12.05.2022

Geflüch­te­te aus der Ukrai­ne sol­len ab dem 1. Juni 2022 anstel­le von Leis­tun­gen nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz regu­lä­re Sozi­al­leis­tun­gen sowie einen Anspruch auf Kin­der­geld und BAföG erhal­ten. Das ist gut – ande­re Geflüch­te­te aber pro­fi­tie­ren wei­ter­hin nicht davon.

Am heu­ti­gen Don­ners­tag wird im Bun­des­tag über den Geset­zes­ent­wurf für das „Sofort­zu­schlags- und Ein­mal­zah­lungs­ge­setz“ der Bun­des­re­gie­rung abge­stimmt. Tritt die­ses Gesetz in Kraft, sol­len ukrai­ni­sche Flücht­lin­ge ab dem 1. Juni 2022 in das nor­ma­le Sozi­al­hil­fe­sys­tem (SGB II und SGB XII) ein­ge­glie­dert wer­den anstatt wie bis­her die nied­ri­ge­ren Leis­tun­gen nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz zu erhal­ten. Eine sinn­vol­le und not­wen­di­ge Gleich­stel­lung, die aber für alle Geflüch­te­ten gel­ten sollte.

„Die Ein­glie­de­rung der ukrai­ni­schen Geflüch­te­ten in die nor­ma­le Sozi­al­hil­fe ist rich­tig – denn nur so wird ein mög­lichst selbst­be­stimm­tes Leben und gleich­be­rech­tig­te Teil­nah­me an der Gesell­schaft ermög­licht. Doch vie­len ande­ren Geflüch­te­ten wird dies wei­ter­hin ver­wei­gert – sie unter­lie­gen ver­schie­dens­ten Ein­schrän­kun­gen wäh­rend des Asyl­ver­fah­rens, dar­un­ter den redu­zier­ten Leis­tun­gen  des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes“, kom­men­tiert Wieb­ke Judith, Lei­te­rin des Teams Recht & Advo­cacy bei PRO ASYL. „Das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz ist gekenn­zeich­net durch redu­zier­te Geld­be­trä­ge, dis­kri­mi­nie­ren­de Sach­leis­tun­gen und unzu­rei­chen­de Mini­mal­me­di­zin – es gehört end­lich für alle abge­schafft“, for­dert Judith.

Mit den geplan­ten Ände­run­gen sol­len ukrai­ni­sche Geflüch­te­te ab Juni in die regu­lä­re Kran­ken­ver­si­che­rung auf­ge­nom­men wer­den. Zudem sol­len sie Anspruch auf Kin­der­geld haben und mit BAföG finan­zi­el­le Unter­stüt­zung für Stu­di­um oder Aus­bil­dung bekom­men können.

Ver­zö­ge­run­gen sind zu erwarten

PRO ASYL kri­ti­siert bei der Umset­zung jedoch admi­nis­tra­ti­ve Hür­den. Die Bun­des­re­gie­rung setzt näm­lich für den Erhalt der Sozi­al­leis­tun­gen vor­aus, dass die Betrof­fe­nen über einen Auf­ent­halts­ti­tel nach § 24 Auf­en­thG (der soge­nann­te vor­über­ge­hen­de Schutz) oder bis zur Ertei­lung des Auf­ent­halts­ti­tels über eine Beschei­ni­gung über ihren recht­mä­ßi­gen Auf­ent­halt ver­fü­gen (eine soge­nann­te Fik­ti­ons­be­schei­ni­gung) und dass ihre Fotos und Fin­ger­ab­drü­cke auf­ge­nom­men wurden.

Bis­lang stel­len die Aus­län­der­be­hör­den aber häu­fig gar kei­ne form­ge­rech­te Fik­ti­ons­be­schei­ni­gung aus. Wieb­ke Judith gibt zu beden­ken: „Vie­le Behör­den schaf­fen es aktu­ell nicht, die ukrai­ni­schen Geflüch­te­ten zeit­nah zu regis­trie­ren oder neh­men die Anträ­ge von nicht-ukrai­ni­schen Men­schen, die vor­her in der Ukrai­ne gelebt haben und vor dem Krieg geflo­hen sind, gar nicht erst zur Prü­fung an. Dadurch sind Ver­zö­ge­run­gen bei der Aus­zah­lung der Sozi­al­leis­tun­gen zu befürchten.“

Hin­ter­grund

Flücht­lin­ge aus der Ukrai­ne kön­nen seit dem 4. März 2022 auf Grund­la­ge der EU-Mas­sen­zu­strom­s­richt­li­nie den „vor­über­ge­hen­den Schutz“ in Deutsch­land bekom­men. Sie erhal­ten dadurch ver­gleichs­wei­se unkom­pli­ziert ein Auf­ent­halts­recht und nun auch Zugang zum nor­ma­len Sozi­al­leis­tungs­sys­tem, ohne vor­her ein Asyl­ver­fah­ren durch­lau­fen zu müs­sen. Bis­her hat­ten sie ledig­lich Anspruch auf die redu­zier­ten Son­der­leis­tun­gen nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz – so wie vie­le ande­re Geflüch­te­te, die sich noch im lau­fen­den Asyl­ver­fah­ren befin­den, Gedul­de­te und eini­ge ande­re Grup­pen, die wei­ter­hin den dis­kri­mi­nie­ren­den Rege­lun­gen des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes unter­wor­fen bleiben.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen und Ein­schät­zun­gen zu dem Gesetz­ent­wurf stel­len wir im Lau­fe der nächs­ten Stun­de auf unse­rer News-Sei­te online.

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