20.11.2018

PRO ASYL: Wunsch­den­ken jen­seits der Rea­li­tät

Der BILD-Zei­tung vom 20. Novem­ber zufol­ge ist  der thü­rin­gi­sche Minis­ter­prä­si­dent Rame­low »grund­sätz­lich bereit«, nach Ver­hand­lun­gen die Maghreb-Staa­ten als sicher ein­zu­stu­fen. PRO ASYL-Geschäfts­füh­rer Gün­ter Burk­hardt kri­ti­siert dies scharf: »Wunsch­den­ken und Behaup­tun­gen jen­seits der Rea­li­tät dür­fen das poli­ti­sche Han­deln nicht bestim­men. Die Maghreb-Staa­ten sind nicht sicher. Ein fai­res Asyl­ver­fah­ren ist dann nicht gewähr­leis­tet«.

PRO ASYL appel­liert an die in Thü­rin­gen mit­re­gie­ren­den Par­tei­en und ins­be­son­de­re auch an die Grü­nen in Hes­sen, sich gegen ein poli­ti­sches Gescha­cher zu stel­len. Burk­hardt for­dert die Grü­nen in Hes­sen auf, bei den nun begin­nen­den Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen »nicht umzu­fal­len. Grund- und men­schen­recht­li­che Stan­dards sind kei­ne Ver­hand­lungs­mas­se, Men­schen­rech­te sind unteil­bar. Die Par­tei­spit­ze und die Bun­des­tags­frak­ti­on haben sich zurecht gegen das ver­fas­sungs­wid­ri­ge Gesetz gestellt«.

PRO ASYL wirft der Gro­ßen Koali­ti­on vor, sich die Rea­li­tät in den Maghreb-Staa­ten zurecht­zu­bie­gen. Die Ver­fol­gung von Homo­se­xu­el­len und poli­ti­schen Oppo­si­tio­nel­len wird baga­tel­li­siert, die Aner­ken­nungs­quo­ten in Deutsch­land künst­lich her­un­ter­ge­rech­net. Sie lie­gen bei kor­rek­ter Rech­nung zwi­schen 5 und 10% und nicht unter der – will­kür­lich – poli­tisch von der Gro­Ko defi­nier­ten 5%- Schran­ke. Die­ses Gesetz ist und bleibt ver­fas­sungs­wid­rig.

Zur Fak­ten­la­ge

1)      Ver­fas­sungs­recht­li­che Vor­aus­set­zun­gen feh­len

Ers­tens feh­len die ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Ein­stu­fung von Alge­ri­en, Marok­ko, Tune­si­en und Geor­gi­en als »siche­re« Her­kunfts­staa­ten. Eine Ein­stu­fung die­ser Län­der wider­spricht den Vor­ga­ben des Ver­fas­sungs­ge­richts, wonach Sicher­heit vor Ver­fol­gung »lan­des­weit und für alle Per­so­nen- und Bevöl­ke­rungs­grup­pen bestehen« muss (BVerfG, Beschluss v. 14. Mai 1996, 2 BvR 1507/93, 2 BvR 1508/93). Der Gesetz­ent­wurf selbst erkennt das, indem er betont:

  • In Alge­ri­en ist Homo­se­xua­li­tät nach wie vor straf­bar. Dabei wer­de Homo­se­xua­li­tät schon dann »straf­recht­lich rele­vant, wenn sie öffent­lich sicht­bar gelebt wird.« (GE, S. 11).
  • In Marok­ko kann die eige­ne Mei­nung nicht frei geäu­ßert wer­den. »Poli­ti­sche Über­zeu­gun­gen kön­nen frei geäu­ßert wer­den, solan­ge sie nicht die Per­son des Königs, den Islam als Staats­re­li­gi­on oder die ter­ri­to­ria­le Inte­gri­tät in Fra­ge stel­len.« Außer­dem sei »Jeder außer­ehe­li­che Geschlechts­ver­kehr und auch Ehe­bruch (…) straf­bar.« (GE, S. 14 f.).
  • Auch in Tune­si­en wer­den »homo­se­xu­el­le Hand­lun­gen von Män­nern und Frau­en mit Haft­stra­fen von drei Jah­ren belegt« (GE, S. 19).
  • In Geor­gi­en müs­sen Ange­hö­ri­ge sexu­el­ler Min­der­hei­ten im gesell­schaft­li­chen und beruf­li­chen Leben eben­falls mit unglei­cher Behand­lung bis hin zu ein­zel­nen Über­grif­fen rech­nen (GE, S. 9).

Des­halb darf kein Bun­des­land die­sem Ent­wurf zustim­men – auch das grün-mit­re­gier­te Baden-Würt­tem­berg nicht, das im eige­nen Koali­ti­ons­ver­trag auf den Punkt bringt: Eine Unter­stüt­zung im Bun­des­rat erfol­ge nur, »falls die ent­spre­chen­den hohen ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen«.

2)      EuGH-Urteil wird nicht umge­setzt

Zwei­tens igno­riert der Gesetz­ent­wurf die Grund­satz­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on (EuGH) vom 19. Juni 2018, nach der abge­lehn­te Antrag­stel­le­rIn­nen die Mög­lich­keit haben müs­sen, in Deutsch­land zu kla­gen, ohne dass sie wäh­rend­des­sen abge­scho­ben wer­den dür­fen (Urteil v. 19.06.2018, C-181/16). Bei Men­schen aus »siche­ren Her­kunfts­län­dern«, die als offen­sicht­lich unbe­grün­det abge­lehnt wer­den, ist eine Abschie­bung wäh­rend des lau­fen­den Ver­fah­rens nach deut­schem Recht noch mög­lich (§ 75 i.V.m. § 36 AsylG). Damit ist zwin­gend eine gesetz­li­che Ände­rung erfor­der­lich. Sie fehlt im Ent­wurf völ­lig.

3)      Asyl­ver­fah­rens­be­ra­tung und spe­zi­el­le Rechts­be­ra­tung sind nicht gewähr­leis­tet

Drit­tens: Die ver­schärf­te Wir­kung ohne ver­spro­che­ne unab­hän­gi­ge Asyl­ver­fah­rens­be­ra­tung und »spe­zi­el­le Rechts­be­ra­tung« ist fatal. Bei der Ein­rei­se aus soge­nann­ten »siche­ren Her­kunfts­län­dern« wird bereits ver­mu­tet, dass ein Aus­län­der aus einem ent­spre­chen­den Her­kunfts­land nicht der poli­ti­schen Ver­fol­gung unter­liegt. Die indi­vi­du­el­le Betrach­tung wird damit von einer typi­sie­ren­den – pri­mär ableh­nen­den – Bewer­tung ver­drängt. Die Wider­le­gung einer sol­chen Ver­mu­tung ist in der Pra­xis schwer mög­lich. Der Asyl­an­trag einer/s Asyl­su­chen­den aus einem sol­chen Staat wird gem. § 29a AsylG als »offen­sicht­lich unbe­grün­det« abge­lehnt, was wie­der­um Frist­ver­kür­zun­gen für den wei­te­ren Rechts­weg zur Fol­ge hat.

Weder eine unab­hän­gi­ge, flä­chen­de­cken­de Asyl­ver­fah­rens­be­ra­tung noch eine spe­zi­el­le Rechts­be­ra­tung für »beson­de­re vul­nera­ble Grup­pen« wird gewähr­leis­tet.

Die ver­schärf­te Unter­brin­gung in AnKER-Zen­tren, beson­de­ren Auf­nah­me­ein­rich­tun­gen oder ander­wei­tig benann­ten Groß­un­ter­künf­ten hat fata­le Aus­wir­kun­gen für die Asyl­ver­fah­ren selbst. Durch die Iso­la­ti­on und Abschir­mung der Betrof­fe­nen in die­sen Zen­tren ist es kaum mög­lich, Rechts­bei­stand oder ehren­amt­li­che Unter­stüt­zung zu erhal­ten. Genau das wäre aber gera­de erfor­der­lich, um im Ein­zel­fall die Beson­der­heit des Fal­les her­aus­zu­ar­bei­ten.

Zwin­gend not­wen­dig ist vor der Über­le­gung wei­te­rer Ver­schär­fun­gen im Asyl­ver­fah­ren end­lich die unab­hän­gi­ge, flä­chen­de­cken­de Asyl­ver­fah­rens­be­ra­tung – so wie es der Koali­ti­ons­ver­trag der Gro­ßen Koali­ti­on expli­zit ver­spricht (KV, Z. 4994 f.). Die Bun­des­län­der müs­sen sich auf die­se Ver­ein­ba­rung auf Bun­des­ebe­ne ver­las­sen kön­nen und deren Ein­hal­tung ein­for­dern. Dabei schließt die »Unab­hän­gig­keit« der Ver­fah­rens­be­ra­tung eine staat­li­che Bera­tung durch das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) aus, da der Staat über den Asyl­an­trag ent­schei­den muss und damit als eine Art Par­tei am Ver­fah­ren betei­ligt ist. Eben­so ist klar, dass eine »flä­chen­de­cken­de« Bera­tung über die AnKER-Zen­tren hin­aus­ge­hen muss.

Eben­so fehlt die im Koali­ti­ons­ver­trag im Kon­text der Asyl­su­chen­den aus »siche­ren Her­kunfts­staa­ten« ver­ein­bar­te »spe­zi­el­le Rechts­be­ra­tung für beson­de­re vul­nera­ble Flucht­grup­pen« (KV, Z. 5060 ff.). Der Gesetz­ent­wurf ver­weist nur dar­auf, dass das BAMF der­zeit an einem Kon­zept zur Umset­zung und Sicher­stel­lung einer sol­chen Rechts­be­ra­tung arbei­te (GE, S. 5).

4)      Die faden­schei­ni­ge Begrün­dung sind gedrück­te Quo­ten

Vier­tens begrün­det das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um die Ein­stu­fung zu »siche­ren Her­kunfts­staa­ten« auch damit, dass die Aner­ken­nungs­quo­ten der Antrag­stel­le­rIn­nen aus die­sen Län­dern so gering sei­en. Dabei wer­den die Quo­ten sei­tens der Bun­des­re­gie­rung künst­lich her­un­ter­ge­rech­net. Bei der Fra­ge, zu wel­chem Anteil Men­schen aus einem bestimm­ten Her­kunfts­land schutz­be­dürf­tig sind oder nicht, dür­fen nur die Ableh­nun­gen nega­tiv berück­sich­tigt wer­den, die inhalt­lich wegen einer feh­len­den Schutz­be­dürf­tig­keit abge­lehnt wur­den (»berei­nig­te Quo­te«). Tat­säch­lich aber wer­den von der Bun­des­re­gie­rung auch die for­mel­len Ableh­nun­gen mit ein­ge­rech­net, was die Schutz­quo­ten nach unten drückt (»unbe­rei­nig­te« Quo­te).

Bei­spiel: Ein Schutz­su­chen­der erhält in Deutsch­land eine for­mel­le Ableh­nung auf­grund der sog. Dub­lin-Ver­ord­nung, weil Frank­reich für die Prü­fung des Asyl­an­trags in die­sem Fall zustän­dig ist. In Frank­reich aber erhält die­se Per­son dann die vol­le Flücht­lings­an­er­ken­nung nach der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on. In Deutsch­land zählt die­ser Fall den­noch als Ableh­nung und zieht damit die Schutz­quo­te her­un­ter. Die­se for­mel­le Ent­schei­dung wird also genutzt, um die gene­rel­le Schutz­be­dürf­tig­keit von Men­schen aus einem bestimm­ten Her­kunfts­land zu ver­nei­nen. Mit ande­ren Wor­ten: Ein Flücht­ling im Sin­ne der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on gilt im Sin­ne der Sta­tis­tik der Bun­des­re­gie­rung als nicht schutz­be­dürf­tig.

Wäh­rend also bei Tune­si­en das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um (BMI) für das ers­te Halb­jahr 2018 von einer Aner­ken­nungs­quo­te von 2,7 Pro­zent spricht, liegt die berei­nig­te Gesamt­schutz­quo­te bei 6,4 Pro­zent. Bei steht Alge­ri­en die gedrück­te Quo­te von 2,2 einer tat­säch­li­chen Quo­te von 5,5 Pro­zent gegen­über, bei Marok­ko 4,6 zu 9,3 Pro­zent.

Zusätz­lich müs­sen nach Auf­fas­sung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nicht nur die Ent­schei­dungs­quo­ten des BAMF, son­dern auch die Erfolgs­quo­ten vor den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten hin­zu­ge­zo­gen wer­den – ohne dass der Ver­weis auf die Zah­len über­haupt eine Prü­fung erset­zen könn­te:

»Dabei sind die Ent­schei­dungs­pra­xis des Bun­des­am­tes wie die Recht­spre­chung der Ver­wal­tungs­ge­rich­te zu berück­sich­ti­gen; fer­ner kann ein Ver­gleich mit den Aner­ken­nungs­quo­ten ande­rer euro­päi­scher Staa­ten hilf­reich sein. Eine eigen­stän­di­ge Prü­fung der Ver­hält­nis­se in dem betref­fen­den Staat anhand der von der Ver­fas­sung vor­ge­ge­be­nen Prüf­kri­te­ri­en wird dadurch frei­lich nicht ersetzt«. (BVerfG, Beschluss v. 14. Mai 1996, 2 BvR 1507/93, 2 BvR 1508/93).

Ange­sichts die­ser Fak­ten spre­chen alle ratio­na­len und rechts­staat­li­che Grün­de für sorg­fäl­ti­ge Asyl­ver­fah­ren und gegen die pau­scha­li­sie­ren­de Ein­stu­fung als »siche­re Her­kunfts­län­der«.

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