05.04.2018

PRO ASYL kri­ti­siert: Sozia­le Selek­ti­on wür­de den Fami­li­en­nach­zug end­gül­tig ad absur­dum füh­ren

Mit dem Res­sort­ent­wurf eines »Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rungs­neu­re­ge­lungs­ge­set­zes« (FzNeuG) ver­schärft Bun­des­in­nen­mi­nis­ter See­ho­fer ins­be­son­de­re die Nach­zugs­re­ge­lun­gen für sub­si­di­är geschütz­te Flücht­lin­ge. Eine Neu­re­ge­lung war in der Koali­ti­ons­ver­ein­ba­rung vor­ge­se­hen. Was jetzt vor­liegt, geht über das dort Ver­ein­bar­te weit hin­aus. Es ist der Ver­such aus­zu­tes­ten, inwie­weit man mit dem Koali­ti­ons­part­ner SPD Schlit­ten fah­ren kann und zugleich ein wei­te­rer Bei­trag zum baye­ri­schen Vor­wahl­kampf.

Emp­fän­ger von Hartz IV-Leis­tun­gen unter den sub­si­di­är Geschütz­ten sol­len künf­tig kei­nen Anspruch auf den Nach­zug der Kern­fa­mi­lie haben. Das ist eben­so absurd wie inak­zep­ta­bel. Flücht­lin­ge im Sin­ne der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on und sub­si­di­är Geschütz­te wer­den im Euro­pa­recht glei­cher­ma­ßen als »inter­na­tio­nal Schutz­be­rech­tig­te« bezeich­net und befin­den sich in Sachen Fami­li­en­tren­nung bzw. -nach­zug in der­sel­ben Lage. Ihr Fami­li­en­le­ben kann nicht anders gewähr­leis­tet wer­den als durch die Zusam­men­füh­rung in dem Staat, der einem Fami­li­en­teil Schutz zuge­spro­chen hat. Bei bei­den Grup­pen ist unab­seh­bar, wie lan­ge die Situa­ti­on der Schutz­be­dürf­tig­keit dau­ern wird.

Der Not­wen­dig­keit, bei­de Per­so­nen­grup­pen gleich zu behan­deln, hat der Gesetz­ge­ber – die letz­te Gro­Ko – mit dem »Gesetz zur Neu­be­stim­mung des Blei­be­rechts und der Auf­ent­halts­be­en­di­gung« (in Kraft getre­ten zum 1.8.2015) Rech­nung getra­gen. Nun soll – kei­ne drei Jah­re spä­ter – die fälsch­li­cher­wei­se oft als »Pri­vi­le­gie­rung« der sub­si­di­är Schutz­be­dürf­ti­gen bezeich­ne­te Rege­lung abge­schafft wer­den. Ver­steckt wird das Gan­ze im unschein­bar daher­kom­men­den Abs. 4 des ins Auf­ent­halts­ge­setz neu ein­ge­füg­ten § 36 a.

Die Siche­rung des Lebens­un­ter­hal­tes und der Nach­weis vor­han­de­nen Wohn­raums als Vor­aus­set­zung für den Nach­zug waren nicht Bestand­teil der Koali­ti­ons­ver­ein­ba­rung. Für Flücht­lin­ge jed­we­den Schutz­sta­tus ist es in den wenigs­ten Fäl­len mög­lich, schon kurz nach unan­fecht­ba­rer Aner­ken­nung ihren Lebens­un­ter­halt in vol­lem Umfang sicher­zu­stel­len. (Erläu­te­rung: Um den Anspruch zu sichern, müs­sen sub­si­di­är Geschütz­te bin­nen drei Mona­ten nach Zuspre­chung des Sta­tus den Antrag auf Ertei­lung des Visums stel­len.)

Mit der Neu­re­ge­lung wäre der Fami­li­en­nach­zug zu Emp­fän­gern von Sozi­al­leis­tun­gen mit sub­si­diä­rem Schutz­sta­tus fak­tisch aus­ge­schlos­sen. Die Rege­lung wäre ein Mit­tel sozia­ler Selek­ti­on. Fami­li­en­ein­heit für eine Hand­voll mate­ri­ell Gut­ge­stell­ter anstel­le men­schen­recht­li­cher Ansprü­che aus Art. 8 in Ver­bin­dung mit Art. 14 der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on.

Auch mit dem Aus­schluss von Geschwis­ter­kin­dern vom Nach­zug geht See­ho­fer über die Koali­ti­ons­ver­ein­ba­rung hin­aus, was bei der SPD nicht unbe­merkt geblie­ben ist.

Hin­ge­gen ent­hält der Ent­wurf kei­ne kla­ren Aus­sa­gen, nach wel­chen Kri­te­ri­en Men­schen in das Zusam­men­füh­rungs­kon­tin­gent von 1000 Per­so­nen auf­ge­nom­men wer­den kön­nen. Offen­bar soll auch noch eine Art Gna­den­recht mög­lichst unprä­zi­se blei­ben – viel Platz für Schi­ka­nen nach Ermes­sen der Aus­län­der­be­hör­den in Koope­ra­ti­on mit den Aus­lands­ver­tre­tun­gen.

Drin­gen­de huma­ni­tä­re Grün­de kön­nen wei­ter­hin auch bei sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten z.B. im Rah­men von § 22 Auf­en­thG berück­sich­tigt wer­den (sog. »Här­te­fall­re­ge­lung«). Die meis­ten, die die­se Tür benut­zen wol­len, wer­den wenig Chan­cen haben. 66 Visa, die auf die­se Wei­se inner­halb von zwei Jah­ren erteilt wur­den, zei­gen die mar­gi­na­le Bedeu­tung die­ser Rege­lung, die einen ver­fas­sungs­recht­lich ver­bürg­ten Anspruch (Art. 6 GG) nicht erset­zen kann.

PRO ASYL hat sich in einer Peti­ti­on an den Bun­des­tag aus­führ­lich zur Pro­ble­ma­tik der Aus­set­zung des Fami­li­en­nach­zugs zu sub­si­di­är Geschütz­ten geäu­ßert.

Sach­stand 5. April 2018, 10 Uhr.

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