30.03.2017

Bun­des­re­gie­rung prä­sen­tiert Schein­lö­sun­gen

Die Koali­ti­ons­ver­ein­ba­rung von CDU und SPD zum The­ma »Fami­li­en­nach­zug zu Flücht­lings­kin­dern« stößt auf schar­fe Kri­tik von PRO ASYL und dem Flücht­lings­rat Nie­der­sach­sen. »Statt end­lich eine über­fäl­li­ge Geset­zes­re­form anzu­stren­gen, die den Rechts­an­spruch von Eltern und Geschwis­tern auf einen Fami­li­en­nach­zug zu hier leben­den Flücht­lings­kin­dern regelt, streut die Bun­des­re­gie­rung der Öffent­lich­keit mit »Här­te­fall­lö­sun­gen« Sand in die Augen«, kom­men­tier­te Gün­ter Burk­hardt den Beschluss.

In der Koali­ti­ons­ver­ein­ba­rung von letz­ter Nacht wur­de beschlos­sen, dass die in § 22 Auf­ent­halts­ge­setz ent­hal­te­ne Här­te­fall­klau­sel »in Ein­zel­fäl­len unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung der Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on« genutzt wer­den soll.

Das bezeich­nen PRO ASYL und Flücht­lings­rat Nie­der­sach­sen als rei­ne Augen­wi­sche­rei. Offen­bar dient der For­mel­kom­pro­miss der sym­bo­li­schen Ehren­ret­tung der SPD, die sich beim Fami­li­en­nach­zug von der CDU hat über den Tisch zie­hen las­sen. Die Lösung über Här­te­fäl­le hat in der Ver­gan­gen­heit nicht funk­tio­niert. Der UNHCR kri­ti­siert in sei­ner Stel­lung­nah­me vom 17. März 2017, dass beim Fami­li­en­nach­zug zu unbe­glei­te­ten Min­der­jäh­ri­gen der huma­ni­tä­re Spiel­raum prak­tisch nicht genutzt wird: »In der Pra­xis wur­de vom § 22 Auf­en­thG aller­dings fast kein Gebrauch gemacht«.

Fak­tisch wird der Fami­li­en­nach­zug zu unbe­glei­te­ten min­der­jäh­ri­gen Flücht­lin­gen aus drei Ebe­nen sys­te­ma­tisch be- oder ver­hin­dert:

1. Die Asyl­ver­fah­ren von unbe­glei­te­ten min­der­jäh­ri­gen Flücht­lin­gen wer­den oft uner­träg­lich in die Län­ge gezo­gen. Ein Recht auf Fami­li­en­nach­zug besteht aber nur, solan­ge das Kind noch min­der­jäh­rig ist. Viel­fach schei­tert ein Fami­li­en­nach­zug schlicht dar­an, dass eine Ent­schei­dung über den Asyl­an­trag erst nach Ein­tritt der Voll­jäh­rig­keit ergeht.

2. Mit dem Asyl­pa­ket II vom 16.03.2016 hat die Bun­des­re­gie­rung den Fami­li­en­nach­zug zu Flücht­lin­gen mit sog. sub­si­diä­rem Schutz bis zum 16.03.2018 außer Kraft gesetzt. Waren Anfang des Jah­res 2016 nur eine Hand­voll Flücht­lin­ge betrof­fen, ist die Gewäh­rung von „sub­si­diä­rem Schutz“ anstel­le einer Flücht­lings­an­er­ken­nung inzwi­schen bei unbe­glei­te­ten min­der­jäh­ri­gen Flücht­lin­gen zur Regel gewor­den: Rund ein Drit­tel aller umF erhiel­ten 2016 sub­si­diä­ren Schutz (sie­he BT-Druck­sa­che 18/1540, Sei­te 92).

3. Eltern von in Deutsch­land aner­kann­ten min­der­jäh­ri­gen Flücht­lin­gen haben einen Anspruch auf Fami­li­en­nach­zug. Den min­der­jäh­ri­gen Geschwis­tern wird die­ses Recht jedoch mit der Begrün­dung ver­wei­gert, es läge kein Nach­weis von »aus­rei­chen­dem Wohn­raum« vor. Im Ergeb­nis las­sen die Eltern ent­we­der ihre wei­te­ren min­der­jäh­ri­gen Kin­der allein im Aus­land zurück, oder die Eltern ver­zich­ten auf den Fami­li­en­nach­zug und damit auf die fami­liä­re Gemein­schaft mit ihrem in Deutsch­land als Flücht­ling aner­kann­ten Kind. Lang­wie­ri­ge Recht­strei­tig­kei­ten über die Aus­le­gung von § 36 Auf­en­thG und die Vor­aus­set­zun­gen für den Fami­li­en­nach­zug tren­nen Kin­der von ihren Eltern und Geschwis­tern auf Jah­re.

PRO ASYL und Flücht­lings­rat Nie­der­sach­sen for­dern die Regie­rungs­ko­ali­ti­on zum sofor­ti­gen Han­deln auf: Auch für die Geschwis­ter­kin­der von unbe­glei­te­ten min­der­jäh­ri­gen Kin­dern muss es einen Rechts­an­spruch auf Fami­li­en­nach­zug ohne Auf­la­gen und Bedin­gun­gen geben. Die Regie­rungs­ko­ali­ti­on drückt sich um die fäl­li­ge Geset­zes­än­de­rung her­um, die auch vom nie­der­säch­si­schen Innen­mi­nis­te­ri­um gefor­dert wird. In einem Schrei­ben vom 13. März schreibt Staats­se­kre­tär Ste­phan Man­ke an die Bun­des- und Lan­des­in­nen­mi­nis­ter: »Daher ist es aus mei­ner Sicht drin­gend not­wen­dig, zu einer Ände­rung der gesetz­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen zu kom­men. Ziel einer sol­chen Gesetz­än­de­rung muss es sein, dann Aus­nah­men vom Erfor­der­nis aus­rei­chen­den Wohn­raums zulas­sen zu kön­nen, wenn der Nach­zug wei­te­rer Ange­hö­ri­ger im Zusam­men­hang mit dem Nach­zug der Kern­fa­mi­lie zu in Deutsch­land aner­kann­ten Flücht­lin­gen erfolgt.«

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