26.07.2022

Bun­des­amt ver­harm­lost die dra­ma­ti­sche Lage von Schutz­su­chen­den in Grie­chen­land – Bay­ern orga­ni­siert die Abschie­bung per Char­ter­flug ins Elend

Heu­te Vor­mit­tag fand ein Abschie­bungs­char­ter­flug von Mün­chen nach Athen statt. An Bord der vom Baye­ri­schen Lan­des­amt für Asyl und Rück­füh­rung (LfAR) orga­ni­sier­ten Maschi­ne waren, nach PRO ASYL vor­lie­gen­den Infor­ma­tio­nen, neben Poli­zei­kräf­ten vier Schutz­su­chen­de aus dem Jemen, Syri­en und Paläs­ti­na. PRO ASYL und der Baye­ri­sche Flücht­lings­rat befürch­ten, dass dies ein gefähr­li­cher und schä­bi­ger Test­lauf ist, um noch mehr Men­schen zurück ins Elend nach Grie­chen­land abzu­schie­ben. Die Orga­ni­sa­tio­nen kri­ti­sie­ren, dass das zustän­di­ge Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) die dra­ma­ti­sche Lage von Schutz­su­chen­den in Grie­chen­land bewusst verharmlost.

Unter den Abge­scho­be­nen befin­det sich auch ein jun­ger Schutz­su­chen­der aus dem Bür­ger­kriegs­land Jemen. Der Asyl­an­trag des jun­gen Man­nes wur­de am 16. Mai 2022 von der BAMF-Außen­stel­le in Bay­reuth als „unzu­läs­sig“ abge­lehnt – der Bescheid liegt PRO ASYL und dem Baye­ri­schen Flücht­lings­rat vor. Der Asyl­su­chen­de hat knapp ein Jahr in Grie­chen­land gelebt. Nach­dem er dort Schutz gewährt bekom­men hat­te, stell­ten die grie­chi­schen Behör­den die Sozi­al­leis­tun­gen ein, so dass er mit­tel­los der Obdach­lo­sig­keit aus­ge­lie­fert war. Im März 2020 reis­te er nach Deutsch­land, um ein erneu­tes Schutz­ge­such zu stellen.

Der BAMF-Bescheid ist aus Sicht von PRO ASYL und dem Baye­ri­schen Flücht­lings­rat in mehr­fa­cher Hin­sicht rea­li­täts­fern und skan­da­lös. Im Ableh­nungs­be­scheid heißt zum Beispiel:

„Die Lebens­be­din­gun­gen von inter­na­tio­nal Schutz­be­rech­tig­ten sind aus­rei­chend.“ (Sei­te 3)

„Die Situa­ti­on von inter­na­tio­nal Schutz­be­rech­tig­ten in Grie­chen­land hat sich ins­ge­samt im Ver­gleich zu den vor­he­ri­gen Jah­ren ver­bes­sert.“ (Sei­te 6)

Die Dar­stel­lung des Bun­de­am­tes steht im kras­sen Gegen­satz zur Ver­elen­dung von Schutz­su­chen­den in Grie­chen­land und den eige­nen inter­nen Ein­schät­zun­gen des BAMF und des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums. Das BAMF igno­riert dabei bewusst Urtei­le von deut­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­rich­ten aus dem Jahr 2021, die ein­deu­tig ent­schie­den haben: Aner­kann­te Schutz­be­rech­tig­te aus Grie­chen­land dür­fen grund­sätz­lich nicht zurück­ge­schickt wer­den, weil sie dort nicht ein­mal ihre ele­men­tars­ten Bedürf­nis­se wie „Bett, Brot, Sei­fe“ befrie­di­gen kön­nen – selbst wenn sie allein­ste­hend, gesund und arbeits­fä­hig sind (OVG Nord­rhein-West­fa­len, Urtei­le vom 21. Janu­ar 2021; OVG Nie­der­sach­sen, Urtei­le vom 19. April 2021).

Hin­ter­grund:

Auf­grund der kata­stro­pha­len Zustän­de in Grie­chen­land, die PRO ASYL und sei­ne grie­chi­sche Part­ner­or­ga­ni­sa­ti­on Refu­gee Sup­port Aege­an (RSA) fort­lau­fend doku­men­tie­ren und anpran­gern, flie­hen vie­le Schutz­su­chen­de nach ihrer Aner­ken­nung in Grie­chen­land wei­ter in ande­re euro­päi­sche Län­der – dar­un­ter auch nach Deutsch­land. Die deut­sche Recht­spre­chung ist sich seit letz­tem Jahr weit­ge­hend einig, dass die Men­schen nicht ins Elend nach Grie­chen­land zurück­ge­schickt wer­den dürfen.

Seit Dezem­ber 2019 hat das BAMF Asyl­an­trä­ge von Asyl­su­chen­den, die bereits in Grie­chen­land als Flücht­lin­ge aner­kannt wur­den oder sub­si­diä­ren Schutz erhal­ten haben, lie­gen gelas­sen und nicht wei­ter bear­bei­tet. Ins­ge­samt hat sich bei den soge­nann­ten Aner­kann­ten aus Grie­chen­land durch die­sen Ent­schei­dungs­stopp ein Rück­stau von knapp 50.000 nicht bear­bei­te­ten Asyl­an­trä­gen gebil­det. Bei der mit Abstand größ­ten Grup­pe die­ser Men­schen han­delt es sich um Syrer*innen, gefolgt von Geflüch­te­ten aus Afgha­ni­stan und dem Irak.

In einem aktu­el­len Rund­schrei­ben infor­miert das BAMF die Gerich­te, dass „seit 1. April 2022 die Ent­schei­dungs­tä­tig­keit in die­sen Ver­fah­ren wie­der auf­ge­nom­men [wur­de]“. Neben „sicher­heits­re­le­van­ten“ Fäl­len sol­len zunächst Anträ­ge von vul­nerablen oder beson­ders schutz­be­dürf­ti­gen Men­schen bear­bei­tet wer­den. Auf Nach­fra­ge von PRO ASYL teil­te das BAMF mit, dass bei die­sen Fäl­len „im Regel­fall eine inhalt­li­che Prü­fung der Asyl­an­trä­ge“ erfol­gen wer­de, auch wenn „Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dun­gen in begründ­ba­ren Ein­zel­fäl­len […] nicht aus­ge­schlos­sen“ sei­en. Im Klar­text: Die Asyl­an­trä­ge sol­len in aller Regel nicht als unzu­läs­sig abge­lehnt wer­den. Abschie­bun­gen nach Grie­chen­land wären damit vom Tisch. Der heu­ti­ge Abschie­be­flug könn­te jedoch ein gefähr­li­cher Ein­stieg in ver­stärk­te Abschie­bun­gen nach Grie­chen­land dar­stel­len, und zwar um jeden men­schen­recht­li­chen Preis.

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