29.07.2020

Her­bert Leu­n­in­ger war Mit­be­grün­der und der cha­ris­ma­ti­sche Spre­cher von PRO ASYL und Kopf der PRO ASYL Bewe­gung, als es um den Kahl­schlag des Asyl­rechts in Deutsch­land 1993 ging. Er kämpf­te gegen Ras­sis­mus und rechts­ex­tre­me Gewalt und pran­ger­te eine Poli­tik an, die immer wie­der davor ein­ge­knickt war. Her­bert Leu­n­in­ger hat sein Leben der Ver­tei­di­gung von Flücht­lings- und Men­schen­rech­ten gewid­met. Her­bert Leu­n­in­ger ist am 28. Juli im Alter von 87 Jah­ren in Lim­burg gestor­ben.

»Wenn Staat und Behör­den ihre ver­damm­te Pflicht und Schul­dig­keit nicht mehr täten, fällt den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern die Auf­ga­be zu, die Ein­hal­tung der Men­schen­rech­te mit allem Nach­druck ein­zu­for­dern. Dies ist kein pri­va­tes Hob­by, dies ist eine öffent­li­che Auf­ga­be«, for­mu­lier­te Her­bert Leu­n­in­ger im Jahr 2011.

In der Tra­di­ti­on des Wider­stan­des

Leu­n­in­gers Wir­ken ist tief vom Wis­sen geprägt, was es bedeu­tet, in einer Gesell­schaft zu leben, in der  Bar­ba­rei und Unrecht herr­schen. Als die Natio­nal­so­zia­lis­ten an die Macht kom­men, ist er noch ein Kind. Die Eltern, Alo­is und Eli­sa­beth Leu­n­in­ger, sind über­zeug­te »Anti-Nazi«, Onkel Franz Leu­n­in­ger, christ­li­cher Gewerk­schaf­ter und Wider­stands­kämp­fer gegen das NS-Regime wird am 1. März 1945 im Straf­ge­fäng­nis Ber­lin-Plöt­zen­see erhängt. Her­bert Leu­n­in­ger gehört einer Genera­ti­on an, die den Kampf für die Men­schen­rech­te als exis­ten­ti­el­le Auf­ga­be begreift.

Er wird katho­li­scher Pfar­rer und wid­met sei­ne Arbeit den­je­ni­gen, die ihrer Stim­me beraubt und ohne Rech­te sind – den Flücht­lin­gen. Von 1972 bis 1992 wird Leu­n­in­ger Migra­ti­ons­re­fe­rent des Bischofs von Lim­burg.

»Hun­gern für Häu­ser«

Am Grün­dungs­akt von PRO ASYL nahm der Grün­der nicht teil: Her­bert Leu­n­in­ger trat wegen der men­schen­un­wür­di­gen Zelt­un­ter­brin­gung für Asyl­su­chen­de in den Hun­ger­streik. Am 8. Sep­tem­ber, dem Grün­dungs­tag von PRO ASYL, befin­det er sich im Hun­ger­fas­ten und will so lan­ge im Lager Schwalbach/Taunus ver­blei­ben, bis die Zel­te für die Flücht­lin­ge abge­baut sind. Der Pro­test trägt Früch­te: Nach fünf Tagen wer­den die Zel­te abge­baut.

Grün­dung von PRO ASYL

Leu­n­in­ger grün­det zusam­men mit Jür­gen Micksch und ande­ren Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten aus Kir­chen, Gewerk­schaf­ten, Ver­bän­den und Flücht­lings­in­itia­ti­ven die Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on PRO ASYL. Bis 1994 ist er der Spre­cher der Orga­ni­sa­ti­on, im Anschluss bis 1998 ihr Euro­pa-Refe­rent.

Anfang der 90-er Jah­re erschüt­tern ras­sis­ti­sche Angrif­fe auf Migrant*innen und Asyl­su­chen­de das Land. Flan­kiert wer­den sie von einer häss­li­chen, men­schen- und flücht­lings­feind­li­chen Debat­te, die sich bis in den Bon­ner Bun­des­tag den Weg bahnt. Das Recht auf Asyl soll­te weit­ge­hend abge­schafft wer­den. 

Der Kampf um das Asyl­recht

1992 und 1993 mobi­li­siert PRO ASYL mit einer gro­ßen Kam­pa­gne für den Erhalt des Asyl­rechts nach Arti­kel 16 Grund­ge­setz. Am 3. Okto­ber 1992 pro­tes­tie­ren weit über 100.000 Men­schen im Bon­ner Hof­gar­ten gegen Ras­sis­mus und für das Grund­recht auf Asyl. Her­bert Leu­n­in­ger hat das Schluss­wort: »Mit knap­pen Sät­zen habe ich den bun­des­deut­schen Ver­fas­sungs­schutz aufs Korn genom­men. Die­ser, so sag­te ich, küm­me­re sich um vie­les ande­re, nur nicht um die Ver­fas­sung. Des­we­gen sei­en wir als Bür­ge­rin­nen und Bür­ger unmit­tel­bar auf­ge­ru­fen. Stak­ka­to brüll­te ich ins Mikro­fon: „WIR – SIND – DER – VERFASSUNGSSCHUTZ!« erin­nert sich Leu­n­in­ger.

Leu­n­in­ger ist auch am 26. Mai 1993 in der rie­si­gen Men­schen­men­ge, die den Bon­ner Bun­des­tag blo­ckiert. Die Abge­ord­ne­ten errei­chen das Gebäu­de nur noch über eine Schiffs­an­le­ge­stel­le am Rhein. Der Pro­test ist ver­ge­bens: Der Bun­des­tag ändert das Grund­recht auf Asyl. Nur weni­ge Tage spä­ter, am 5. Juni 1993 wird Her­bert Leu­n­in­ger bei einer Soli­da­ri­täts­kund­ge­bung in Solin­gen nach den rechts­ex­tre­mis­ti­schen Mor­den an fünf Ange­hö­ri­gen der Fami­lie Genç mah­nen: »Eine Poli­tik, die um rechts buhlt, führt uns in die Kata­stro­phe!«

Ein Jahr nach dem Ein­schnitt in das Grund­recht auf Asyl beschreibt er die neue Asyl­po­li­tik als »das kon­zer­tier­te AB« – Abschot­tung, Abschie­bung, Abschre­ckung. Her­bert Leu­n­in­ger ver­zagt ange­sichts des grund­recht­li­chen Kahl­schlags nicht. Nach dem ver­geb­li­chen Kampf für den Erhalt eines Grund­rechts basie­rend auf den Erfah­run­gen der Nazi­dik­ta­tur gibt Her­bert Leu­n­in­ger die Rich­tung vor: PRO ASYL muss sich der euro­päi­schen Her­aus­for­de­rung stel­len. Es geht um den Erhalt des Asyl­rechts in Euro­pa, ja welt­weit. Die Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on und die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on müs­sen ver­tei­digt wer­den: Es geht um den Erhalt des Zugangs zu einem Recht auf Asyl. Noch kurz vor sei­nem Tod ließ er sich über die Anstren­gun­gen und Pro­jek­te von PRO ASYL in Grie­chen­land und an Euro­pas Gren­zen berich­ten.

Leu­n­in­gers Wir­ken wird mehr­fach aus­ge­zeich­net: 1991 mit der Wil­helm-Leu­sch­ner-Medail­le der Hes­si­schen Lan­des­re­gie­rung, 1998 mit dem Wal­ter-und-Mari­an­ne-Dirks-Preis (gemein­sam mit sei­nem Bru­der Ernst Leu­n­in­ger).

Wir trau­ern um einen gro­ßen Men­schen und uner­setz­ba­ren Mit­strei­ter für die Rech­te Schutz­su­chen­der. Unser Mit­ge­fühl gilt sei­ner Fami­lie.

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