30.11.2009

Bun­des­amt bla­miert sich mit Recht­fer­ti­gung der Ableh­nungs­ent­schei­dung

PRO ASYL und Flücht­lings­rat Nie­der­sach­sen for­dern Asyl­an­er­ken­nung

Ein Gericht in Kiga­li hat den ruan­di­sche Flücht­ling Inno­cent Iran­kun­da am ver­gan­ge­nen Frei­tag zu einer Haft­stra­fe von vier Jah­ren ver­ur­teilt. Der Flücht­lings­rat Nie­der­sach­sen und PRO ASYL sehen damit ihre am 2. Okto­ber geäu­ßer­ten Befürch­tun­gen bestä­tigt: Iran­kun­da, des­sen Asyl­an­trag in einer Fehl­ent­schei­dung des Bun­des­amts als „offen­sicht­lich unbe­grün­det“ bewer­tet wur­de, ist nach sei­ner Abschie­bung am 14. Okto­ber 2009 ein Opfer poli­ti­scher Ver­fol­gung in Ruan­da gewor­den.

Die Grün­de für die Ent­schei­dung des ruan­di­schen Gerichts wur­den noch nicht ver­öf­fent­licht. Ange­klagt war der unmit­tel­bar nach sei­ner Lan­dung inhaf­tier­te und Ange­hö­ri­gen zufol­ge auch gefol­ter­te Mann wegen „Ver­brei­tung von Geno­zi­d­ideo­lo­gie“, „Ver­rat“ und „Fäl­schung von Doku­men­ten“. Offen­bar ist es den ruan­di­schen Ver­fol­gungs­be­hör­den – mit wel­chen Metho­den auch immer – gelun­gen, den Wil­len des Flücht­lings zu bre­chen und ihn zu einem „Geständ­nis“ zu bewe­gen. So soll er nach Aus­sa­gen der ruan­di­schen Pres­se auf eine anwalt­li­che Ver­tre­tung ver­zich­tet, alle Ankla­ge­punk­te ein­ge­räumt und um „Ver­zei­hung“ gebe­ten haben. Den Ange­hö­ri­gen zufol­ge war Iran­kun­da wäh­rend der Ver­hand­lung sehr schwach und wirk­te mut- und hoff­nungs­los.

Mit einer nur noch als zynisch zu bezeich­nen­den Stel­lung­nah­me hat das Bun­des­amt auch nach der erfolg­ten Abschie­bung und Fest­nah­me die Ableh­nung des ruan­di­schen Flücht­lings am 3.11.2009 mit der Begrün­dung ver­tei­digt, die vor­ge­wor­fe­nen Delik­te stän­den „im Zusam­men­hang mit der Ahn­dung von Urkun­den­de­lik­ten“, wel­che „über­all straf­recht­lich ver­folgt“ wür­den. Mit kei­nem Wort geht das Bun­des­amt dabei auf die Tat­sa­che ein, dass

  • Iran­kun­da mit gül­ti­gen Papie­ren nach Deutsch­land geflo­hen ist,
  • er im Asyl­ver­fah­ren weder einen ruan­di­schen Haft­be­fehl noch sonst irgend­wel­che Unter­la­gen aus Ruan­da vor­ge­legt hat, die als „Fäl­schung“ klas­si­fi­ziert wur­den,
  • der Vor­wurf der „Ver­brei­tung von Geno­zi­d­ideo­lo­gie“ eine offen­sicht­li­che Form von Gesin­nungs­jus­tiz dar­stellt,
  • eine unab­hän­gi­ge Jus­tiz und rechts­staat­li­che Gerichts­ver­fah­ren in Ruan­da nicht exis­tie­ren,
  • straf­recht­li­che Ermitt­lungs­ver­fah­ren in Ruan­da regel­mä­ßig mit Miss­hand­lun­gen und Fol­ter ein­her­ge­hen.

Sofern Iran­kun­da über einen ruan­di­schen Haft­be­fehl ver­fügt hät­te, hät­te er die­sen auch für die Begrün­dung sei­nes Asyl­an­trags in Deutsch­land genutzt. Die deut­schen Behör­den wis­sen, dass Iran­kun­da kei­ner­lei fal­sche Doku­men­te bei sich führ­te, als er nach Ruan­da abge­scho­ben wur­de. Dass nun nach­träg­lich ein angeb­lich gefälsch­ter Haft­be­fehl auf­taucht, spricht ein­deu­tig für eine poli­ti­sche Ver­fol­gung des Man­nes. Es wirft kein gutes Licht auf die Qua­li­täts­si­che­rung beim BAMF, dass es die­sen offen­kun­di­gen Wider­spruch gar nicht reflek­tiert, sei­nen feh­ler­haf­ten Bescheid rund­weg auf­recht erhält und gar davon spricht, es sei „zwei­fel­haft“, ob Iran­kun­da „zu Unrecht drei­er Straf­ta­ten beschul­digt“ wer­de. Allein schon die Haft­be­din­gun­gen in Ruan­da – die Ver­ur­teil­ten wer­den in gro­ßen Grup­pen unter men­schen­rechts­wid­ri­gen Bedin­gun­gen zusam­men­ge­pfercht und ster­ben nicht sel­ten in Haft[1] – stel­len einen Ver­stoß gegen Arti­kel 3 der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on dar.

Der Voll­zug der Abschie­bung war im Übri­gen schon des­halb unzu­läs­sig, weil die Ent­schei­dung feh­ler­haft zuge­stellt wor­den war, und weil eine Fest­nah­me ohne vor­he­ri­ge Ankün­di­gung und ohne rich­ter­li­chen Beschluss erfolg­te. Sowohl das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Lüne­burg (im Eil­ver­fah­ren) als auch das Ver­wal­tungs­ge­richt Braun­schweig (im Haupt­sa­che­ver­fah­ren) wer­den sich damit noch aus­ein­an­der zu set­zen haben.

Der Flücht­lings­rat Nie­der­sach­sen und PRO ASYL for­dern das Bun­des­amt auf, den unhalt­ba­ren Bescheid von Mai 2009 auf­zu­he­ben und durch eine Asyl­an­er­ken­nung die for­ma­len Vor­aus­set­zun­gen dafür zu schaf­fen, dass die deut­sche Ver­tre­tung in Ruan­da eine Rück­kehr des Herrn Iran­kun­da nach Deutsch­land auf diplo­ma­ti­schem Weg betrei­ben kann.

Kon­takt:

PRO ASYL, Tel. 069 23 06 95, presse@proasyl.de

Flücht­lings­rat Nie­der­sach­sen, Tel. 05121 – 15605, kw@nds-fluerat.

[1] Sie­he Infor­ma­ti­ons­dienst für Ruan­da, www.rwandainfo.de

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