18.02.2026

Mas­sen­fest­nah­men, Fol­ter, sexua­li­sier­te Gewalt, immer mehr Hin­rich­tun­gen. Obwohl die Repres­si­on in der Isla­mi­schen Repu­blik Iran im Jahr 2025 und Anfang 2026 mas­siv zuge­nom­men hat, nimmt die Quo­te der Ver­folg­ten, die in Deutsch­land Schutz bekom­men, mas­siv ab. Drei­vier­tel der vom Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) inhalt­lich geprüf­ten Asyl­an­trä­ge wur­den 2025 trotz ein­deu­ti­ger Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen abgelehnt. 

Die­sen Wider­spruch benennt PRO ASYL im heu­te ver­öf­fent­lich­ten Poli­cy Paper „Die Men­schen­rechts­la­ge im Iran und die deut­sche Asyl­pra­xis“, ana­ly­siert pro­ble­ma­ti­sche Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter des Bun­des­amts für Asyl und Migra­ti­on (BAMF) und for­dert Kon­se­quen­zen: Schutz statt Abschie­bung, fak­ten­be­zo­ge­ne Ent­schei­dun­gen im BAMF und die Aner­ken­nung struk­tu­rel­ler Verfolgung.

„Es drängt sich der Ein­druck auf, dass die Schutz­quo­te aus innen­po­li­ti­schen Grün­den bewusst nied­rig gehal­ten wird, um so die Flücht­lings­zah­len zu redu­zie­ren. Anders kann man die­se Dis­kre­panz zwi­schen der dra­ma­ti­schen Men­schen­rechts­la­ge im Iran und der zu nied­ri­gen Schutz­quo­te nicht erklä­ren“, sagt Tareq Alaows, flücht­lings­po­li­ti­scher Spre­cher von PRO ASYL. „Die­se Ent­schei­dungs­pra­xis grün­det auf pro­ble­ma­ti­schen Annah­men, wodurch Schutz­su­chen­den Unglaub­wür­dig­keit unter­stellt wird, geschlechts­spe­zi­fi­sche und poli­ti­sche Ver­fol­gung negiert sowie zeit­li­che und sach­li­che Zusam­men­hän­ge igno­riert werden.“ 

Gleich­zei­tig zur sich ver­schlim­mern­den Men­schen­rechts­la­ge im Iran sank die Schutz­quo­te in den inhalt­lich geprüf­ten Fäl­len kon­ti­nu­ier­lich. Lag sie 2023 noch bei 45 Pro­zent, fiel sie 2024 auf 37 Pro­zent und im Jahr 2025 auf 27 Pro­zent. Mit 30 Pro­zent lag die Zahl der Frau­en, die vom BAMF einen posi­ti­ven Bescheid erhiel­ten, nur gering­fü­gig über der Schutz­quo­te von Män­nern (25 Pro­zent), trotz der mas­si­ven Repres­sio­nen gegen­über Frau­en im Iran. Die feh­ler­haf­te Ent­schei­dungs­pra­xis wur­de im Jahr 2025 tau­send­fach von deut­schen Gerich­ten kor­ri­giert, indem sie ent­ge­gen vori­ger BAMF-Ent­schei­dun­gen einen Schutz­sta­tus zusprachen.

Ver­fol­gung im Iran ist strukturell

Staat­li­che Repres­si­on und poli­ti­sche Gewalt prä­gen den All­tag im Iran – und erreich­ten 2025 eine neue Eska­la­ti­ons­stu­fe. Ins­be­son­de­re im Kon­text außen­po­li­ti­scher Kri­sen kam es zu mas­sen­haf­ten Fest­nah­men und einer deut­li­chen Zunah­me von Hin­rich­tun­gen. Frau­en, poli­tisch akti­ve Men­schen sowie eth­ni­sche und reli­giö­se Min­der­hei­ten sind über­pro­por­tio­nal betrof­fen. Die Ver­fol­gung durch den Staat ist dabei nicht zufäl­lig, son­dern struk­tu­rell: Sie rich­tet sich gegen gan­ze Bevöl­ke­rungs­grup­pen und erfüllt zen­tra­le Vor­aus­set­zun­gen für inter­na­tio­na­len Schutz.

„Sexua­li­sier­te Gewalt, Fol­ter, Ver­fol­gung, Schau­pro­zes­se, erzwun­ge­ne Geständ­nis­se, Todes­stra­fe und Hin­rich­tun­gen sind im Iran gang und gäbe seit 47 Jah­ren. In den letz­ten Mona­ten erleb­ten wir eine mas­si­ve Stei­ge­rung der Repres­sio­nen und im Janu­ar 2026 eine his­to­ri­sche Zäsur mit dem größ­ten Mas­sa­ker an der eige­nen Bevöl­ke­rung in der Geschich­te des Irans“, sagt Iran-Exper­tin Mari­am Claren

All das lässt das BAMF in sei­nen Beschei­den viel­fach außer Acht und trifft immer wie­der asyl­recht­lich fal­sche Ent­schei­dun­gen. Dabei fal­len in der Bera­tungs­pra­xis und der Rechts­hil­fe von PRO ASYL min­des­tens drei pro­ble­ma­ti­sche Mus­ter auf: eine frag­wür­di­ge Unter­schei­dung zwi­schen Organisator*innen von und Teilnehmer*innen an Pro­tes­ten, unkla­re Kennt­nis­se über Aus­rei­se­mög­lich­kei­ten aus dem Iran und die wie­der­keh­ren­de Baga­tel­li­sie­rung sexua­li­sier­ter Gewalt als angeb­li­che Ein­zel­ta­ten. PRO ASYL hat BAMF-Beschei­de und die zuge­hö­ri­gen Anhö­rungs­pro­to­kol­le ana­ly­siert und zehn davon exem­pla­risch in dem Poli­cy Papier ausgewertet.

For­de­run­gen von PRO ASYL 

Ange­sichts der sys­te­ma­ti­schen Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen im Iran und der ekla­tan­ten Schutz­lü­cken in der deut­schen Asyl­pra­xis for­dert PRO ASYL unter anderem:

Abschie­be­stopp in den Iran: Solan­ge das ira­ni­sche Regime Men­schen will­kür­lich inhaf­tiert, fol­tert und tötet, darf nie­mand dort­hin abge­scho­ben wer­den. Bis ein bun­des­wei­ter Abschie­be­stopp beschlos­sen wird, müs­sen die Bun­des­län­der ihre Kom­pe­ten­zen nut­zen und Abschie­be­stopps ver­hän­gen – wie in eini­gen Län­dern bereits geschehen. 

Aner­ken­nung geschlechts­spe­zi­fi­scher Ver­fol­gung: Frau­en und que­e­re Men­schen müs­sen als beson­ders gefähr­de­te Grup­pen aner­kannt wer­den. Ihre Ver­fol­gung ist spe­zi­fisch und sys­te­ma­tisch und darf nicht rela­ti­viert werden. 

Schutz vor eth­ni­scher und reli­giö­ser Ver­fol­gung: Ange­hö­ri­ge eth­ni­scher und reli­giö­ser Min­der­hei­ten wie Kurd*innen, Bahá­’í, Christ*innen und vie­le ande­re sind im Iran stän­di­ger Repres­si­on aus­ge­setzt. Ihre Schutz­be­dürf­tig­keit muss unein­ge­schränkt aner­kannt werden. 

Auf­nah­me huma­ni­tä­rer Här­te­fäl­le aus dem Iran: Nach Para­graf 22 des Auf­ent­halts­ge­set­zes kön­nen beson­ders gefähr­de­te Men­schen ein Visum für Deutsch­land bekom­men. Deutsch­land muss von die­ser Mög­lich­keit Gebrauch machen und beson­ders bedroh­ten Men­schen ins­be­son­de­re auch aus Erst­auf­nah­me­staa­ten Schutz gewähren.
Das Poli­cy Paper von PRO ASYL „Die Men­schen­rechts­la­ge im Iran und die deut­sche Asyl­pra­xis“ fin­den Sie hier.

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