02.02.2017

Huma­ni­tä­rer Appell von PRO ASYL und Pari­tä­ti­schem Wohl­fahrts­ver­band an Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel

Im Vor­feld des Tref­fens der EU-Staats- und Regie­rungs­chefs auf Mal­ta kri­ti­sie­ren PRO ASYL und der Pari­tä­ti­sche Wohl­fahrts­ver­band in einem offe­nen Brief an Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel die der­zei­ti­ge »Flücht­lings­ab­wehr­po­li­tik« der Euro­päi­schen Uni­on scharf. Die Vor­schlä­ge der EU-Kom­mis­si­on zur Abrie­ge­lung der soge­nann­ten Mit­tel­meer­rou­te sei­en ein erneu­ter »Tief­punkt euro­päi­scher Flücht­lings­po­li­tik« und ziel­ten vor­ran­gig auf die Aus­la­ge­rung des Flücht­lings­schut­zes nach Liby­en und ande­re nord­afri­ka­ni­sche Staa­ten, obwohl den Schutz­su­chen­den dort nach­weis­lich Gefahr für Leib und Leben droht. Die Orga­ni­sa­tio­nen appel­lie­ren an Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel, die Umset­zung des Kom­mis­si­ons-Vor­schlags zu ver­hin­dern. Statt einer wei­te­ren Abschot­tung Euro­pas, sei­en lega­le und gefah­ren­freie Zugangs­we­ge zu gewähr­leis­ten, so eine der zen­tra­len gemein­sa­men For­de­run­gen.

Die Vor­schlä­ge der EU-Kom­mis­si­on sehen unter ande­rem vor, die liby­schen Grenz­be­hör­den, Küs­ten­wa­che und Mari­ne aus­zu­bil­den und zu finan­zie­ren, damit die­se sowohl die liby­sche Süd­gren­ze als auch die See­gren­ze nach Euro­pa abrie­geln. 200 Mil­lio­nen Euro sol­len allein 2017 und vor allem an Liby­en flie­ßen. Gera­de in Liby­en dro­hen den Schutz­su­chen­den jedoch die men­schen­un­wür­digs­ten Zustän­de in Lagern, war­nen die Orga­ni­sa­tio­nen, wie jüngst auch ein Bericht des Aus­wär­ti­gen Amtes bestä­tig­te. Exe­ku­tio­nen, Fol­ter und Ver­ge­wal­ti­gun­gen sei­en dort an der Tages­ord­nung.

»Die vor­lie­gen­den Vor­schlä­ge zie­len nicht in ers­ter Linie auf die Ret­tung von Men­schen­le­ben, son­dern stel­len den Ver­such Euro­pas dar, sich sei­ner huma­ni­tä­ren Ver­ant­wor­tung zu ent­zie­hen«, so Prof. Dr. Rolf Rosen­brock, Vor­sit­zen­der des Pari­tä­ti­schen Gesamt­ver­ban­des. »Wer es ernst meint mit dem Schutz von Men­schen­le­ben und dem Kampf gegen das men­schen­ver­ach­ten­de Vor­ge­hen von Schleu­sern und Men­schen­händ­lern, der muss huma­ni­tä­re Auf­nah­me­pro­gram­me und lega­le Zugangs­we­ge schaf­fen. Ziel einer ver­nünf­ti­gen Flücht­lings­po­li­tik muss es dane­ben sein, huma­ni­tär akzep­ta­ble Bedin­gun­gen für Men­schen in ihren Her­kunfts­re­gio­nen zu schaf­fen.«

»Die Bun­des­kanz­le­rin darf den Plä­nen der EU nicht zustim­men und die Men­schen­rech­te nicht ver­dea­len«, betont PRO ASYL-Geschäfts­füh­rer Gün­ter Burk­hardt. Dem Abschluss von Flücht­lings- bzw. Migra­ti­ons­ab­kom­men mit Regimes, wie bei­spiels­wei­se Liby­en, ertei­len die Orga­ni­sa­tio­nen daher auch grund­sätz­lich eine kla­re Absa­ge. »Die Koope­ra­ti­ons­plä­ne der EU mit nord­afri­ka­ni­schen Staa­ten sind eine Schan­de«, so Burk­hardt. »Aus dem Mit­tel­meer Geret­te­te lan­den in liby­schen Haft­la­gern. Mit euro­päi­schem Geld soll Liby­en den Flucht­weg aus der eri­trei­schen Dik­ta­tur ver­sper­ren. In Eri­trea Ver­folg­te haben kaum noch eine Chan­ce, aus der Dik­ta­tur zu flie­hen.«

Bei den Schutz­su­chen­den, die über die Mit­tel­meer­rou­te flie­hen, han­delt es sich nach Anga­ben von Pro Asyl unter ande­rem um Flücht­lin­ge aus Eri­trea, die in Deutsch­land klar als schutz­be­dürf­tig aner­kannt wer­den. Cir­ca 16 Pro­zent der in Ita­li­en Ankom­men­den sind Kin­der, die meis­ten von ihnen unbe­glei­tet.

Der Offe­ne Brief im Wort­laut:

Sehr geehr­te Frau Bun­des­kanz­le­rin,

mit gro­ßer Sor­ge haben PRO ASYL und der Pari­tä­ti­sche Gesamt­ver­band die Agen­da des nächs­ten Tref­fens der Staats- und Regie­rungs­chefs der EU am 3. Febru­ar auf Mal­ta zur Kennt­nis genom­men.

Unter der Über­schrift »Steue­rung der Migra­ti­ons­strö­me ent­lang der zen­tra­len Mit­tel­mee­rou­te« soll über einen Vor­schlag der Kom­mis­si­on bera­ten wer­den, mit dem der Zugang zu Schutz in Euro­pa wei­ter erschwert wer­den soll. Die EU setzt ein­mal mehr auf Liby­en als Part­ner, wo es einem aktu­el­len Bericht des Aus­wär­ti­gen Amts zufol­ge zu »aller­schwers­ten, sys­te­ma­ti­schen Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen« kommt. Kon­kret: »Exe­ku­tio­nen nicht zah­lungs­fä­hi­ger Migran­ten, Fol­ter, Ver­ge­wal­ti­gun­gen, Erpres­sun­gen sowie Aus­set­zun­gen in der Wüs­te sind dort an der Tages­ord­nung.«

Wir appel­lie­ren an Sie, sehr geehr­te Frau Bun­des­kanz­le­rin, die Umset­zung die­ses Vor­schlags der EU-Kom­mis­si­on zu ver­hin­dern! Dar­über hin­aus bit­ten wir Sie, dem Ansin­nen der mal­te­si­schen EU-Prä­si­dent­schaft, das Schlüs­sel­ele­ment des inter­na­tio­na­len Flücht­lings­schut­zes, das Zurück­wei­sungs­ver­bot, zu rela­ti­vie­ren, eine kla­re Absa­ge zu ertei­len.

Die EU will Geld und Tech­nik lie­fern, um eine Art Dop­pel­mau­er gegen Flücht­lin­ge zu bau­en – für Flücht­lings­ab­wehr im Mit­tel­meer und für Grenz­an­la­gen an der süd­li­chen Gren­ze Liby­ens. 200 Mil­lio­nen Euro sol­len allein 2017 und vor allem an Liby­en flie­ßen. Die EU darf die­se Gel­der nicht geneh­mi­gen. Opfer der geplan­ten Flücht­lings­ab­wehr­po­li­tik der EU sind unter ande­rem Flücht­lin­ge aus Eri­trea, die oft den Flucht­weg über den Sudan nach Liby­en neh­men.

Liby­sche Grenz­be­hör­den, Küs­ten­wa­che und Mari­ne sol­len von der Euro­päi­schen Uni­on aus­ge­bil­det und finan­ziert wer­den, um sowohl die liby­sche Süd­gren­ze als auch die See­gren­ze nach Euro­pa abzu­rie­geln. In der Fol­ge wären Zehn­tau­sen­de von Schutz­su­chen­den dazu gezwun­gen, in einem Land zu ver­har­ren, wel­ches die Men­schen­rech­te die­ser beson­ders schutz­be­dürf­ti­gen Men­schen ekla­tant ver­letzt.

Ein Abfan­gen von Flücht­lin­gen auf dem Mit­tel­meer, um sie sodann nach Nord­afri­ka zurück­zu­brin­gen, ist weder mit Arti­kel 3 EMRK noch mit dem Schutz vor Kol­lek­tiv­aus­wei­sung (Arti­kel 4 des 4. Prot. zur EMRK) ver­ein­bar. Das hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te (EGMR) 2012 in einem Grund­satz­ur­teil (Case of Hirsi Jamaa and Others v. Ita­ly) ent­schie­den.

Laut Ver­ein­ten Natio­nen ist Liby­en „not a safe coun­try for return“ (UNHCR-Bericht, S. 8). Laut aktu­el­lem UNHCR-Bericht dro­hen den in See­not Geret­te­ten bei der Rück­kehr in Liby­en die unmensch­lichs­ten Zustän­de in den Lagern. Zugang zum Asyl­ver­fah­ren oder zu Anwäl­tin­nen und Anwäl­ten haben Schutz­su­chen­de nicht. In Liby­en exis­tiert kein Asyl­sys­tem, weder in der Gesetz­ge­bung noch in der Pra­xis (UNHCR-Bericht, S. 12).

Wir hal­ten es für drin­gend gebo­ten, See­not­ret­tungs­maß­nah­men mas­siv aus­zu­bau­en, auch vor der liby­schen Küs­te, um das tau­send­fa­che Ster­ben zu been­den. Offen­sicht­lich zielt der vor­lie­gen­de Kom­mis­si­ons­vor­schlag aber nicht in ers­ter Linie auf die Ret­tung von Men­schen­le­ben, son­dern stellt einen wei­te­ren Ver­such Euro­pas dar, sich sei­ner Ver­ant­wor­tung zu ent­zie­hen. Denn wenn die Schutz­su­chen­den nicht mehr von euro­päi­schen, son­dern liby­schen Boo­ten geret­tet wür­den, droht ihnen der Rück­trans­port in die desas­trö­sen Ver­hält­nis­se in Liby­en. Pull-Back-Ope­ra­tio­nen liby­scher
Schif­fe auf Geheiß der EU inner­halb afri­ka­ni­scher Gewäs­ser wür­den Schutz­su­chen­den schwers­ten Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen aus­set­zen.

Die vor­ge­leg­ten Vor­schlä­ge der Kom­mis­si­on stel­len einen Tief­punkt euro­päi­scher Flücht­lings­po­li­tik dar. Wie bereits mit den Reform­vor­schlä­gen der Kom­mis­si­on für das Gemein­sa­me Euro­päi­sche Asyl­sys­tem erfolgt ein wei­te­rer Ver­such, die Ver­ant­wor­tung für den Schutz von Flücht­lin­gen aus Euro­pa her­aus in Erst­auf­nah­me- und Tran­sit­staa­ten zu ver­la­gern.

Wie die recht­li­che und tat­säch­li­che Lage der Schutz­su­chen­den in die­sen Län­dern ist, bleibt eben­so unbe­rück­sich­tigt wie die Tat­sa­che, dass bereits jetzt 86% aller Schutz­su­chen­den in der unmit­tel­ba­ren Her­kunfts­re­gi­on leben.

Auch wir sind der Ansicht, dass das oft men­schen­ver­ach­ten­de Vor­ge­hen von Schleu­sern und Men­schen­händ­lern inak­zep­ta­bel ist. Um ihnen die Grund­la­ge für ihr schmut­zi­ges Geschäft zu ent­zie­hen, muss die EU lega­le und gefah­ren­freie Zugangs­we­ge eröff­nen. Hier­zu gehö­ren neben dem Zugang zu indi­vi­du­el­lem Asyl­recht, die Ein­rich­tung und Umset­zung von groß­zü­gi­gen Resett­le­ment-Pro­gram­men und huma­ni­tä­ren Auf­nah­me­pro­gram­men, die Ertei­lung huma­ni­tä­rer Visa sowie die recht­li­che wie auch prak­ti­sche Ermög­li­chung der Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung. Ziel einer ver­nünf­ti­gen Flücht­lings­po­li­tik muss es dane­ben sein, huma­ni­tär akzep­ta­ble Bedin­gun­gen für Men­schen in ihren Her­kunfts­re­gio­nen zu schaf­fen. All die­se Maß­nah­men müs­sen end­lich umge­setzt wer­den. Dem Abschluss von Flücht­lings- bzw. Migra­ti­ons­ab­kom­men mit Regimes, in denen gra­vie­ren­de sys­te­ma­ti­sche Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen an der Tages­ord­nung sind, ertei­len wir eine kla­re Absa­ge.

Sehr geehr­te Frau Bun­des­kanz­le­rin, sie haben in dan­kens­wer­ter Klar­heit gegen­über dem US-Prä­si­den­ten Trump die Magna Char­ta des Flücht­lings­schut­zes ver­tei­digt. Wir bit­ten Sie, in die­sem Sin­ne auch beim Euro­päi­schen Rat für die ele­men­ta­ren Flücht­lings­rech­te an Euro­pas Süd­gren­zen ein­zu­tre­ten.

Mit freund­li­chen Grü­ßen

Prof. Dr. Rolf Rosen­brock, Vor­sit­zen­der Pari­tä­ti­scher Gesamt­ver­band

Gün­ter Burk­hardt, Geschäfts­füh­rer PRO ASYL

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