12.10.2022

Ges­tern hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt im Fal­le eines eri­trei­schen Geflüch­te­ten ein weg­wei­sen­des Urteil ver­kün­det. Auch die Autoren eines aktu­el­len Gut­ach­tens zum Umgang deut­scher Behör­den mit Schutz­su­chen­den aus Eri­trea kom­men zu dem Ergeb­nis: Wider­rufs­ver­fah­ren, bei denen das BAMF Eritreer*innen den bereits zuer­kann­ten Flücht­lings­schutz mit Ver­weis auf den soge­nann­ten Dia­spo­ras­ta­tus wie­der weg­nimmt, sind umge­hend einzustellen.

PRO ASYL und Con­nec­tion e.V. for­dern das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge dazu auf, sämt­li­che Wider­rufs­ver­fah­ren zu eri­trei­schen Flücht­lin­gen, die sich auf die soge­nann­te Reue­er­klä­rung oder den Dia­spo­ra-Sta­tus bezie­hen, zurück­zu­neh­men und Asyl­ge­su­che nicht mehr mit Bezug dar­auf abzu­leh­nen. Die­se For­de­rung bezieht sich aus­drück­lich auch auf Frau­en, die beson­ders oft von die­sen Wider­rufs­ver­fah­ren betrof­fen sind.  Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat in sei­nem gest­ri­gen Urteil klar­ge­stellt, dass deut­sche Behör­den von eri­trei­schen Geflüch­te­ten nicht ver­lan­gen dür­fen, dass die­se bei eri­trei­schen Behör­den eine Reue­er­klä­rung unter­schrei­ben, um etwa einen Pass oder ähn­li­ches zu erhal­ten. In der Pra­xis betrifft das zum Bei­spiel Eritreer*innen, die ihre Ehe­part­ner oder Kin­der im Rah­men des Fami­li­en­nach­zugs nach­ho­len möch­ten. Neben dem aktu­el­len Urteil macht ein von PRO ASYL und Con­nec­tion e.V. in Auf­trag gege­be­nes Gut­ach­ten deut­lich, dass Betrof­fe­ne den Dia­spo­ra-Sta­tus nicht bekom­men kön­nen und Rückkehrer*innen wei­ter­hin Ver­fol­gung droht.

Seit Jah­ren gehört Eri­trea zu den Haupt­her­kunfts­län­dern von nach Deutsch­land geflüch­te­ten Men­schen. Tau­sen­de flie­hen vor dem dor­ti­gen Mili­tär­dienst, bei dem Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen wie Zwangs­ar­beit und Miss­hand­lun­gen bis hin zu Fol­ter zum schreck­li­chen All­tag gehö­ren. Wegen die­ser Ver­fol­gung haben in der Ver­gan­gen­heit vie­le der Geflüch­te­ten in Deutsch­land Flücht­lings­schutz bekom­men. Doch obwohl sich die Men­schen­rechts­la­ge laut UN-Son­der­be­richt­erstat­ter sogar ver­schlech­tert hat, wer­den mitt­ler­wei­le immer mehr Asyl­su­chen­de aus Eri­trea abge­lehnt und erhal­ten kei­nen Schutz.

2021 begann die BAMF-Außen­stel­le Bam­berg zudem, Flücht­lings­an­er­ken­nun­gen von Eritreer*innen, die wegen des Mili­tär­diens­tes geflo­hen waren, zu wider­ru­fen. Begrün­dung: Sie könn­ten bei der eri­trei­schen Regie­rung den soge­nann­ten Dia­spo­ra-Sta­tus bean­tra­gen und wären damit kei­ner Ver­fol­gung mehr aus­ge­setzt und vom Mili­tär­dienst befreit. Daher, so das Bun­des­amt, ent­fal­le die Grund­la­ge für die Flüchtlingsanerkennung.

„Eri­trea ist ein Unrechts­staat wie er im Buche steht. Men­schen, die es schaf­fen aus dem Land zu flie­hen, brau­chen ganz klar Schutz. Die­sen mit Bezug auf den Dia­spo­ra-Sta­tus oder eine Zumut­bar­keit der Reue­er­klä­rung zu ver­weh­ren, ist ein schwe­rer Feh­ler und wird der Rea­li­tät der Dik­ta­tur nicht gerecht“, stellt Rudi Fried­rich von Con­nec­tion e.V. fest.

Für den Dia­spo­ra-Sta­tus not­wen­di­ge Reue­er­klä­rung unzumutbar

Bei dem Dia­spo­ra-Sta­tus han­delt es sich um eine Rege­lung der eri­trei­schen Regie­rung für im Aus­land leben­de Eritreer*innen (und Dop­pel­staa­ter). Der Sta­tus ermög­licht es ihnen, besuchs­wei­se ohne grö­ße­ren büro­kra­ti­schen Auf­wand ein- und aus­zu­rei­sen, kein Aus­rei­se­vi­sum beschaf­fen zu müs­sen und auch nicht zum Mili­tär­dienst ein­ge­zo­gen zu wer­den. Im Gegen­zug müs­sen sie die soge­nann­te Dia­spo­ra­s­teu­er zah­len sowie eine Reue­er­klä­rung unter­schrei­ben, in der sie beteu­ern, ihre natio­na­len Pflich­ten ver­letzt zu haben und dafür jed­we­de von der Regie­rung ver­häng­te Maß­nah­me zu akzep­tie­ren. Das bedeu­tet sie müs­sen sich letzt­lich dem Regime unter­wer­fen, vor dem sie geflo­hen sind. Ob und in wel­chen Fäl­len dies zumut­bar ist, war lan­ge Zeit umstrit­ten.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat nun mit Urteil vom 11.10.2022 ent­schie­den, dass die Abga­be einer Reue­er­klä­rung, die auch bei Bean­tra­gung eines Natio­nal­pas­ses von den eri­trei­schen Aus­lands­ver­tre­tun­gen ver­langt wird, unzu­mut­bar ist. Die in der Reue­er­klä­rung ent­hal­te­ne Selbst­be­zich­ti­gung einer Straf­tat darf Betrof­fe­nen nicht gegen ihren plau­si­bel bekun­de­ten Wil­len abver­langt wer­den, so das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt. „Was im Zusam­men­hang mit der Bean­tra­gung eines Natio­nal­pas­ses gilt, muss auch hin­sicht­lich der Erlan­gung des Dia­spo­ra-Sta­tus gel­ten. Das Bun­des­amt darf aus Eri­trea Geflo­he­nen nicht mehr den ihnen zuste­hen­den Schutz ver­wei­gern oder die­sen wider­ru­fen“, erklä­ren PRO ASYL und Con­nec­tion e.V.

Gut­ach­ten zeigt: Dia­spo­ra-Sta­tus schützt bei Wider­ruf der Flücht­lings­ei­gen­schaft nicht vor Verfolgung

PRO ASYL und Con­nec­tion e.V. sind den Fra­gen zu den Vor­aus­set­zun­gen und dar­aus fol­gen­den recht­li­chen Garan­tien des Dia­spo­ra-Sta­tus nach­ge­gan­gen und haben ein Gut­ach­ten bei Dr. Reze­ne Mekon­nen und Ama­nu­el Yohan­nes in Auf­trag gege­ben, aus­ge­wie­se­nen Exper­ten des eri­trei­schen Rechts­sys­tems. Die­ses liegt nun in deut­scher Über­set­zung vor. Die Gut­ach­ter kom­men zu dem Ergeb­nis, dass einen Dia­spo­ra-Sta­tus nur bekommt, wer einen gesi­cher­ten Auf­ent­halt im Aus­land hat. Wider­ruft das BAMF also die Flücht­lings­an­er­ken­nung, kön­nen die Betrof­fe­nen gar kei­nen Dia­spo­ra-Sta­tus erhal­ten. Die­se Fra­ge hat das Bun­des­amt bei sei­nen Ent­schei­dun­gen bis­her ignoriert.

„Das Bun­des­amt hat ohne Kennt­nis dar­über, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen der Dia­spo­ra-Sta­tus zu erhal­ten ist, Flücht­lings­an­er­ken­nun­gen wider­ru­fen. Men­schen, die vor dem eri­trei­schen Regime geflo­hen sind, wur­de der Schutz unrecht­mä­ßig ent­zo­gen“, sagt Peter von Auer, rechts­po­li­ti­scher Spre­cher von PRO ASYL.

Die Gut­ach­ter zei­gen außer­dem auf, dass auch der Dia­spo­ra-Sta­tus nicht vor Ver­fol­gungs­maß­nah­men der Regie­rung schützt und illus­trie­ren das an Fall­bei­spie­len. Zudem machen sie deut­lich, dass Per­so­nen bei Rück­kehr nach Eri­trea den Dia­spo­ra-Sta­tus wie­der ver­lie­ren und damit wie alle ande­ren Eritreer*innen behan­delt wer­den. Die Flücht­lin­ge könn­ten dann erneut in den Mili­tär­dienst ein­ge­zo­gen wer­den und genau die Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen erlei­den, vor denen sie ursprüng­lich geflo­hen waren.

Die Lei­tung des Bun­des­am­tes hat bereits vor dem oben genann­ten Urteil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts zuge­si­chert, dass es kei­ne sol­chen Wider­ru­fe mehr geben wür­de. PRO ASYL und das Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rungs­netz­werk Con­nec­tion e.V. for­dern das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge ange­sichts die­ses Urteils aber auch des Gut­ach­tens dazu auf, unver­züg­lich sämt­li­che noch bestehen­den Wider­rufs­be­schei­de gegen aner­kann­te eri­trei­sche Flücht­lin­ge auf­zu­he­ben und Asyl­ge­su­che nicht mehr mit dem Ver­weis auf den Dia­spo­ra-Sta­tus abzulehnen.

Alle Presse­mitteilungen