15.10.2015

PRO ASYL appel­liert an die Bun­des­kanz­le­rin sich nicht von flücht­lings­feind­li­chen Stim­mun­gen trei­ben zu las­sen, son­dern beim heu­ti­gen EU-Gip­fel die Men­schen­rech­te zur Grund­la­ge ihres Han­delns zu machen. Die dis­ku­tier­te Ein­stu­fung der Tür­kei ist rea­li­täts­fern und zeigt wie absurd das Kon­zept der siche­ren Her­kunfts­län­der ist. „Die Rea­li­tät soll zurecht­ge­bo­gen wer­den bis sie passt.“, kri­ti­siert Gün­ter Burk­hardt von PRO ASYL. „Das Leit­mo­tiv  scheint zu sein, Augen zu und Gren­zen dicht, kos­te es was es wol­le.“  PRO ASYL spricht sich vehe­ment gegen die Ein­stu­fung der Tür­kei als siche­res Her­kunfts­land aus. Die EU darf die Ver­fol­gung von Oppo­si­tio­nel­len und das men­schen­rechts­wid­ri­ge Vor­ge­hen gegen die kur­di­sche Bevöl­ke­rung nicht ein­fach aus­blen­den und dadurch legi­ti­mie­ren. In Deutsch­land wer­den rund 25% aller Schutz­su­chen­den (2014 und 2015), bei denen inhalt­lich ent­schie­den wird, aner­kannt.

Auch die heu­te im Deut­schen Bun­des­tag dis­ku­tier­te Ein­stu­fung wei­te­rer Bal­kan­staa­ten als sicher lehnt PRO ASYL ab. Auch wenn es eine Arbeits­mi­gra­ti­on gibt, heißt dies noch lan­ge nicht, dass dies Staa­ten sind, die die Men­schen­rech­te ach­ten.  Kri­ti­sche Jour­na­lis­ten, Roma oder Homo­se­xu­el­le wer­den drang­sa­liert und dis­kri­mi­niert.  Der Ein­zel­fall ist zu prü­fen.

Mit dem Kon­zept der „siche­ren Her­kunfts­staa­ten“ wird Schutz­su­chen­den aus den ent­spre­chen­den Län­dern pau­schal unter­stellt, kei­ne Schutz­grün­de nach­wei­sen zu kön­nen.  Den Schutz­su­chen­den wird eine kaum zu bewäl­ti­gen­de Beweis­last auf­ge­bür­det, um das Gegen­teil zu bewei­sen.

Euro­pa­weit lie­gen die Chan­cen auf Aner­ken­nung weit aus­ein­an­der, außer­dem ver­än­dern sie sich ste­tig. Län­der wer­den nach poli­ti­scher Oppor­tu­ni­tät und im Diens­te einer ver­stärk­ten Abschie­be­po­li­tik als sicher dekla­riert. Die Men­schen­rechts­la­ge in den für die Lis­te vor­ge­se­he­nen Bal­kan-Län­dern ist deso­lat, Min­der­hei­ten erlei­den sys­te­ma­ti­sche Aus­gren­zung und Dis­kri­mi­nie­rung.  Dass über­haupt in Erwä­gung gezo­gen wird, die Tür­kei, in der die poli­ti­sche Ver­fol­gung von Oppo­si­tio­nel­len an der Tages­ord­nung liegt, als sicher ein­zu­stu­fen, zeigt wie rea­li­täts­fern und gefähr­lich der Vor­stoß ist.

Der Ent­wurf der EU-Kom­mis­si­on sieht vor, zunächst fol­gen­de Län­der auf die Lis­te zu set­zen: Alba­ni­en, Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na, Maze­do­ni­en, Koso­vo, Mon­te­ne­gro und Tür­kei. Der Euro­päi­sche Flücht­lings­rat ECRE hat den Vor­schlag der Kom­mis­si­on in einem Aus­führ­li­chen Kom­men­tar deut­lich kri­ti­siert. Das Kon­zept „siche­rer Her­kunfts­staa­ten“ lau­fe der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on ent­ge­gen, wonach die dar­in fest­ge­hal­te­nen Bestim­mun­gen ohne unter­schied­li­che Behand­lung auf­grund des Her­kunfts­lan­des anzu­wen­den sind (Arti­kel 3, GFK).  Lis­ten „siche­rer Her­kunfts­län­der“ „tra­gen wei­ter zu der Pra­xis  der Ste­reo­ty­pi­sie­rung bestimm­ter Anträ­ge auf Grund­la­ge der Natio­na­li­tät bei und erhö­hen das Risi­ko, dass sol­che Anträ­ge kei­ner ein­ge­hen­den Prü­fung der Furcht einer Per­son vor indi­vi­du­el­ler Ver­fol­gung oder ernst­haf­tem Scha­den unter­zo­gen wer­den“, so ECRE.

Von „sicher“ kann nicht die Rede sein

Unter ande­rem ver­weist ECRE auf die teil­wei­se hohen und weit aus­ein­an­der­lie­gen­den Aner­ken­nungs­quo­ten für Asyl­su­chen­de aus den ent­spre­chen­den Län­dern im euro­päi­schen Ver­gleich. 2014 lagen die EU-wei­ten Aner­ken­nungs­quo­ten der vor­ge­schla­ge­nen Län­der im euro­päi­schen Durch­schnitt bei 7,8% im Fall von Alba­ni­en, bei Schutz­su­chen­den aus Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na bei 4,6%, aus Maze­do­ni­en bei 0,9%, aus Koso­vo bei 6,3%, Mon­te­ne­gro  3%, Ser­bi­en 1,8% und Tür­kei bei 23,1%.

Für das ers­te und zwei­te Quar­tal 2015 lie­gen die EU-wei­te Aner­ken­nungs­quo­te (inklu­si­ve der Schen­gen-asso­zi­ier­ten Staa­ten) für die Tür­kei bereits bei 28,1% (Q1) bzw. 29,3% (Q2). In man­chen Län­dern sind sie weit­aus höher (in Ita­li­en bei 75% bzw. 72,2%, in der Schweiz bei 72,7% bzw. 68,2%). Auch die Aner­ken­nungs­quo­te für Alba­ni­en stieg im ers­ten Quar­tal 2015 auf 10,4%. Je nach­dem, wo das Schutz­ge­such ein­ge­reicht wur­de, waren die Chan­cen auf Aner­ken­nung sehr unter­schied­lich: In Groß­bri­tan­ni­en betrug die Aner­ken­nungs­quo­te 17,4%, in Frank­reich 12,9% und in Deutsch­land ledig­lich 1,6%.

Bun­des­in­nen­mi­nis­ter de Mai­ziè­re unter­stütz­te kürz­lich den auf EU-Ebe­ne dis­ku­tier­ten Vor­schlag, die Tür­kei als siche­res Her­kunfts­land ein­zu­stu­fen. 

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