18.02.2022
 

19 tote Flücht­lin­ge im grie­chisch-tür­ki­schen Grenz­ge­biet Anfang Febru­ar 2022 – und nun ein erschüt­tern­der Medi­en­be­richt dar­über, dass die grie­chi­sche Küs­ten­wa­che Schutz­su­chen­de über Bord ins offe­ne Meer wirft. Zwei Män­ner star­ben, berich­tet der Recher­che­ver­bund aus Spie­gel, Guar­di­an und ande­ren. PRO ASYL for­dert sowohl inter­na­tio­na­le Unter­su­chun­gen und umfas­sen­de Auf­klä­rung als auch ein Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren gegen Grie­chen­land, das die EU-Kom­mis­si­on ein­lei­ten muss.

Denn die Situa­ti­on in Grie­chen­land ist geprägt von sys­te­ma­ti­schen Push­backs, Toten und einer Kri­se des Recht­staa­tes. Der Tod die­ser zwei Schutz­su­chen­den ist lei­der kein Ein­zel­fall.  Es ist ein Fall in einer Ket­te von sys­te­ma­ti­schen Push­backs durch die grie­chi­schen Grenz­be­hör­den. Die­se men­schen­ver­ach­ten­den Prak­ti­ken doku­men­tie­ren die Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on PRO ASYL und ihre grie­chi­schen Partner*innen seit Jah­ren. Und sie unter­stüt­zen die Kla­gen der Opfer vor dem Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te (EGMR). Zum Bei­spiel, als bereits im Jahr 2014 ein Fischer­boot mit 27 Flücht­lin­gen im Schlepp­tau der grie­chi­schen Küs­ten­wa­che vor der Insel Far­ma­ko­ni­si sank und elf Men­schen star­ben. Die Kla­ge vor dem EGMR ist noch immer anhängig.

Todes­fäl­le nach ille­ga­len Zurück­wei­sun­gen häu­fen sich

„Die Pra­xis der Zurück­drän­gung von Schutz­su­chen­den zu Lan­de und zu Was­ser in Grie­chen­land erfährt seit 2020 eine noch nie dage­we­se­ne Eska­la­ti­on und Bru­ta­li­tät. Die­se Poli­tik stellt nicht nur eine Ver­let­zung grund­le­gen­der Prin­zi­pi­en des inter­na­tio­na­len Rechts dar, son­dern bedroht auch unmit­tel­bar das Leben von Men­schen. Todes­fäl­le nach ille­ga­len Zurück­wei­sun­gen häu­fen sich“, betont Karl Kopp, Lei­ter der Euro­pa-Abtei­lung der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on PRO ASYL.

Das Bit­te­re: Die­se ekla­tan­ten Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen und schwe­ren Straf­ta­ten blei­ben unge­sühnt, die Zeu­gen und Über­le­ben­den völ­lig unge­schützt. In Grie­chen­land exis­tiert eine Kri­se der Rechts­staat­lich­keit. Und: Es herrscht ein Kli­ma der Angst. Die geziel­te Ein­schüch­te­rung durch grie­chi­sche Sicher­heits­kräf­te von Rechts­an­wäl­tin­nen, zivil­ge­sell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen, ja  sogar von UNHCR-Per­so­nal,  das Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen doku­men­tiert, ver­schärft die Situa­ti­on. Immer wie­der reagiert Migra­ti­ons­mi­nis­ter Notis Mitara­kis auf Medi­en­be­rich­te über  tote Flücht­lin­ge mit Vor­wür­fen gegen die Tür­kei und die Medi­en – ohne eige­ne Unter­su­chun­gen ein­zu­lei­ten.  So auch aktu­ell auf die Berich­te über den Tod der zwei Männer.

EU-Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren gegen Grie­chen­land nötig

„Und was macht Euro­pa? Nichts. Die Kom­mis­si­on ist regel­mä­ßig tief betrof­fen bis scho­ckiert – ohne jeg­li­che Kon­se­quenz. Die euro­päi­schen Regie­run­gen hül­len sich in Schwei­gen bezie­hungs­wei­se gou­tie­ren die­se men­schen­ver­ach­ten­den Prak­ti­ken sogar. Die Ero­si­on der Men­schen­rech­te und Rechts­staat­lich­keit wird bil­li­gend in Kauf genom­men“, so Kopp weiter.

PRO ASYL for­dert inter­na­tio­na­le Unter­su­chun­gen, umfas­sen­de Auf­klä­rung und Opfer­schutz im Fall der bei­den Toten, die ins Was­ser gewor­fen wor­den sein sol­len – und in allen ande­ren Todes­fäl­len der ver­gan­ge­nen Jah­re.  „Die EU-Kom­mis­si­on muss zudem ein Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren gegen Grie­chen­land ein­lei­ten, weil die Regie­rung per­ma­nent und seit Jah­ren gegen Men­schen­rech­te und gegen inter­na­tio­na­les Recht ver­stößt“, for­dert Kopp. Und auch Straf­ver­fah­ren gegen ein­zel­ne Betei­lig­te an den Push­backs und an ande­ren Rechts­ver­stö­ßen müs­sen end­lich begon­nen werden.

Lebend ins Meer geworfen

Der Spie­gel hat­te berich­tet, dass es über­zeu­gen­de Zeu­gen­aus­sa­gen und Hin­wei­se dafür gibt, dass zwei Män­ner, die im Sep­tem­ber 2021 tot im Was­ser an der tür­ki­schen Küs­te gefun­den wur­den, zuvor auf  Samos fest­ge­nom­men und dann lebend von einem Boot der grie­chi­schen Küs­ten­wa­che ins Meer gewor­fen wor­den waren. Es ist bekannt, dass die grie­chi­sche Küs­ten­wa­che auch von Samos aus Män­ner, Frau­en und Kin­der auf so genann­ten Ret­tungs­flö­ßen im Mit­tel­meer aussetzt.

In der Käl­te ausgesetzt

Ein wei­te­res Bei­spiel: Ende Janu­ar berich­te­te die grie­chi­sche Zei­tung Efsyn über bru­ta­le Gescheh­nis­se auf einer Insel im Grenz­fluss Evros, an denen sowohl grie­chi­sche als auch tür­ki­sche Behör­den betei­ligt waren: Grie­chi­sche Grenz­be­am­te hat­ten 24 Frau­en, Män­nern und Kin­der Mit­te Janu­ar nicht nur dar­an gehin­dert, einen Asyl­an­trag zu stel­len, sie hat­ten sie sogar im Schnee­trei­ben auf einer grie­chi­schen Insel im Grenz­fluss aus­ge­setzt, ohne Nah­rung und pas­sen­de Klei­dung. Fotos zei­gen eini­ge Men­schen ohne Schu­he, nur mit Socken bekleidet.

Tage­lang wei­ger­ten sich die grie­chi­schen Behör­den, den Men­schen, dar­un­ter ein nie­ren­kran­ker Mann, zu hel­fen. Tür­ki­sche Grenz­sol­da­ten hol­ten die Grup­pe von der Insel, schlu­gen und inhaf­tier­ten sie für eini­ge Tage – und brach­ten sie dann wie­der auf die­sel­be Insel. Der schwer­kran­ke Mann soll nach den Schlä­gen gestor­ben sein. Tür­ki­sche Oppo­si­tio­nel­le aus der Flücht­lings­grup­pe blie­ben in Haft.

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