06.06.2019

PRO ASYL ruft die Abge­ord­ne­ten des Deut­schen Bun­des­ta­ges dazu auf, das »Geord­ne­te-Rück­kehr-Gesetz« abzu­leh­nen.

Am Frei­tag soll das »Geord­ne­te-Rück­kehr-Gesetz« im Bun­des­tag ver­ab­schie­det wer­den. Daher rich­tet PRO ASYL einen beson­de­ren Appell an die Abge­ord­ne­ten der SPD. PRO ASYL-Geschäfts­füh­rer Gün­ter Burk­hardt appel­liert: »Zie­hen Sie die Not­brem­se,  das Hau-ab-Gesetz öff­net den Weg für schran­ken­lo­se Inhaf­tie­run­gen und Abschie­bun­gen nach vor­he­ri­ger Ent­rech­tung und Iso­la­ti­on in den AnkER­zen­tren.«

Spä­tes­tens die heu­te bekannt gewor­de­nen Plä­ne des BMI und eini­ger CDU/CSU regier­ter Län­der für die Innen­mi­nis­ter­kon­fe­renz der kom­men­den Woche müs­sen den Blick für die Rea­li­tät öff­nen. Die Uni­on will unter Miss­ach­tung der dor­ti­gen Sicher­heits­si­tua­ti­on Abschie­bun­gen aus­wei­ten und ohne Beschrän­kun­gen nach Afgha­ni­stan abschie­ben. Gera­de jun­ge allein­ste­hen­de Män­ner aus Afgha­ni­stan wer­den in AnkER­zen­tren iso­liert und unter Hin­weis auf eine angeb­lich exis­tie­ren­de inter­ne Schutz­al­ter­na­ti­ve in Afgha­ni­stan vom BAMF abge­lehnt. Die Innen­mi­nis­ter­kon­fe­renz nächs­te Woche soll nach Wil­len von Uni­ons­mi­nis­tern beschlie­ßen, Abschie­bun­gen aus­zu­wei­ten. PRO ASYL befürch­tet wäh­rend­des­sen einen wei­te­ren Zer­fall des Lan­des infol­ge der Aus­wei­tung der Herr­schafts­ge­walt der Tali­ban, noch beschleu­nigt durch die direk­ten Ver­hand­lun­gen der USA mit den Tali­ban. Afgha­ni­stan ist ein fai­led sta­te. PRO ASYL for­dert: Abschie­bun­gen dort­hin dür­fen nicht statt­fin­den.

PRO ASYL appel­liert an die SPD-Frak­ti­on die­se Ver­ket­tung poli­ti­scher Absich­ten zur Kennt­nis zu neh­men. Sie darf nicht um des Macht­er­halts Wil­len huma­ni­tä­re Anlie­gen opfern. Die SPD ist dabei,  als Regie­rungs­par­tei angeb­lich Hand­lungs­fä­hig­keit zu demons­trie­ren. »De fac­to ist dies die Ver­ab­schie­dung von huma­ni­tä­ren und rechts­staat­li­chen Grund­sät­zen, die gegen alle Fak­ten schön­ge­re­det wird«, warn­te Gün­ter Burk­hardt abschlie­ßend: »Eine Par­tei, die ihre Inhal­te preis­gibt, zer­stört sich selbst. Die SPD darf den Hard­li­nern in der Uni­on nicht die Mit­tel geben, um dann bra­chi­al in Staa­ten wie Afgha­ni­stan abzu­schie­ben.«

Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen zur Aner­ken­nungs- und Abschie­bungs­pra­xis afgha­ni­scher Flücht­lin­ge

Nach dem nun­mehr bereits vor Mona­ten vor­ge­leg­ten neu­en Lage­be­richt des Aus­wär­ti­gen Amtes, der Anlass gebo­ten hät­te, die aktu­el­le Aner­ken­nungs- und  Abschie­bungs­pra­xis zu über­den­ken, müs­sen nun auf eine wei­te­re Ver­schlech­te­rung der Sicher­heits­si­tua­ti­on in Afgha­ni­stan hin­ge­wie­sen wer­den.

Das Flücht­lings­kom­mis­sa­ri­at der Ver­ein­ten Natio­nen (UNHCR) hat in sei­nen jüngs­ten Richt­li­ni­en (Eli­gi­bi­li­ty Gui­de­li­nes) vom 30. August 2018 für Kabul eine Situa­ti­on gene­ra­li­sier­ter Gewalt fest­ge­stellt. Nach Ansicht des UNHCR kann die Regi­on Kabul gene­rell nicht mehr als inlän­di­sche Flucht­al­ter­na­ti­ve ange­se­hen wer­den. Dies ist auch bedingt durch die infra­struk­tu­rel­le Über­for­de­rung von Stadt und Regi­on, die ange­spann­te sozia­le Lage, Obdach­lo­sig­keit und offen­sicht­li­che Ver­sor­gungs­pro­ble­me.  Doch in der deut­schen Recht­spre­chung ist die Stadt immer noch eine theo­re­ti­sche Flucht­al­ter­na­ti­ve.

PRO ASYL hält es für bedenk­lich, dass die Bun­des­re­gie­rung in der Beant­wor­tung einer Schrift­li­chen Fra­ge für Sep­tem­ber 2018 die recht­li­che Qua­li­tät von UNHCR-Richt­li­ni­en mit der Bemer­kung abtut, es hand­le sich bei der Ein­schät­zung des UNHCR, Kabul sei nicht sicher, um »eine blo­ße Emp­feh­lung«, statt sich mit den Inhal­ten der Richt­li­ni­en seri­ös aus­ein­an­der­zu­set­zen. Das wider­spricht gel­ten­den Regeln, wonach »genaue und aktu­el­le Infor­ma­tio­nen aus rele­van­ten Quel­len, wie etwa Infor­ma­tio­nen des Hohen Kom­mis­sars der Ver­ein­ten Natio­nen für Flücht­lin­ge (…) ein­ge­holt wer­den« müs­sen (Art. 8 Abs. 2 der EU-Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie).

Die der­zei­ti­ge Asy­l­ent­schei­dungs­pra­xis zeigt, dass ins­be­son­de­re bezüg­lich der inter­nen Flucht­al­ter­na­ti­ve beim Bun­des­amt und bei einem Teil der Ver­wal­tungs­ge­rich­te nicht sorg­sam geprüft wird, wo und für wen eine sol­che gege­ben ist und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen eine sol­che, wenn sie denn behaup­tet wird, über­haupt erreich­bar ist. Das The­ma wird in BAMF-Ent­schei­dun­gen aus jüngs­ter Zeit mit Text­bau­stei­nen und gerin­gem Dif­fe­ren­zie­rungs­grad behan­delt. Über fami­liä­re Unter­stüt­zungs­netz­wer­ke der Zurück­ge­führ­ten wird häu­fig ledig­lich spe­ku­liert. Indi­vi­du­el­le Gefähr­dungs­mo­men­te wer­den weit­ge­hend aus­ge­blen­det. Ins­be­son­de­re allein­ste­hen­de, jun­ge (gesun­de) Afgha­nen hält man ohne nähe­re Prü­fung der Umstän­de für fähig, sich in Kabul oder einer ande­ren Groß­stadt eine Exis­tenz auf­zu­bau­en, selbst wenn sie im Iran gebo­ren und/oder auf­ge­wach­sen sind und Afgha­ni­stan gar nicht ken­nen.

Im Zusam­men­hang mit der letz­ten Sam­mel­ab­schie­bung nach Kabul wur­de bekannt, dass die von IOM betreu­te Über­gangs­un­ter­kunft in der Stadt nicht mehr zur Ver­fü­gung steht. Für Abge­scho­be­ne, die nicht über fami­liä­re oder sons­ti­ge Netz­wer­ke der Unter­stüt­zung ver­fü­gen, ergibt sich dadurch das zusätz­li­che Pro­blem, dass sie ohne Unter­stüt­zung auf die Suche nach einer Unter­kunft gehen müs­sen. Dabei gehen sie, zumal nach län­ge­rer Abwe­sen­heit von Afgha­ni­stan, gro­ße Risi­ken ein, wenn sie sich in der Stadt bewe­gen. Durch rein finan­zi­el­le Unter­stüt­zungs­leis­tun­gen kann die­ses Pro­blem nicht gelöst wer­den.

Nach einem aktu­el­len Bericht des Spe­cial Inspec­tor Gene­ral for Afgha­ni­stan Recon­struc­tion (SIGAR) hat sich die Zahl der von der afgha­ni­schen Regie­rung noch kon­trol­lier­ten Regio­nen wei­ter redu­ziert. Vor allem in umkämpf­ten Gebie­ten, aber auch in Groß­städ­ten fin­den bestän­dig »vio­lent events« statt. Mit Atta­cken auf Distrikt- und Pro­vinz­haupt­städ­te zei­gen die Tali­ban, dass auch in dicht bevöl­ker­ten städ­ti­schen Regio­nen der Über­gang von Gue­ril­lastra­te­gi­en zu flä­chen­de­cken­der ter­ri­to­ria­ler Kon­trol­le mög­lich ist. Die hohen Ver­lust- und Deser­ti­ons­ra­ten bei den afgha­ni­schen Sicher­heits­kräf­ten wer­fen die Fra­ge auf, wo und wie lan­ge der afgha­ni­sche Staat sei­ner Schutz­funk­ti­on noch gerecht wer­den kann.

Vor dem Hin­ter­grund der ver­schärf­ten Sicher­heits­la­ge und der indi­vi­du­el­len Ver­fol­gungs­ge­fahr in Afgha­ni­stan erneu­ert PRO ASYL die For­de­rung nach einem Abschie­bungs­stopp.

 

 

 

 

 

Alle Presse­mitteilungen