29.08.2025
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Hemat floh als 15-Jähriger aus Afghanistan nach Deutschland. Trotz abgelehntem Asylantrag schaffte er es, sich hier ein Leben aufzubauen. Wir haben seinen nachdenklichen Blick auf die vergangenen zehn Jahre protokolliert.

In mei­ner Erin­ne­rung ist Afgha­ni­stan ein Gefühl, das unbe­schreib­lich ist. Ich habe dort die ers­ten 15 Jah­re mei­nes Lebens ver­bracht. Mor­gens von den Eltern geweckt zu wer­den, in die Schu­le zu gehen, die Gerü­che, das Was­ser, das Essen … [hält inne]. In der Hei­mat zu sein, bedeu­tet für mich inner­li­che Ruhe. Man denkt nicht dar­über nach, wo man ist.

Natür­lich mit der jet­zi­gen Situa­ti­on in Afgha­ni­stan, wo man men­schen­ver­ach­ten­des Ver­hal­ten sieht und Men­schen­rech­te gebro­chen wer­den. … [bricht ab]. Dar­über möch­te ich jetzt nicht spre­chen. Für mich ist Afgha­ni­stan ein kaput­ter Traum, den ich nicht rich­tig beschrei­ben kann.

Ich wusste gar nicht, was Europa überhaupt ist

Ich kom­me aus einem guten Fami­li­en­haus – wir hat­ten ein Haus, ein nor­mal gere­gel­tes Leben, kei­ne finan­zi­el­len Sor­gen. Dann gerie­ten wir in das Visier der Tali­ban. Mein Vater war unter der letz­ten Regie­rung hoch­ran­gi­ger Abge­ord­ne­ter. Die Isla­mis­ten ver­üb­ten Atten­ta­te auf uns. Bei einem Anschlag auf unser Haus starb mein Onkel und ich wur­de ver­letzt. Bis heu­te erin­nert mich eine Nar­be dar­an. Mei­ne Fami­lie ent­schied, dass es zu gefähr­lich für mich dort ist. Sie woll­ten, dass ich in einem frei­en Land lebe. In unse­rem Land gab es in den letz­ten 40 Jah­ren kei­ne Ruhe. Ich wuss­te gar nicht, was Euro­pa über­haupt ist, ich hat­te nur in der Schu­le mal davon gehört.

Ihr Schwäbisch war eine Herausforderung 

Ich floh mit mei­nem jün­ge­ren Bru­der und einem Cou­sin. An der ira­nisch-tür­ki­schen Gren­ze schnapp­ten sie mei­nen Bru­der, er muss­te zurück. Wir waren grö­ßer und konn­ten weg­ren­nen. Im Okto­ber 2015 erreich­ten wir die deut­sche Gren­ze. Ich wur­de nach Baden-Würt­tem­berg ver­teilt, in eine Wohn­grup­pe für unbe­glei­te­te min­der­jäh­ri­ge Geflüch­te­te in Freu­den­stadt. Ich war erst 15 Jah­re alt. Die Stim­mung war damals sehr gut. Es gab vie­le Men­schen, die mir hal­fen, Fuß zu fassen.

»Ich nann­te sie mei­ne zwei­te Mama.«

Die deut­sche Spra­che zu ler­nen, war eine gro­ße Her­aus­for­de­rung, beson­ders die Gram­ma­tik. Mei­ne sehr guten Eng­lisch­kennt­nis­se hal­fen mir, eini­ge Wor­te schnell im Deut­schen zu sagen. Ich ver­such­te mit allen Mit­teln die Spra­che zu ler­nen – im Gespräch mit Jün­ge­ren, mit Älte­ren, in einem Ver­ein. Natür­lich auch in der Schu­le, aber um die Spra­che rich­tig zu ler­nen, muss man unter die Men­schen gehen. Als offe­ner Mensch fällt mir das zum Glück leicht. Neben unse­rer Wohn­grup­pe gab es ein Alten­heim. Dort besuch­te ich ehren­amt­lich Senio­ren, sprach mit ihnen, ging spa­zie­ren, erle­dig­te Ein­käu­fe. Ihr Schwä­bisch war eine Her­aus­for­de­rung für mich [lacht].

Ich habe alles gege­ben, oft auch spät abends noch gelernt. Es gibt ein schwä­bi­sches Sprich­wort: »Nichts kriegt man geschenkt«. Bald wur­de ich im Sprach­kurs höher­ge­stuft und schaff­te nach sechs Mona­ten mei­ne B1-Sprachprüfung.

Sie haben mich wahrgenommen, gesehen und respektiert

Frau Rei­ner, Direk­to­rin einer Schu­le für sozia­le Beru­fe und Gar­ten­land­schaft, ist mir beson­ders ans Herz gewach­sen. Wir waren die ers­ten Jugend­li­chen ihrer Wohn­grup­pe für unbe­glei­te­te min­der­jäh­ri­ge Flücht­lin­ge, die dort 2015 auf­ge­macht wur­de. Frau Rei­ner mach­te vie­le Aus­flü­ge mit uns und ermög­lich­te, dass wir uns frei bewe­gen, die Spra­che und die deut­sche Kul­tur ler­nen kön­nen. Sie behan­del­te uns wie ihre eige­nen Kin­der – ich nann­te sie mei­ne zwei­te Mama.

Dann kam eines Tages Domi­nik zu unse­rer Wohn­grup­pe, ein Vater aus einer Fami­lie in der Nach­bar­schaft. Er bot an, einen Jugend­li­chen zum Klet­tern mit­zu­neh­men. Ich war der ers­te, der sag­te »ich will das mal aus­pro­bie­ren«. So kam ich in eine Klet­ter­hal­le des Deut­schen Alpen­ver­eins (DAV). Das war die tolls­te Ent­schei­dung. Ich wur­de Mit­glied, trai­nier­te spä­ter selbst als zer­ti­fi­zier­ter DAV-Jugend­lei­ter und klet­ter­te bis zu mei­nem letz­ten Tag in Freu­den­stadt. Ich habe es mit Leib und See­le geliebt.

Domi­niks Fami­lie und ich – wir wur­den gute Freun­de. Wir haben so typi­sche Fami­li­en­aus­flü­ge gemacht, ins Schwimm­bad, in die Natur. In mei­ner Wahr­neh­mung haben sie mich wie ein eige­nes Kind auf­ge­nom­men. Sie haben mich wahr­ge­nom­men, gese­hen und respek­tiert. All die Wer­te, die ich mit­ge­bracht habe, auch dass ich Mus­lim bin. Zu Weih­nach­ten luden sie mich ein und ver­zich­te­ten auf Schweinefleisch.

»In mei­ner Woh­nung stand immer ein klei­ner Ruck­sack, gepackt mit Sachen – um bereit zu sein.«

Ein riesiger Schock. Ein sicherer Hafen. 

Mit 18 Jah­ren wur­de ich vom Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge zum Inter­view ein­ge­la­den. Ich erzähl­te mei­ne Geschich­te, war­um ich ver­folgt wur­de, zeig­te vie­le Bewei­se und mei­ne Nar­be. Als 2017 mein Antrag abge­lehnt wur­de, war das ein rie­si­ger Schock für mich. Auch vie­le Afgha­nen um mich her­um erhiel­ten Ableh­nun­gen. Das war eine har­te Zeit. Aber Domi­niks Fami­lie und die Men­schen um mich her­um moti­vier­ten mich. »Mach dir kei­ne Sor­gen« sag­ten sie, »wir ste­hen hin­ter dir«. Ich hat­te zu dem Zeit­punkt bereits mei­nen Haupt­schul- und dann den Real­schul­ab­schluss geschafft, woll­te aufs Gym­na­si­um. Jetzt war der Plan zu gefähr­lich, ich muss­te statt­des­sen eine Aus­bil­dung machen.

Ich schrieb 15 Bewer­bun­gen, in Freu­den­stadt und Umge­bung. Ich weiß nicht, ob es an mei­nem Namen lag, aber ich erhielt nur Absa­gen. Das hat mich sehr unru­hig gemacht. Das Gute war, ich habe mich nur ein­mal in Frank­furt bewor­ben und wur­de direkt zum Bewer­bungs­ge­spräch ein­ge­la­den. Der Chef sag­te damals: »Ich neh­me Sie, ohne mir Gedan­ken zu machen«. Ich bekam die Stel­le, eine Aus­bil­dung zur päd­ago­gi­schen Fach­kraft [lächelt]. Ich zog in die Nähe von Frank­furt. Die Aus­bil­dung mach­te mir Spaß. Das hat mir gehol­fen, einen siche­ren Hafen zu finden.

Trotz­dem hat­te ich in die­sen Jah­ren stän­dig Angst, dass jemand von der Aus­län­der­be­hör­de oder Poli­zei kommt und mich abschiebt. Ich hat­te ja nur eine Aus­bil­dungs­dul­dung. In mei­ner Woh­nung stand immer ein klei­ner Ruck­sack, gepackt mit Sachen – um bereit zu sein.

Erst als ich 2020 mit der Aus­bil­dung fer­tig war und einen rich­ti­gen Auf­ent­halts­ti­tel bekam, war ich gelas­sen. Ich fühl­te: Mir kann nichts pas­sie­ren, fühl­te mich sor­gen­frei. Dank eines Geset­zes damals – wenn man unter 21 Jah­re ist, län­ger als drei Jah­re in Deutsch­land lebt und beson­ders inte­griert ist – erhielt ich eine Arbeits­er­laub­nis [Anmer­kung: Nach §25 a des Auf­ent­halts­ge­set­zes dama­li­ger Fassung].

Richtig atmen und in Frieden leben

Eines Tages stell­te ich einen Antrag auf Nie­der­las­sungs­er­laub­nis. Ich hat­te eine wirk­lich sehr net­te Sach­be­ar­bei­te­rin und erhielt direkt eine Zusa­ge, 2021 war das. Ich war wie geflasht. »Ist das wahr?« Ich habe mich gezwickt, um zu sehen, ob das wirk­lich stimmt. Weil die Nie­der­las­sungs­er­laub­nis war noch­mal eine Stu­fe mehr. Jetzt war ich wirk­lich ange­kom­men in Deutsch­land. Da bin ich zur Ruhe gekom­men, zur inner­li­chen Ruhe. Da konn­te ich rich­tig atmen und in Frie­den leben.

Mei­nen Ruck­sack habe ich dann aus­ge­packt. Wenn ich mit jet­zi­gem Wis­sen dar­auf schaue, fin­de ich das lus­tig [lacht]. Dass ich mei­ne Tasche gepackt und gesagt habe, »ich muss vor­be­rei­tet sein«. Aber damals war das nicht lus­tig. In Afgha­ni­stan wäre es gefähr­lich für mich geworden.

Ich freue mich auf die Zukunft. 

Mitt­ler­wei­le bin ich deut­scher Staats­bür­ger – einer von euch [lacht]! Mein Ein­bür­ge­rungs­an­trag hat zwei Jah­re gedau­ert. Die Zeit im Asyl­ver­fah­ren wur­de für den Antrag lei­der nicht ange­rech­net, aber ich konn­te die gefor­der­te Auf­ent­halts­zeit wegen beson­de­rer Inte­gra­ti­ons­leis­tun­gen um ein Jahr verkürzen.

Heu­te arbei­te ich als päd­ago­gi­sche Fach­kraft beim Inter­na­tio­na­len Fami­li­en­zen­trum (IFZ) in Frank­furt, dort, wo ich mei­ne Aus­bil­dung gemacht habe. Ich stu­die­re zudem im Fern­stu­di­um Wis­sen­schafts­in­for­ma­tik. Ich möch­te Pro­gram­mie­ren ler­nen und KI-Ent­wick­lung. Mein Plan ist, beim IFZ vom päd­ago­gi­schen Beruf in die IT zu swit­chen und so bei­de Beru­fe mit­ein­an­der zu kom­bi­nie­ren. Denn es gibt Lücken in den sozia­len Beru­fen, die durch IT- und KI-Ent­wick­lung gefüllt wer­den kön­nen. Ich freue mich auf die Zukunft.

Ehren­amt­lich unter­stüt­ze ich Men­schen aus ver­schie­de­nen Län­dern, hier in Deutsch­land Fuß zu fas­sen. Beim IFZ gibt es eine Asyl­rechts-AG, wo man sei­ne eige­nen Erfah­run­gen wei­ter­ge­ben kann. Zum Bei­spiel hel­fe ich den Men­schen dabei, not­wen­di­ge Papie­re zu orga­ni­sie­ren und bera­te über Wege zu einem fes­ten Auf­ent­halts­ti­tel. Ich möch­te den Men­schen den stres­si­gen Weg zu einem Auf­ent­halts­ti­tel, wie ich ihn hat­te, erspa­ren. Das berei­tet mir sehr viel Freude.

»Ab und zu fah­re ich mit dem Auto an die Ost­see und hal­te mei­ne Füße ins Was­ser. Sowas lie­be ich in Deutschland.«

Meine zweite Heimat

Ich nen­ne Deutsch­land mei­ne zwei­te Hei­mat. Ich bin hier gut auf­ge­wach­sen. In fünf Jah­ren bin ich hier genau­so lang, wie ich in mei­nem Hei­mat­land war. Ich hat­te sehr schö­ne Begeg­nun­gen. Natür­lich gibt es auch Schwie­rig­kei­ten, um als Aus­län­der in Deutsch­land Fuß zu fas­sen. [Über­legt] Ich erzäh­le erst­mal von den schlech­ten Sachen, damit wir mit den guten enden können.

Ner­ven tut mich hier, dass wir mit den Regeln und Geset­zen sehr ernst sind. Ich mag zwar Geset­ze und dass alles gere­gelt ist. Aber es gibt hier vie­le Men­schen, die es lie­ben, sich in Geset­ze und in Regeln zu ver­bei­ßen. Auch die Büro­kra­tie ist sehr schwie­rig hier. Man braucht für jede Sache einen Ter­min. Das ist manch­mal ner­vig – auch für Deut­sche, die sagen auch »Oh Gott bit­te, das könn­te man auch las­sen.« Wenn man die Büro­kra­tie ein biss­chen abbau­en könn­te, das wäre super – nicht nur für mich, son­dern für vie­le Men­schen in Deutschland.

Was ich in Deutsch­land lie­be: die Pünkt­lich­keit! Ich mei­ne nicht die Deut­sche Bahn [lacht]. Ich fin­de das eine sehr schö­ne Sache, dass man Wert auf Pünkt­lich­keit legt. Auch dass man hier zukunfts­ori­en­tiert lebt. Der Fuß­ball. Das Leben. Ich habe ein sehr gutes Leben hier auf­ge­baut. Eine Woh­nung, einen Gar­ten, eine Kat­ze. Für mich ist Deutsch­land auch: Nach dem Fei­er­abend kom­me ich nach Hau­se, sehe mei­ne Kat­ze und kann mit mei­nen Nach­barn ein biss­chen plau­dern. Das ist für mich auch Heimat.

Ein beson­de­rer Moment war, als ich von mei­ner Fami­lie in Freu­den­stadt zu einem Volks­fest ein­ge­la­den wur­de. Als ich dort ankam, sahen mich die Leu­te vom Klet­ter­ver­ein und wink­ten alle [winkt wild] und rie­fen »Hey Hemat!«. Da habe ich ein sehr gutes Gefühl gehabt. Ich habe gemerkt, dass ich wahr­ge­nom­men wer­de, ich fühl­te mich ange­kom­men. Mei­ne Freun­de und Fami­lie in Freu­den­stadt besu­che ich heu­te noch alle paar Wochen. Ein wei­te­re Lieb­lings­ort ist für mich Lübeck. An einem Strand dort, da bin ich sehr, sehr ger­ne! Ab und zu fah­re ich mit dem Auto dahin und set­ze mich an die Ost­see und hal­te mei­ne Füße ins Was­ser. Sowas lie­be ich in Deutschland.

Die letzten zehn Jahre

Mein Blick auf die letz­ten zehn Jah­re? Sehr viel har­te Arbeit. Sehr vie­le Näch­te, in denen ich gelernt habe. Wie das hier so in Deutsch­land ist: Man muss als Aus­län­der nicht hun­dert Pro­zent geben, son­dern zwei­hun­dert Pro­zent, damit man als gleich­wer­tig ange­se­hen wird. Manch­mal war ich fix und fer­tig. Ich erleb­te Türen, die zuge­macht und Wege, die ver­sperrt wur­den. Ich habe fünf Jah­re mei­nes Lebens auf die­sen einen Auf­ent­halts­ti­tel gewartet.

Aber es waren auch schö­ne Zei­ten und ich mag Her­aus­for­de­run­gen, von denen man ler­nen kann. Ich habe sehr net­te Men­schen ken­nen­ge­lernt. Ich bin stolz auf mich, dass ich so viel geschafft habe: Deutsch gelernt, mei­ne Aus­bil­dung abge­schlos­sen, mei­nen Füh­rer­schein gemacht, mei­ne Ein­bür­ge­rung erhal­ten. Das macht mich sehr glück­lich dar­über nach­zu­den­ken. Und es moti­viert mich, noch mehr im Leben zu erreichen.

Hemats Bru­der ist vor eini­ger Zeit eben­falls nach Deutsch­land geflo­hen. Obwohl er für die vor­he­ri­ge afgha­ni­schen Regie­rung als Sol­dat gegen die Tali­ban gekämpft hat, wur­de sein Asyl­an­trag abge­lehnt. PRO ASYL unter­stützt ihn über den PRO ASYL-Rechts­hil­fe­fonds bei sei­ner Klage.

(fw)