02.11.2009

Nach Fehl­ent­schei­dun­gen deut­scher Behör­den und Gerich­te droht jahr­zehn­te­lan­ge Haft

PRO ASYL: Ein Opfer deut­scher Behör­den­schlam­pe­rei

Behör­den­di­let­tan­tis­mus und man­gel­haf­te Prü­fung von Asy­l­ent­schei­dun­gen durch die Gerich­te haben einen abge­scho­be­nen Ruan­der in größ­te Gefahr gebracht. Dem am 14. Okto­ber 2009 nach Kigali/Ruanda abge­scho­be­nen ruan­di­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen Inno­cent Iran­kun­da droht eine jahr­zehn­te­lan­ge Haft­stra­fe. Unmit­tel­bar nach sei­ner Lan­dung wur­de er in Haft genom­men und lan­gen Ver­hö­ren unter­zo­gen. Zur Last gelegt wer­den dem Inhaf­tier­ten die Ver­brei­tung von Geno­zi­d­ideo­lo­gie, Ver­rat und die Fäl­schung von Doku­men­ten. Nach Aus­kunft der deut­schen Bot­schaft droht ihm eine Haft­stra­fe von bis zu zehn Jah­ren. Die ruan­di­sche Pres­se spricht von mög­li­cher­wei­se 20 Jah­ren Haft, die Iran­kun­da zu erwar­ten habe.

Das Bun­des­amt hat­te den in Wol­fen­büt­tel (Nie­der­sach­sen) leben­den Iran­kun­da im Mai 2009 im Asyl­ver­fah­ren ange­hört und sei­nen Asyl­an­trag am 10. Sep­tem­ber 2009 als „offen­sicht­lich unbe­grün­det“ abge­lehnt. Die Rechts­an­wäl­tin des Betrof­fe­nen, der Flücht­lings­rat Nie­der­sach­sen und PRO ASYL wer­fen der zustän­di­gen Außen­stel­le des Bun­des­am­tes für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge in Braun­schweig schlam­pi­ge Arbeit und man­gel­haf­te amts­in­ter­ne Kon­trol­le vor. Die Anga­ben des Asyl­su­chen­den zu sei­nem Schick­sal hät­ten vie­le Ansatz­punk­te für erfor­der­li­che Nach­fra­gen gebo­ten und eine wei­te­re Recher­che des Bun­des­am­tes nötig gemacht. Offen­bar auf­grund unzu­rei­chen­der Län­der­kennt­nis unter­blieb bei­des. Die Ent­schei­dung, der Antrag sei „offen­sicht­lich unbe­grün­det“, stützt sich auf angeb­li­che Unge­reimt­hei­ten, denen das Bun­des­amt pflicht­wid­rig nicht nach­ge­gan­gen war. An „offen­sicht­lich-unbe­grün­det-Ent­schei­dun­gen“ sind nach den Vor­ga­ben des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hohe Anfor­de­run­gen zu stel­len. Im Fall Iran­kun­da lässt sich eine sol­che Ent­schei­dung kei­nes­falls recht­fer­ti­gen. Der man­gel­haf­te und extrem kurz begrün­de­te Bescheid hät­te das Amt unkon­trol­liert nie­mals ver­las­sen dür­fen.

Obwohl dem Ruan­der die Ent­schei­dung auch noch feh­ler­haft zuge­stellt wor­den war, schloss sich die 7. Kam­mer des Ver­wal­tungs­ge­richts Braun­schweig am 14. Okto­ber 2009 nach angeb­lich „eige­ner Prü­fung den Grün­den des ange­foch­te­nen Beschei­des“ an. Damit macht sich das Ver­wal­tungs­ge­richt die vor­an­ge­gan­ge­nen Rechts­feh­ler zu eigen und ist mit­ver­ant­wort­lich für das, was dann folg­te.

In Ruan­da ist das Ver­fah­ren gegen Herrn Iran­kun­da kurz­fris­tig ange­setzt wor­den. Ein Urteil wird für den 27. Novem­ber 2009 erwar­tet. Dies bereits belegt, dass an ein fai­res Ver­fah­ren mit einer vor­be­rei­te­ten Ver­tei­di­gung nicht zu den­ken ist. Bei sei­ner Ver­neh­mung soll der Ange­klag­te auf die Hin­zu­zie­hung eines Anwal­tes ver­zich­tet haben. Er steht also offen­bar unter einem gewal­ti­gen Druck. Wer wür­de sonst ange­sichts einer dro­hen­den lang­jäh­ri­gen Haft­stra­fe auf einen Anwalt ver­zich­ten? Aus Berich­ten von Sach­ver­stän­di­gen zu Ruan­da ist bekannt, dass Sicher­heits­kräf­te Gefan­ge­ne fol­tern.

Die ruan­di­sche Regie­rung, lan­ge Zeit für ihren Ver­such der Auf­ar­bei­tung des Geno­zi­des inter­na­tio­nal gelobt, macht nach Fest­stel­lung ver­schie­de­ner Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen immer häu­fi­ger von den Gesin­nungs­straf­tat­be­stän­den „Ver­brei­tung von Geno­zi­d­ideo­lo­gie“ und „Ver­rat“ Gebrauch. So wird in einem Gut­ach­ten des Ger­man Insti­tu­te of Glo­bal and Area Stu­dies (GIGA) für das Ver­wal­tungs­ge­richt Arns­berg dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Ruan­der, die des soge­nann­ten „Divi­sio­nis­mus“, qua­si einer Art Volks­ver­het­zung beschul­digt wer­den, mit lan­gen Haft­stra­fen auf­grund hoch­gra­dig defi­zi­tä­rer Gaca­ca-Ver­fah­ren[1] (Denun­zia­ti­on, Vor­teil­nah­me, ideo­lo­gi­sche und poli­ti­sche Ein­fluss­nah­me wer­den häu­fig berich­tet – Straf­ver­tei­di­ger sind nicht zuge­las­sen), die in demo­kra­ti­schen Zusam­men­hän­gen als unver­hält­nis­mä­ßig ange­se­hen wür­den, zu rech­nen haben.

Von die­sen und ande­ren Erkennt­nis­sen zur Situa­ti­on in Ruan­da fin­den sich im Bescheid des Bun­des­am­tes und in der Gerichts­ent­schei­dung zu Las­ten des Abge­scho­be­nen kei­ner­lei Spu­ren. Deut­sche Behör­den­mit­ar­bei­ter und Rich­ter haben es zu ver­ant­wor­ten, dass Inno­cent Iran­kun­da jetzt das erlei­det, wovor er in Deutsch­land Schutz such­te: Poli­ti­sche Ver­fol­gung.

Kon­takt:

PRO ASYL, Tel. 069 23 06 95, presse@proasyl.de

Flücht­lings­rat Nie­der­sach­sen, Tel. 05121 – 15605

[1] Die Gaca­ca-Gerich­te wur­den unter Rück­griff auf eine alte ruan­di­sche Tra­di­ti­on ein­ge­rich­tet. Mit ihnen wur­de auf die gigan­ti­sche, jedes Jus­tiz­sys­tem über­for­dern­de Auf­ga­be reagiert, einen Völ­ker­mord auf­zu­ar­bei­ten, bei dem 1994 mehr als 800.000 Tut­si getö­tet wor­den waren. Natio­na­le Gerichts­hö­fe und der Inter­na­tio­na­le Straf­ge­richts­hof für Ruan­da (ICTR) behan­deln nur die Ver­bre­chen der gra­vie­rends­ten Kate­go­rie, die Gaca­ca-Gerich­te beschäf­ti­gen sich mit Fäl­len von schwe­rer Kör­per­ver­let­zung, Tot­schlag und Mord, aber auch Ver­mö­gens­de­lik­te im Zusam­men­hang mit dem Völ­ker­mord. Die Gaca­ca-Gerich­te kön­nen Stra­fen bis zu 30 Jah­ren Haft ver­hän­gen. Nach dem Jah­res­be­richt 2006 von Amnes­ty Inter­na­tio­nal waren damals 800.000 Men­schen wegen Ver­dachts auf Mit­tä­ter­schaft am Völ­ker­mord inhaf­tiert, also wegen Anschul­di­gun­gen, die in die Zustän­dig­keit der Gaca­ca-Gerich­te fal­len. Es bestehen, so Amnes­ty Inter­na­tio­nal, Zwei­fel an der Fair­ness und Unpar­tei­lich­keit der Gaca­ca-Gerich­te. Ange­sichts der wenig qua­li­fi­zier­ten, schlecht aus­ge­bil­de­ten und kor­rup­ten Gaca­ca-Rich­ter in eini­gen Bezir­ken gebe es ein weit ver­brei­te­tes Miss­trau­en gegen­über dem gesam­ten Gaca­ca-Gerichts­sys­tem.

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