21.09.2018

PRO ASYL appel­liert an den Bun­des­rat den Gesetz­ent­wurf abzu­leh­nen

Der aktu­el­le Gesetz­ent­wurf zur Erwei­te­rung der sog. »siche­ren Her­kunfts­län­der« ist aus Sicht von PRO ASYL ver­fas­sungs- und euro­pa­rechts­wid­rig. Er gibt dem Dau­er­asyl­streit ohne fak­ti­sche Grund­la­ge neue Nah­rung. Weder hat sich die Men­schen­rechts­la­ge in den ent­spre­chen­den Län­dern ver­än­dert, noch hat die Ein­stu­fung als »siche­res Her­kunfts­land« tat­säch­li­che Rele­vanz für die Fra­ge, ob abge­scho­ben wer­den kann. »Das per­ma­nen­te Hoch­zie­hen die­ser The­ma­tik spielt Rechts­po­pu­lis­ten in die Hän­de und unter­gräbt das Bewusst­sein, dass der Rechts­staat nach Regeln abläuft, in denen die Gerich­te die Behör­den kon­trol­lie­ren und Fehl­ent­schei­dun­gen kor­ri­gie­ren,« kri­ti­siert Gün­ter Burk­hardt, Geschäfts­füh­rer von PRO ASYL, »grün und rot mit­re­gier­te Bun­des­län­der müs­sen die­sen Gesetz­ent­wurf stop­pen.«

Gegen die Ein­stu­fung spre­chen gra­vie­ren­de Beden­ken. Ers­tens feh­len die ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Ein­stu­fung von Alge­ri­en, Marok­ko, Tune­si­en und Geor­gi­en als »siche­re« Her­kunfts­staa­ten. Eine Ein­stu­fung die­ser Län­der wider­spricht den Vor­ga­ben des Ver­fas­sungs­ge­richts, wonach Sicher­heit vor Ver­fol­gung »lan­des­weit und für alle Per­so­nen- und Bevöl­ke­rungs­grup­pen bestehen« muss (BVerfG, Beschluss v. 14. Mai 1996, 2 BvR 1507/93, 2 BvR 1508/93). In Alge­ri­en ist Homo­se­xua­li­tät nach wie vor straf­bar. Dabei wer­de Homo­se­xua­li­tät schon dann »straf­recht­lich rele­vant, wenn sie öffent­lich sicht­bar gelebt wird.« (GE, S. 11). In Marok­ko kann die eige­ne Mei­nung nicht frei geäu­ßert wer­den. Auch in Tune­si­en wer­den »homo­se­xu­el­le Hand­lun­gen von Män­nern und Frau­en mit Haft­stra­fen von drei Jah­ren belegt« (GE, S. 19). In Geor­gi­en müs­sen Ange­hö­ri­ge sexu­el­ler Min­der­hei­ten im gesell­schaft­li­chen und beruf­li­chen Leben eben­falls mit unglei­cher Behand­lung bis hin zu ein­zel­nen Über­grif­fen rech­nen (GE, S. 9).

Zwei­tens igno­riert der Gesetz­ent­wurf die Grund­satz­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on (EuGH) vom 19. Juni 2018, nach der abge­lehn­te Antrag­stel­le­rIn­nen die Mög­lich­keit haben müs­sen, in Deutsch­land zu kla­gen, ohne dass sie wäh­rend­des­sen abge­scho­ben wer­den dür­fen (Urteil v. 19.06.2018, C-181/16). Bei Men­schen aus »siche­ren Her­kunfts­län­dern«, die als offen­sicht­lich unbe­grün­det abge­lehnt wer­den, ist eine Abschie­bung wäh­rend des lau­fen­den Ver­fah­rens nach deut­schem Recht noch mög­lich (§ 75 i.V.m. § 36 AsylG). Damit ist zwin­gend eine gesetz­li­che Ände­rung erfor­der­lich. Sie fehlt im Ent­wurf völ­lig.

Drit­tens ist ins­be­son­de­re ein effek­ti­ver Rechts­schutz für »beson­de­re vul­nera­ble Grup­pen« nicht gewähr­leis­tet. Durch die Iso­la­ti­on und Abschir­mung der Betrof­fe­nen in die­sen Zen­tren wird der Zugang zu Gerich­ten enorm erschwert, Fehl­ent­schei­dun­gen der Behör­den kön­nen kaum noch kor­ri­giert wer­den. Fatal ist: Die von der Regie­rung ver­spro­che­ne, unab­hän­gi­ge, flä­chen­de­cken­de Asyl­ver­fah­rens­be­ra­tung fin­det im aktu­el­len Gesetz­ent­wurf nicht ein­mal Erwäh­nung. Die – im Koali­ti­ons­ver­trag im Kon­text der Asyl­su­chen­den aus »siche­ren Her­kunfts­staa­ten« ver­ein­bar­te – »spe­zi­el­le Rechts­be­ra­tung für beson­de­re vul­nera­ble Flucht­grup­pen« (KV, Z. 5060 ff.) gibt es bis­her nicht.

Vier­tens: Das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um begrün­det die Ein­stu­fung zu »siche­ren Her­kunfts­staa­ten« auch damit, dass die Aner­ken­nungs­quo­ten der Antrag­stel­le­rIn­nen aus die­sen Län­dern so gering sei­en. Dabei wer­den die Quo­ten sei­tens der Bun­des­re­gie­rung künst­lich her­un­ter­ge­rech­net. Bei der Fra­ge, zu wel­chem Anteil Men­schen aus einem bestimm­ten Her­kunfts­land schutz­be­dürf­tig sind oder nicht, dür­fen nur die Ableh­nun­gen nega­tiv berück­sich­tigt wer­den, die inhalt­lich wegen einer feh­len­den Schutz­be­dürf­tig­keit abge­lehnt wur­den (»berei­nig­te Quo­te«). Tat­säch­lich aber wer­den von der Bun­des­re­gie­rung auch die for­mel­len Ableh­nun­gen mit ein­ge­rech­net, was die Schutz­quo­ten nach unten drückt (»unbe­rei­nig­te« Quo­te). Wäh­rend bei­spiels­wei­se bei Tune­si­en das BMI für das ers­te Halb­jahr 2018 von einer Aner­ken­nungs­quo­te von 2,7 Pro­zent spricht, liegt die berei­nig­te Gesamt­schutz­quo­te bei 6,4 Pro­zent. Bei Marok­ko steht die gedrück­te Quo­te von 4,6 Pro­zent einer tat­säch­li­chen Quo­te von 9,3 Pro­zent gegen­über, bei Alge­ri­en 2,2 zu 5,5 Pro­zent.

Ange­sichts die­ser Fak­ten spre­chen alle ratio­na­len und rechts­staat­li­che Grün­de für sorg­fäl­ti­ge Asyl­ver­fah­ren und gegen die pau­scha­li­sie­ren­de Ein­stu­fung als »siche­re Her­kunfts­län­der«.

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