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»Afghanistan ist für mich ein kaputter Traum. Deutschland ist meine zweite Heimat«

Hemat floh als 15-Jähriger aus Afghanistan nach Deutschland. Trotz abgelehntem Asylantrag schaffte er es, sich hier ein Leben aufzubauen. Wir haben seinen nachdenklichen Blick auf die vergangenen zehn Jahre protokolliert.
In meiner Erinnerung ist Afghanistan ein Gefühl, das unbeschreiblich ist. Ich habe dort die ersten 15 Jahre meines Lebens verbracht. Morgens von den Eltern geweckt zu werden, in die Schule zu gehen, die Gerüche, das Wasser, das Essen … [hält inne]. In der Heimat zu sein, bedeutet für mich innerliche Ruhe. Man denkt nicht darüber nach, wo man ist.
Natürlich mit der jetzigen Situation in Afghanistan, wo man menschenverachtendes Verhalten sieht und Menschenrechte gebrochen werden. … [bricht ab]. Darüber möchte ich jetzt nicht sprechen. Für mich ist Afghanistan ein kaputter Traum, den ich nicht richtig beschreiben kann.
Ich wusste gar nicht, was Europa überhaupt ist
Ich komme aus einem guten Familienhaus – wir hatten ein Haus, ein normal geregeltes Leben, keine finanziellen Sorgen. Dann gerieten wir in das Visier der Taliban. Mein Vater war unter der letzten Regierung hochrangiger Abgeordneter. Die Islamisten verübten Attentate auf uns. Bei einem Anschlag auf unser Haus starb mein Onkel und ich wurde verletzt. Bis heute erinnert mich eine Narbe daran. Meine Familie entschied, dass es zu gefährlich für mich dort ist. Sie wollten, dass ich in einem freien Land lebe. In unserem Land gab es in den letzten 40 Jahren keine Ruhe. Ich wusste gar nicht, was Europa überhaupt ist, ich hatte nur in der Schule mal davon gehört.
Ihr Schwäbisch war eine Herausforderung
Ich floh mit meinem jüngeren Bruder und einem Cousin. An der iranisch-türkischen Grenze schnappten sie meinen Bruder, er musste zurück. Wir waren größer und konnten wegrennen. Im Oktober 2015 erreichten wir die deutsche Grenze. Ich wurde nach Baden-Württemberg verteilt, in eine Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Geflüchtete in Freudenstadt. Ich war erst 15 Jahre alt. Die Stimmung war damals sehr gut. Es gab viele Menschen, die mir halfen, Fuß zu fassen.
»Ich nannte sie meine zweite Mama.«
Die deutsche Sprache zu lernen, war eine große Herausforderung, besonders die Grammatik. Meine sehr guten Englischkenntnisse halfen mir, einige Worte schnell im Deutschen zu sagen. Ich versuchte mit allen Mitteln die Sprache zu lernen – im Gespräch mit Jüngeren, mit Älteren, in einem Verein. Natürlich auch in der Schule, aber um die Sprache richtig zu lernen, muss man unter die Menschen gehen. Als offener Mensch fällt mir das zum Glück leicht. Neben unserer Wohngruppe gab es ein Altenheim. Dort besuchte ich ehrenamtlich Senioren, sprach mit ihnen, ging spazieren, erledigte Einkäufe. Ihr Schwäbisch war eine Herausforderung für mich [lacht].
Ich habe alles gegeben, oft auch spät abends noch gelernt. Es gibt ein schwäbisches Sprichwort: »Nichts kriegt man geschenkt«. Bald wurde ich im Sprachkurs höhergestuft und schaffte nach sechs Monaten meine B1-Sprachprüfung.
Sie haben mich wahrgenommen, gesehen und respektiert
Frau Reiner, Direktorin einer Schule für soziale Berufe und Gartenlandschaft, ist mir besonders ans Herz gewachsen. Wir waren die ersten Jugendlichen ihrer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die dort 2015 aufgemacht wurde. Frau Reiner machte viele Ausflüge mit uns und ermöglichte, dass wir uns frei bewegen, die Sprache und die deutsche Kultur lernen können. Sie behandelte uns wie ihre eigenen Kinder – ich nannte sie meine zweite Mama.
Dann kam eines Tages Dominik zu unserer Wohngruppe, ein Vater aus einer Familie in der Nachbarschaft. Er bot an, einen Jugendlichen zum Klettern mitzunehmen. Ich war der erste, der sagte »ich will das mal ausprobieren«. So kam ich in eine Kletterhalle des Deutschen Alpenvereins (DAV). Das war die tollste Entscheidung. Ich wurde Mitglied, trainierte später selbst als zertifizierter DAV-Jugendleiter und kletterte bis zu meinem letzten Tag in Freudenstadt. Ich habe es mit Leib und Seele geliebt.
Dominiks Familie und ich – wir wurden gute Freunde. Wir haben so typische Familienausflüge gemacht, ins Schwimmbad, in die Natur. In meiner Wahrnehmung haben sie mich wie ein eigenes Kind aufgenommen. Sie haben mich wahrgenommen, gesehen und respektiert. All die Werte, die ich mitgebracht habe, auch dass ich Muslim bin. Zu Weihnachten luden sie mich ein und verzichteten auf Schweinefleisch.
»In meiner Wohnung stand immer ein kleiner Rucksack, gepackt mit Sachen – um bereit zu sein.«
Ein riesiger Schock. Ein sicherer Hafen.
Mit 18 Jahren wurde ich vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zum Interview eingeladen. Ich erzählte meine Geschichte, warum ich verfolgt wurde, zeigte viele Beweise und meine Narbe. Als 2017 mein Antrag abgelehnt wurde, war das ein riesiger Schock für mich. Auch viele Afghanen um mich herum erhielten Ablehnungen. Das war eine harte Zeit. Aber Dominiks Familie und die Menschen um mich herum motivierten mich. »Mach dir keine Sorgen« sagten sie, »wir stehen hinter dir«. Ich hatte zu dem Zeitpunkt bereits meinen Hauptschul- und dann den Realschulabschluss geschafft, wollte aufs Gymnasium. Jetzt war der Plan zu gefährlich, ich musste stattdessen eine Ausbildung machen.
Ich schrieb 15 Bewerbungen, in Freudenstadt und Umgebung. Ich weiß nicht, ob es an meinem Namen lag, aber ich erhielt nur Absagen. Das hat mich sehr unruhig gemacht. Das Gute war, ich habe mich nur einmal in Frankfurt beworben und wurde direkt zum Bewerbungsgespräch eingeladen. Der Chef sagte damals: »Ich nehme Sie, ohne mir Gedanken zu machen«. Ich bekam die Stelle, eine Ausbildung zur pädagogischen Fachkraft [lächelt]. Ich zog in die Nähe von Frankfurt. Die Ausbildung machte mir Spaß. Das hat mir geholfen, einen sicheren Hafen zu finden.
Trotzdem hatte ich in diesen Jahren ständig Angst, dass jemand von der Ausländerbehörde oder Polizei kommt und mich abschiebt. Ich hatte ja nur eine Ausbildungsduldung. In meiner Wohnung stand immer ein kleiner Rucksack, gepackt mit Sachen – um bereit zu sein.
Erst als ich 2020 mit der Ausbildung fertig war und einen richtigen Aufenthaltstitel bekam, war ich gelassen. Ich fühlte: Mir kann nichts passieren, fühlte mich sorgenfrei. Dank eines Gesetzes damals – wenn man unter 21 Jahre ist, länger als drei Jahre in Deutschland lebt und besonders integriert ist – erhielt ich eine Arbeitserlaubnis [Anmerkung: Nach §25 a des Aufenthaltsgesetzes damaliger Fassung].
Richtig atmen und in Frieden leben
Eines Tages stellte ich einen Antrag auf Niederlassungserlaubnis. Ich hatte eine wirklich sehr nette Sachbearbeiterin und erhielt direkt eine Zusage, 2021 war das. Ich war wie geflasht. »Ist das wahr?« Ich habe mich gezwickt, um zu sehen, ob das wirklich stimmt. Weil die Niederlassungserlaubnis war nochmal eine Stufe mehr. Jetzt war ich wirklich angekommen in Deutschland. Da bin ich zur Ruhe gekommen, zur innerlichen Ruhe. Da konnte ich richtig atmen und in Frieden leben.
Meinen Rucksack habe ich dann ausgepackt. Wenn ich mit jetzigem Wissen darauf schaue, finde ich das lustig [lacht]. Dass ich meine Tasche gepackt und gesagt habe, »ich muss vorbereitet sein«. Aber damals war das nicht lustig. In Afghanistan wäre es gefährlich für mich geworden.
Ich freue mich auf die Zukunft.
Mittlerweile bin ich deutscher Staatsbürger – einer von euch [lacht]! Mein Einbürgerungsantrag hat zwei Jahre gedauert. Die Zeit im Asylverfahren wurde für den Antrag leider nicht angerechnet, aber ich konnte die geforderte Aufenthaltszeit wegen besonderer Integrationsleistungen um ein Jahr verkürzen.
Heute arbeite ich als pädagogische Fachkraft beim Internationalen Familienzentrum (IFZ) in Frankfurt, dort, wo ich meine Ausbildung gemacht habe. Ich studiere zudem im Fernstudium Wissenschaftsinformatik. Ich möchte Programmieren lernen und KI-Entwicklung. Mein Plan ist, beim IFZ vom pädagogischen Beruf in die IT zu switchen und so beide Berufe miteinander zu kombinieren. Denn es gibt Lücken in den sozialen Berufen, die durch IT- und KI-Entwicklung gefüllt werden können. Ich freue mich auf die Zukunft.
Ehrenamtlich unterstütze ich Menschen aus verschiedenen Ländern, hier in Deutschland Fuß zu fassen. Beim IFZ gibt es eine Asylrechts-AG, wo man seine eigenen Erfahrungen weitergeben kann. Zum Beispiel helfe ich den Menschen dabei, notwendige Papiere zu organisieren und berate über Wege zu einem festen Aufenthaltstitel. Ich möchte den Menschen den stressigen Weg zu einem Aufenthaltstitel, wie ich ihn hatte, ersparen. Das bereitet mir sehr viel Freude.
»Ab und zu fahre ich mit dem Auto an die Ostsee und halte meine Füße ins Wasser. Sowas liebe ich in Deutschland.«
Meine zweite Heimat
Ich nenne Deutschland meine zweite Heimat. Ich bin hier gut aufgewachsen. In fünf Jahren bin ich hier genauso lang, wie ich in meinem Heimatland war. Ich hatte sehr schöne Begegnungen. Natürlich gibt es auch Schwierigkeiten, um als Ausländer in Deutschland Fuß zu fassen. [Überlegt] Ich erzähle erstmal von den schlechten Sachen, damit wir mit den guten enden können.
Nerven tut mich hier, dass wir mit den Regeln und Gesetzen sehr ernst sind. Ich mag zwar Gesetze und dass alles geregelt ist. Aber es gibt hier viele Menschen, die es lieben, sich in Gesetze und in Regeln zu verbeißen. Auch die Bürokratie ist sehr schwierig hier. Man braucht für jede Sache einen Termin. Das ist manchmal nervig – auch für Deutsche, die sagen auch »Oh Gott bitte, das könnte man auch lassen.« Wenn man die Bürokratie ein bisschen abbauen könnte, das wäre super – nicht nur für mich, sondern für viele Menschen in Deutschland.
Was ich in Deutschland liebe: die Pünktlichkeit! Ich meine nicht die Deutsche Bahn [lacht]. Ich finde das eine sehr schöne Sache, dass man Wert auf Pünktlichkeit legt. Auch dass man hier zukunftsorientiert lebt. Der Fußball. Das Leben. Ich habe ein sehr gutes Leben hier aufgebaut. Eine Wohnung, einen Garten, eine Katze. Für mich ist Deutschland auch: Nach dem Feierabend komme ich nach Hause, sehe meine Katze und kann mit meinen Nachbarn ein bisschen plaudern. Das ist für mich auch Heimat.
Ein besonderer Moment war, als ich von meiner Familie in Freudenstadt zu einem Volksfest eingeladen wurde. Als ich dort ankam, sahen mich die Leute vom Kletterverein und winkten alle [winkt wild] und riefen »Hey Hemat!«. Da habe ich ein sehr gutes Gefühl gehabt. Ich habe gemerkt, dass ich wahrgenommen werde, ich fühlte mich angekommen. Meine Freunde und Familie in Freudenstadt besuche ich heute noch alle paar Wochen. Ein weitere Lieblingsort ist für mich Lübeck. An einem Strand dort, da bin ich sehr, sehr gerne! Ab und zu fahre ich mit dem Auto dahin und setze mich an die Ostsee und halte meine Füße ins Wasser. Sowas liebe ich in Deutschland.
Die letzten zehn Jahre
Mein Blick auf die letzten zehn Jahre? Sehr viel harte Arbeit. Sehr viele Nächte, in denen ich gelernt habe. Wie das hier so in Deutschland ist: Man muss als Ausländer nicht hundert Prozent geben, sondern zweihundert Prozent, damit man als gleichwertig angesehen wird. Manchmal war ich fix und fertig. Ich erlebte Türen, die zugemacht und Wege, die versperrt wurden. Ich habe fünf Jahre meines Lebens auf diesen einen Aufenthaltstitel gewartet.
Aber es waren auch schöne Zeiten und ich mag Herausforderungen, von denen man lernen kann. Ich habe sehr nette Menschen kennengelernt. Ich bin stolz auf mich, dass ich so viel geschafft habe: Deutsch gelernt, meine Ausbildung abgeschlossen, meinen Führerschein gemacht, meine Einbürgerung erhalten. Das macht mich sehr glücklich darüber nachzudenken. Und es motiviert mich, noch mehr im Leben zu erreichen.
Hemats Bruder ist vor einiger Zeit ebenfalls nach Deutschland geflohen. Obwohl er für die vorherige afghanischen Regierung als Soldat gegen die Taliban gekämpft hat, wurde sein Asylantrag abgelehnt. PRO ASYL unterstützt ihn über den PRO ASYL-Rechtshilfefonds bei seiner Klage.
(fw)