rung gestemmt?

Wir sind da schon ziem­lich über­rollt wor­den. Wir waren am Anfang unge­fähr 20 Per­so­nen, die sich zusam­men­ge­setzt haben, dar­un­ter Ver­ei­ne und Orga­ni­sa­tio­nen aus dem Men­schen­rechts­zen­trum wie Amnes­ty Inter­na­tio­nal, sowie eini­ge Pri­vat­per­so­nen. Wir haben natür­lich nicht damit gerech­net, dass das sol­che Dimen­sio­nen annimmt, und dass auch die Spen­den­be­reit­schaft so anhält, das ist wirk­lich über­wäl­ti­gend. Letz­te Woche haben wir ein zwei­tes Spen­den­la­ger eröff­net.

Was sind das für Men­schen, die sich mit Ihnen für Flücht­lin­ge enga­gie­ren?

Die sind eigent­lich aus allen Grup­pie­run­gen in Karls­ru­he. Aus dem kirch­li­chen Bereich oder aus den  mus­li­mi­schen Gemein­den, Men­schen, die haupt­amt­lich in der Poli­tik tätig sind, bis hin zu Leu­ten, die in ihrem nor­ma­len Leben mit Flücht­lin­gen oder Poli­tik gar nichts zu tun haben. Da ist wirk­lich alles ver­tre­ten.

Wie sind Sie per­sön­lich zur Flücht­lings­hil­fe gekom­men?

Ich per­sön­lich bin schon seit über einem Jahr in der Amnes­ty-Asyl­grup­pe, in der wir Ver­fah­rens- und Rechts­be­ra­tung für Flücht­lin­ge machen. Da wir regel­mä­ßi­gen Kon­takt zu Flücht­lin­gen haben, sind wir natür­lich schon län­ger auf die Ver­hält­nis­se auf­merk­sam gewor­den, die hier herr­schen. 

Wel­che Schlüs­se zie­hen Sie aus der chao­ti­schen Lage über die Hal­tung der Stadt in der Flücht­lings­po­li­tik?

Hier ist ja das Regie­rungs­prä­si­di­um zustän­dig, nicht die Stadt. Die Flücht­lings­po­li­tik wird ja von der Lan­des­re­gie­rung gemacht. War das wirk­lich ein­fach ein ver­wal­tungs­tech­ni­sches Ver­sa­gen? Oder stellt es den Teil einer Abschre­ckungs­po­li­tik dar? Die­se Fra­ge muss sich die Regie­rung schon gefal­len las­sen. Die Zahl der Flücht­lin­ge, die hier ankom­men, war ja von vorn­her­ein schon bere­chen­bar. Es war klar, dass man sich dar­auf vor­be­rei­ten muss. Nichts der­glei­chen wur­de getan. Die Unter­künf­te in Karls­ru­he waren bereits im letz­ten Jahr über­füllt.

Hat es im aktu­el­len poli­ti­schen Leben Ent­schei­dun­gen gege­ben, die Sie mit einer Logik der Abwehr ver­bin­den kön­nen?

Herrn Kret­sch­manns Zustim­mung zum Gesetz, Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na, Maze­do­ni­en und Ser­bi­en zu siche­ren Her­kunfts­län­dern zu erklä­ren, ist für mich per­sön­lich eher ein fau­ler Kom­pro­miss. Das Gesetz trägt nicht unbe­dingt dazu bei, die Lage hier zu ent­span­nen, und gleich­zei­tig hebelt es das Recht auf Schutz für ver­schie­de­ne Per­so­nen­grup­pen aus. Es ist für die Men­schen eher eine Ver­schlech­te­rung.

Wie könn­te die Lan­des­re­gie­rung die Situa­ti­on für Flücht­lin­ge Ihrer Mei­nung nach ver­bes­sern?

Was wirk­lich wich­tig wäre: Struk­tu­ren zu schaf­fen, die eine dezen­tra­le Unter­brin­gung mög­lich machen und nicht, wie es jetzt ist, die Men­schen in gro­ßen Hal­len und Zel­ten unter­zu­brin­gen. Es ist beschä­mend und alar­mie­rend, dass in einem der reichs­ten Län­der der Welt schutz­su­chen­de und teil­wei­se schwer trau­ma­ti­sier­te Men­schen zusam­men­ge­pfercht, ohne aus­rei­chen­de sani­tä­re Anla­gen und ohne Pri­vat­sphä­re wochen­lang auf sich allei­ne gestellt aus­har­ren müs­sen. Der­art men­schen­un­wür­di­ge Mas­sen­un­ter­brin­gun­gen stel­len zudem einen Nähr­bo­den für Kon­flik­te dar – nicht nur unter den Flücht­lin­gen selbst.

Kon­takt: Flücht­lings­hil­fe Karls­ru­he

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