23.07.2013
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Nach dem Willen der australischen Regierung sollen Bootsflüchtlinge am besten Tausende Kilometer vom Kontinent entfernt bleiben. Bild: Parliament of Australia

Bootsflüchtlinge, die versuchen, australisches Gebiet zu erreichen, werden ab sofort nach Papua-Neuguinea abgeschoben. Für die Dauer des Asylverfahrens sollen sie in Haftlagern dort interniert werden.

In dem klei­nen Insel­staat sol­len die Flücht­lin­ge nach Auf­fas­sung des neu­en Pre­miers Kevin Rudd auch nach einer mög­li­chen Aner­ken­nung blei­ben.  Abge­lehn­te Asyl­su­chen­de, so der aus­tra­li­sche Ein­wan­de­rungs­mi­nis­ter Tony Bur­ke, haben drei Optio­nen: Haft in Papua-Neu­gui­nea, „frei­wil­li­ge Rück­kehr“ in ihr Her­kunfts­land oder die Mög­lich­keit, dass ein Dritt­land ihnen einen lega­len Sta­tus gewährt – Vari­an­te drei ist eine rein theo­re­ti­sche Mög­lich­keit.

Das Abkom­men mit Papua-Neu­gui­nea ist ab sofort in Kraft. Es soll zunächst zwölf Mona­te gel­ten und anschlie­ßend jähr­lich über­prüft wer­den. Die Maß­nah­me wird von einer zyni­schen Abschre­ckungs­kam­pa­gne der Regie­rung flan­kiert. Außen­mi­nis­ter Bob Carr soll sich über eine zuneh­men­de Zahl von „Wirt­schafts­flücht­lin­gen“ aus Sri Lan­ka und dem Iran beklagt haben – Staa­ten, des­sen Regime schwe­re Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen bege­hen. Dabei wer­den 90 Pro­zent der Boots­flücht­lin­ge, die nach den Stra­pa­zen der Flucht, oft halb ver­hun­gert, meist auf der Weih­nachts­in­sel – aus­tra­li­schem Ter­ri­to­ri­um – lan­den, aner­kannt.

Aus­la­ge­rung von Flücht­lin­gen ist Stra­te­gie

Im Jahr 2001 ver­folg­te Aus­tra­li­en erst­mals die soge­nann­te pazi­fi­sche Lösung, bei der Boots­flücht­lin­ge abge­fan­gen und wäh­rend  des Asyl­ver­fah­rens in Dritt­staa­ten inhaf­tiert wer­den. Die Stra­te­gie war eine Reak­ti­on auf die Ereig­nis­se im August des Jah­res 2001, als der nor­we­gi­sche Frach­ter MV Tam­pa 433 Boots­flücht­lin­ge auf dem Weg nach Aus­tra­li­en ret­te­te und danach von Aus­tra­li­en mit mili­tä­ri­schen Mit­teln an der Ein­rei­se gehin­dert wur­de.

Ver­ein­ba­run­gen mit Nau­ru und Papua-Neu­gui­nea

Am 19. Sep­tem­ber unter­zeich­ne­te Aus­tra­li­en eine Ver­ein­ba­rung mit dem klei­nen Insel­staat Nau­ru, Asyl­su­chen­de für die Dau­er der Bear­bei­tung ihrer Anträ­ge unter­zu­brin­gen – gegen Geld. Am 11. Okto­ber folg­te ein Abkom­men mit Papua-Neu­gui­nea. Auf der Insel Manus wur­de ein Lager für Off­shore-Ver­fah­ren errich­tet. Die Lager auf Nau­ru und Manus wur­den von der Inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­ti­on für Migra­ti­on (IOM) ver­wal­tet.

Sie­ben Jah­re ver­gin­gen, bis im Febru­ar 2008 die damals neu gewähl­te Labour-Regie­rung unter Kevin Rudd die Off­shore-Inter­nie­rungs­la­ger auf Nau­ru und Manus schlie­ßen ließ. (Auf aus­tra­li­schem Ter­ri­to­ri­um blieb die Inhaf­tie­rung von Flücht­lin­gen jedoch  die Regel.) Zwi­schen 2001 und Febru­ar 2008 wur­den ins­ge­samt 1.637 Flücht­lin­ge in den Lagern auf Nau­ru und Manus inhaf­tiert. Rund 70 Pro­zent von ihnen, 1.153 Per­so­nen, wur­den umge­sie­delt, dar­un­ter 705 Per­so­nen nach Aus­tra­li­en. Im August 2012 kün­dig­te die Labour-Regie­rung Gil­lard die Wie­der­auf­nah­me der „pazi­fi­schen Lösung“ an. Von Mit­te  August bis Ende des Jah­res wur­den 155 Men­schen nach Manus und 414 nach Nau­ru ver­frach­tet.

Men­schen­un­wür­di­ge Haft­be­din­gun­gen auf Nau­ru und Manus

Die Lage der dort weg­ge­sperr­ten Flücht­lin­ge ist  despe­rat. Nach Infor­ma­tio­nen von Refu­gee Action Coali­ti­on Syd­ney war­ten sie mona­te­lang in Unge­wiss­heit, bis über­haupt eine Erst­an­hö­rung statt­fin­det. Die Bedin­gun­gen in den Lagern  sind  men­schen­un­wür­dig und extrem belas­tend. Asyl­ver­fah­ren zie­hen sich über Jah­re hin. Erst Tage vor dem Bekannt­wer­den des Abkom­mens mit Papua-Neu­gui­nea hat­ten Flücht­lin­ge in Nau­ru gegen ihre Inhaf­tie­rung pro­tes­tiert und schließ­lich einen Aus­bruchs­ver­such unter­nom­men, bevor der Auf­stand von Sicher­heits­kräf­ten nie­der­ge­schla­gen wur­de. Immer wie­der kam es in Aus­tra­li­ens Inter­nie­rungs­la­gern zu Hun­ger­streiks und Selbst­ver­let­zun­gen.

Aus­tra­li­en bricht Völ­ker­recht

Mit der „pazi­fi­schen Lösung“ ver­ab­schie­det sich Aus­tra­li­en prak­tisch vom Flücht­lings­schutz. Nach Auf­fas­sung von UNHCR ver­letzt das bereits das bestehen­de Off­shore-Ver­fah­ren Aus­tra­li­ens in Papua-Neu­gi­nea Völ­ker­recht. Refu­gee Action Coali­ti­on Syd­ney mel­det ernst­haf­te Zwei­fel an Papua-Neu­gui­ne­as Fähig­keit an, Flücht­lings­schutz zu gewäh­ren. Das Land habe die Flücht­lings­kon­ven­ti­on nur mit Vor­be­hal­ten unter­zeich­net – die­se beträ­fen u.a. den Zugang zu Arbeit, zu Bil­dung und die Bewe­gungs­frei­heit. Die aus­tra­li­sche Grü­nen-Par­tei bezeich­ne­te das Abkom­men mit Papua-Neu­gui­nea als „skru­pel­los und absto­ßend“.

„Grau­sam und unmensch­lich“ – Amnes­ty-Bericht zur Inhaf­tie­rung von Flücht­lin­gen auf Nau­ru

Refu­gee Action Coali­ti­on Syd­ney auf Face­book 

 Aus­tra­li­sches Flücht­lings­la­ger für Kin­der „die Höl­le“ (26.03.14)