Hintergrund
Eine große Portion Zivilcourage
Heiko Kauffmann hat Pro Asyl mit gegründet und ist fast sein ganzes Leben lang aktiv, für Menschenrechte und Geflüchtete. Dafür wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. In einem kleinen Ort in Vorpommern ist so ein Einsatz wichtiger denn je.
Neulich stoppte im Ort ein Auto auf der Straße, eine Frau stieg aus und breitete die Arme aus: „Ich muss Sie einfach mal drücken!“ Seit Heiko Kauffmann für seinen jahrzehntelangen Einsatz für Menschenrechte und Flüchtlingshilfe mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, grüßen ihn in seinem Heimatort in Mecklenburg-Vorpommern viele Leute herzlich. „Das ist schön“, sagt der 77-Jährige. Fast sein ganzes Leben lang ist er aktiv, hat Pro Asyl mit gegründet, terres des hommes und Amnesty International stark geprägt. Eigentlich liegt ihm der Rummel um seine Person nicht so. Aber diese Auszeichnung sei eine Würdigung für sie alle, findet Heiko Kauffmann. Zur Verleihung trat er nicht alleine auf die Bühne, sondern brachte den Pastor seiner Heimatgemeinde mit, eine langjährige Kollegin aus dem Arbeitskreis Asyl und eine junge Iranerin. Gemeinsam zeigen sie Flagge in Tribsees, einem kleinen Städtchen mitten in Vorpommern: für Toleranz, Vielfalt, Respekt und Menschenwürde. „Das ist enorm wichtig! Um uns herum ist die extreme Rechte sehr stark.“ Dass in Tribsees ein anderer Wind herrscht, hat viel mit Heiko Kauffmann und dem Arbeitskreis Asyl zu tun. „Wir wollen ein positives Wir-Gefühl stärken.“
Eigentlich hat er gar keine Zeit für lange Gespräche. Er muss gleich los, zu einem Treffen. Sie haben eine Schriftstellerin nach Tribsees geholt, veranstalten Lesungen in Schulen und Altersheimen, außerdem ist ein Literaturkonzert in der Kirche geplant. Und sie müssen dringend ihren Infostand vorbereiten, regelmäßig stehen sie auf dem Marktplatz. „Um die Meinungshoheit zu behalten“, betont der Pädagoge. „Dafür braucht es hier schon eine große Portion Zivilcourage.“ Rechte treten in der Region aggressiv auf, bedrohen und beleidigen Menschen. Umso wichtiger ist es für Heiko Kauffmann, viele Menschen im Ort zusammenzubringen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Zum Beispiel durch den Aufruf: Tribsees steht auf gegen Hetze, unterzeichnet haben alle Arztpraxen im Ort, mehrere Gutshäuser, ein Café, der Kulturverein, der Schornsteinfeger, lokale Sozialverbände und viele mehr.
Die Stimmung in der Gesellschaft erinnert Heiko Kauffmann an die 1990er Jahre, als Neonazis voller Hass durch die Städte zogen und Flüchtlingsheime in Brand steckten, in Mölln, Solingen, Rostock-Lichtenhagen. Doch er sieht einen wichtigen Unterschied zu damals: „Die Zivilgesellschaft ist heute stärker.“ Auch dazu hat Heiko Kauffmann viel beigetragen. Weil er zusammen mit anderen überhaupt erst feste Strukturen aufgebaut hat.
Als Nachkriegskind war Heiko Kauffmann schon in der Schule politisch aktiv, war Klassen- und Schulsprecher. Als sich zum Beispiel beim Contergan-Skandal der Medikamentenhersteller weigerte, eine Entschädigung für die Kinder mit schweren Fehlbildungen zu zahlen, verzichteten die Schülerinnen und Schüler auf ihren Wandertag – und arbeiteten stattdessen in einer Fabrik, um Geld zu sammeln. Nach dem Abitur studierte Heiko Kauffmann zunächst Jura, wechselte aber bald zu Pädagogik, Soziologie, Politik und Ethnologie. An der Uni Marburg erlebte er die Proteste der 68er Generation. „Das war eine hochpolitische Zeit für uns alle.“ Sie gingen auf die Straße, für Frieden, Menschenrechte, Umweltschutz, Frauenrechte. Daraus folgten die ersten Bürgerinitiativen. „Ein großartiges Resultat dieser Zeit.“
Seit jeher interessierte sich Heiko Kauffmann für die Ursachen von Krieg, Verfolgung und Gewalt, sowohl individuell, sozialpsychologisch als auch gesellschaftlich, – und strebte danach, etwas daran zu verändern. „Die Friedensforschung hielte gute Lösungen bereit, wie sich Konflikte lösen lassen“, sagt er. „Doch Politik und Wirtschaft nutzen dieses Wissen nicht.“ Als Student schloss er sich Amnesty International an. „Das war eine wilde Zeit.“ Sie gründeten die Gruppe 136 – und setzten sich dafür ein, dass Amnesty nicht nur auf andere Länder in der Welt blickt, sondern sich auch der Verantwortung im eigenen Land stellt. Das gefiel nicht jedem. Trotzdem wurde Heiko Kauffmann als „Vertreter der jungen, aufmüpfigen Gruppe“ in den Vorstand gewählt. Als nach dem Militärputsch in Chile tausende Menschen vor der Verfolgung durch das Pinochet-Regime ins Ausland fliehen mussten, zögerte die Bundesregierung zunächst. Mit der jungen Gruppe bei Amnesty trommelte Heiko Kauffmann dafür, dass die Städte selbst aktiv wurden und sich bereit erklärten, Flüchtlinge aufzunehmen. „Unsere Aktion war ein voller Erfolg.“ Damals gab es noch keine Flüchtlingsräte, auch noch keine humanitären Programme zur Aufnahme besonders schutzbedürftiger Flüchtlinge. „Da haben wir als Zivilgesellschaft viel verändert“, betont der Menschenrechtsaktivist.
Außerdem engagierte sich Heiko Kauffmann für terres des hommes. Die Organisation holte Kinder aus dem Vietnamkrieg nach Deutschland, die durch Napalmbomben schlimme Verbrennungen erlitten hatten, damit sie hier in Krankenhäusern behandelt werden konnten. Zugleich habe sich die Situation für Flüchtlinge stetig verschlechtert, berichtet er. „Damals wurde genauso Stimmung gemacht wie heute.“ Die Politik setzte auf Ausgrenzung, die Springerzeitungen hetzten gegen Flüchtlinge. Heiko Kauffmann widmete sich bei terres des hommes voll und ganz den Themen Asyl und Migration, vor allem im Inland, half beim Aufbau von Basisgruppen vor Ort und stieß viele Projekte an. Sie waren in der Friedensbewegung aktiv, gingen jedes Jahr zum Gedenken an Hiroshima auf die Straße. In den 1980er Jahren riefen sie die erste bundesweite Kampagne gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus ins Leben. Ihr Slogan: „Flüchtlinge sind gefährdet, nicht gefährlich!“
Heiko Kauffmann erinnert an Kemal Altun: Weil er in die Türkei abgeschoben werden sollte, stürzte sich der junge kurdische Flüchtling aus Verzweiflung aus dem sechsten Stock eines Berliner Gerichts in den Tod. „Der Aufschrei in der Bevölkerung war groß. Die Solidarität auch.“ Spätestens jetzt war klar: „So geht es nicht weiter. Wir brauchen einen Flüchtlingsrat.“ Ein bundesweites Bündnis sollte die lokalen Initiativen bündeln. Zusammen mit ein paar Mistreitern gründete Heiko Kauffmann 1986: Pro Asyl. „Wir waren eine ganz kleine Gruppe.“ Viele Jahre lang war er Sprecher und im Vorstand aktiv. Sie organisierten große Proteste, als die Kohl-Regierung 1993 das Grundrecht auf Asyl durch eine Änderung des Grundgesetzes stark einschränkte. Die Zerstörung des Artikels 16 sei eine direkte Reaktion auf die rechtsextremen Brandanschläge auf Asylbewerberheime gewesen, sagt Heiko Kauffmann. Schon immer habe die Politik in der Geschichte den falschen Weg eingeschlagen. Sie bestrafe die Flüchtlinge. Nicht die Rechtsextremisten. „So ist es leider auch heute.“
Heiko Kauffmann pendelte viele Jahre zwischen Osnabrück, wo terres des hommes seinen Sitz hat, und Düsseldorf, wo seine Frau als Anwältin arbeitete. „Sie war in all den Jahren meine wichtigste Stütze“, sagt der 77-Jährige. „Wir haben viel gemeinsam unternommen.“ Heiko Kauffmann war viel auf Reisen, publizierte, hielt Vorträge und veranstaltete Tagungen. Wichtig war ihm der kontinuierliche Austausch mit Wissenschaft und Politik. So zum Beispiel mit dem Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien, IMIS, der Uni Osnabrück, dem Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung, DISS, und dem Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin. Aber stets galt für ihn: „Nicht nur Theorie, sondern immer auch Praxis.“ Wo er konnte, leistete er konkret Hilfe. Zum Beispiel, als eine schwangere, kurdische Mutter mit einem ihrer Kinder aus Hildesheim abgeschoben wurde. Die Polizei holte sie zu Hause ab, als der Vater gerade die beiden älteren Töchter zur Schule brachte. „Solche Trennungen zerstören Familien – und verstoßen gegen unsere Verfassung, Artikel 6 ist da eindeutig“, kritisiert der Aktivist. „Wo bleibt die Menschlichkeit?“ Heiko Kauffmann startete mit dem niedersächsische Flüchtlingsrat und Pro Asyl eine bundesweite Kampagne. „Wir konnten sie zurückholen.“
Privat reisten Heiko Kauffmann und seine Frau so oft sie konnten nach Mecklenburg-Vorpommern, kauften irgendwann in Tribsees ein altes Gärtnerhaus, erst als Ferienhaus. Als seine Frau schwer krank wurde, beschloss das Paar, den Beruf aufzugeben und ganz dorthin zu ziehen. „Ich dachte, ich trete erst einmal kürzer.“ Doch kaum angekommen, las er in der Zeitung, dass die kleine Stadt eine Flüchtlingsunterkunft bekommen sollte. Die ersten Stimmen dagegen wurden laut. „Da schrillten bei mir die Alarmglocken.“ Genau so ging es dem neuen Pastor im Ort. Sie schlossen sich mit anderen aus der Kirchengemeinde zusammen und gründeten den Arbeitskreis Asyl. Ihr Ziel ist, Begegnungen zu fördern. Sie wollen dafür sorgen, dass die Flüchtlinge mit den Menschen im Ort in Kontakt kommen. „Das geht gut über Kultur.“ Der Arbeitskreis Asyl betreibt im Ort ein interkulturelles Café, bietet eine Tauschbörse für Kinderkleidung an, Spielkreise für Kinder, eine Malwerkstatt und vieles mehr. Außerdem ermöglicht die Gemeinde immer wieder Kirchenasyl. „Damit konnten wir in zehn Jahren über 40 Menschen helfen“, sagt Heiko Kauffmann. Außerdem unternehmen sie regelmäßig Ausflüge zusammen, zum Beispiel in den Vogelpark oder in Zoos, und feiern Feste. „So können wir die Stimmung positiv beeinflussen und Menschen zusammen bringen.“ Genau darum geht es seiner Meinung nach: aktiv zu werden und dem Hass und der Hetze etwas Buntes, Fröhliches entgegenzusetzen. „So stärken wir den Zusammenhalt.“
„Viele Glücksmomente“
Drei Fragen an Heiko Kauffmann, Mitbegründer von ProAsyl aus Tribsees
1) Für deinen jahrzehntelangen Einsatz für Menschenrechte und Flüchtlingshilfe bist du mit dem Bundesverdienstorden ausgezeichnet worden. Was bedeutet so eine Auszeichnung in Deutschland in diesen Zeiten?
Das Wichtigste für mich ist, dass damit unsere Arbeit gewürdigt wird. Wir haben die Auszeichnung gemeinsam verdient. Bei der Verleihung war unter anderem eine junge Iranerin an meiner Seite. Sie ist im Zuge der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung mit ihrem Bruder nach Deutschland geflüchtet, beide haben viel Leid erlebt. Weil sie in Europa als erstes Kroatien betreten haben, sollten sie als Dublin-Fälle dorthin abgeschoben werden. Gemeinsam ist es uns gelungen, dass sie bleiben dürfen. Die beiden lernen fleißig Deutsch, die junge Frau will eine Ausbildung im medizinisch-technischen Bereich beginnen. Wären sie erst jetzt geflüchtet, kämen sie an der deutschen Grenze gar nicht mehr rein. Man stelle sich die Verzweiflung all jener Menschen vor, die zurückgewiesen zu werden, ohne dass ihr Fall auch nur geprüft wird. Da sind wir als Zivilgesellschaft gefordert.
2) Wenn du zurückblickst: Was war für dich persönlich dein größter Erfolg?
Ob bei ProAsyl, Terres des Hommes oder Amnesty: In jeder Phase gab es viele Glücksmomente. Vor allem, wenn wir geschafft haben, dass Menschen hierbleiben konnten. Mit vielen habe ich noch Kontakt. Neulich war zum Beispiel ein wunderschöner Moment: Eine Familie war mit ihrem Baby direkt nach der Besetzung der Krim aus der Ukraine geflohen. Der Mann war Kriegsdienstverweigerer, wollte auf keinen Menschen mit einer Waffe schießen. Die Familie sollte abgeschoben werden. Durch einen Antrag bei der Härtefallkommission konnten wir erreichen, dass sie bleiben darf. Jetzt hat die Familie ein eigenes Restaurant eröffnet. Ich war eingeladen, ein wunderbares Fest. Mich macht sehr glücklich zu sehen, wie sie ihren Weg gegangen sind. Durch die Arbeit wird man mehr beschenkt, als man selbst geben kann.
3) Was wünschst du dir für die Zukunft?
Frieden. Freundlichkeit. Und mehr Zivilcourage. Mir wird immer mehr bewusst: Ohne Achtung der anderen Menschen kann niemand glücklich werden. Unsere Aufgabe ist, dass wir respektvoll miteinander umgehen. Im Kleinen wie im Großen. Wir erleben gerade einen schrecklichen Rollback. Da müssen wir dringend umsteuern. Es geht darum, die Gesellschaft zu verändern. In unserem eigenen Interesse. Wissenschaftlich ist belegt, was den Mensch im Kern ausmacht: Zuwendung und Kooperation. Es gilt, die Menschlichkeit zu stärken. Wir brauchen eine offene, vielfältige, lebenswerte Gesellschaft, in der alle Menschen willkommen sind. Der Verdienstorden ist für mich zugleich Botschaft und Auftrag: Das Schönste daran sind die Menschen, denen wir helfen konnten und denen wir für immer verbunden bleiben.