27.10.2020

PRO ASYL und der Baye­ri­sche Flücht­lings­rat sind ent­setzt über die geplan­te Abschie­bung nach Soma­lia und Äthio­pi­en heu­te Abend und über die Mel­dung, dass auch Abschie­bun­gen nach Afgha­ni­stan wie­der erfol­gen könn­ten. PRO ASYL und Lan­des­flücht­lings­rä­te for­dern einen gene­rel­len Abschie­bungs­stopp wäh­rend der Corona-Pandemie.

„In die­sen Zei­ten noch schnell eine Abschie­bung durch­zu­zie­hen, bevor der nächs­te Lock­down kommt, zeugt von einer aus­ge­präg­ten Kalt­schnäu­zig­keit. Heu­te geht ein Flie­ger ins Kri­sen­land Soma­lia und nach Äthio­pi­en – nächs­ten Monat dann wie­der nach Afgha­ni­stan? Wir for­dern einen gene­rel­len Abschie­bungs­stopp wäh­rend der Coro­na-Pan­de­mie!“, so Gün­ter Burk­hardt, Geschäfts­füh­rer von PRO ASYL.

Ver­schie­de­ne Infor­ma­tio­nen wei­sen dar­auf hin, dass am Abend des 27. Okto­bers eine Abschie­bung vom Flug­ha­fen Mün­chen nach Soma­lia und Äthio­pi­en geplant ist. Betrof­fe­ne Per­so­nen wur­den vor­ab zum Covid-19-Test ein­be­stellt, zum Teil mit Hin­weis auf „auf­ent­halts­be­en­di­gen­der Maß­nah­men“, zum Teil ohne eine sol­che Infor­ma­ti­on. Nach­dem sich die afgha­ni­sche Regie­rung über den Som­mer gegen Abschie­bun­gen aus Euro­pa ver­wehrt hat­te, las­sen nun Mel­dun­gen dar­auf schlie­ßen, dass ab Novem­ber auch aus Deutsch­land wie­der Abschie­bun­gen in das wei­ter­hin von Anschlä­gen und Kampf­hand­lun­gen gebeu­tel­te Land durch­ge­führt wer­den könnten.

„Meh­re­re der Soma­li, die von der heu­ti­gen Abschie­bung betrof­fen sein sol­len, sind in fes­ten Arbeits­ver­hält­nis­sen, bei zwei­en lau­fen Anträ­ge an die Här­te­fall­kom­mis­si­on. Wir ver­ur­tei­len die Abschie­be­be­mü­hun­gen von sehr gut inte­grier­ten Flücht­lin­gen. Bay­ern beweist mal wie­der, dass Abschie­bung vor Ver­nunft geht. Egal was Mar­kus Söder sagt: In Zei­ten der Pan­de­mie glänzt die baye­ri­sche Regie­rung mal wie­der als schlech­tes Vor­bild“, kri­ti­siert Ste­phan Dünn­wald, Spre­cher des Baye­ri­schen Flüchtlingsrats.

Abschie­bun­gen wäh­rend einer Coro­na-Pan­de­mie sind unver­ant­wort­lich. Wäh­rend Kanz­le­rin Ange­la Mer­kel ein­dring­lich rät, „alle nicht not­wen­di­gen Rei­sen zu unter­las­sen“, wird die­se Maß­ga­be bei Abschie­bun­gen in den Wind geschla­gen. Abschie­bun­gen sind kei­ne not­wen­di­gen Reisen!

Hin­ter­grund

Soma­lia ist seit Aus­bruch des Bür­ger­kriegs Anfang der 1990er ein soge­nann­ter »fra­gi­ler Staat« und oft­mals das Lehr­buch­bei­spiel für Staats­zer­fall. Die Zen­tral­re­gie­rung hat trotz man­cher Fort­schrit­te nur wenig Macht, es gibt ver­schie­de­ne ver­fein­de­te Grup­pie­run­gen im Land und Tei­le des Lan­des ste­hen unter der Kon­trol­le der isla­mis­ti­schen Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on Al-Shaba­ab, durch die es auch regel­mä­ßig zu ver­hee­ren­den Anschlä­gen kommt, so auch im Sep­tem­ber in Kis­ma­yo und Moga­di­schu sowie im Okto­ber in Moga­di­schu. Soma­li­as Gesund­heits­sys­tem ist bloß ein Kon­strukt: Die weni­gen öffent­li­chen Kran­ken­häu­ser kämp­fen mit man­geln­der Aus­stat­tung, nicht-akkre­di­tier­te Ärzt*innen in pri­va­ten Ein­rich­tun­gen bie­ten unbe­zahl­ba­re Leis­tun­gen an, Medi­ka­men­te sind knapp oder min­der­wer­tig. Das Arzt-Pati­en­ten-Ver­hält­nis gehört zu den schlech­tes­ten der Welt – auf 1.000 Men­schen kom­men nur etwa 0,02 Ärzt*innen. In Soma­lia leben 15 Mil­lio­nen Men­schen. Doch im gan­zen Land gibt es nur 15 Inten­siv­bet­ten. Laut dem Guar­di­an könn­te die Coro­na-Pan­de­mie der Trop­fen sein, der das Fass der vie­len Pro­ble­me in Soma­lia zum über­lau­fen bringt.

Die Län­der am Horn von Afri­ka, wie Soma­lia und Äthio­pi­en, sind seit Ende letz­ten Jah­res von der schlimms­ten Heu­schre­cken­pla­ge seit Jahrz­en­ten betrof­fen. Die­se zer­stört die Ern­ten und damit Lebens­grund­la­gen von Landwirt*innen und Viehzüchter*innen und schließ­lich auch die Ernäh­rung der gesam­ten Bevöl­ke­rung. Im Nord­os­ten Äthio­pi­ens und im Nor­den Soma­li­as wer­den aktu­ell neue Schwär­me beob­ach­tet, die sich auf­grund der Win­de rasch ver­brei­ten könnten.

Im März star­te­te der letz­te Abschie­bungs­flie­ger aus Deutsch­land nach Afgha­ni­stan, auf­grund der Coro­na-Pan­de­mie ver­wei­ger­te die afgha­ni­sche Regie­rung eine Zeit lang Rück­füh­run­gen in das wei­ter­hin von Anschlä­gen und Kampf­hand­lun­gen gebeu­tel­te Land, wur­de aber von euro­päi­schen Regie­run­gen unter Druck gesetzt, wie­der Abschie­bun­gen zu akzep­tie­ren. Die­ser Druck zeigt nun Wir­kung, laut Mel­dung von Tho­mas Rut­tig hat die afgha­ni­sche Regie­rung nun Abschie­bun­gen wie­der zuge­stimmt. Die huma­ni­tä­re Lage hat sich in Afgha­ni­stan durch COVID-19 der­art ver­schlech­tert, dass immer mehr Ver­wal­tungs­ge­rich­te in Deutsch­land auch für jun­ge und gesun­de Män­ner ein Abschie­bungs­ver­bot fest­stel­len (vgl. VG Kas­sel, Urteil vom 10.06.2020 – 7 K 3425/17.KS.A; VG Karls­ru­he, Urteil vom 03.06.2020 – A 19 K 14017/17; VG Arns­berg, Urteil vom 02.07.2020, 6 K 2576/17.A; VG Han­no­ver, Urteil vom 09.07.2020, 19 A 11909/17; VG Sig­ma­rin­gen, Urteil vom 24.06.2020, A 6 K 4893/17; VG Wies­ba­den, Urteil vom 19.08.2020 – 7 K 5030/17.WI.A).

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