24.11.2022

Dass die Leis­tun­gen für allein­ste­hen­de und allein­er­zie­hen­de Asyl­su­chen­de und Gedul­de­te in Sam­mel­un­ter­künf­ten seit 2019 um zehn Pro­zent gekürzt wer­den, ist verfassungswidrig. 

Im Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts heißt es: „Weder im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren noch im ver­fas­sungs­recht­li­chen Ver­fah­ren wur­de hin­rei­chend trag­fä­hig begrün­det, dass tat­säch­lich die Mög­lich­keit besteht, die­se Ein­spa­run­gen durch gemein­sa­mes Wirt­schaf­ten in Sam­mel­un­ter­künf­ten zu erzie­len.“ (Rn 90) Die­ses Urteil zum Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz fäll­te heu­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in einem von PRO ASYL unter­stüt­zen Verfahren.

Men­schen­wür­di­ges Exis­tenz­mi­ni­mum gilt für alle Men­schen gleich in Deutschland

Wieb­ke Judith, recht­po­li­ti­sche Spre­che­rin von PRO ASYL, kom­men­tiert das Urteil: „Mit sei­nem heu­ti­gen Urteil stär­ken die Ver­fas­sungs­rich­ter und ‑rich­te­rin­nen ihre bis­he­ri­ge Recht­spre­chung und stel­len fest: Die Men­schen­wür­de gilt für alle Men­schen gleich in Deutsch­land. Migra­ti­ons­po­li­tisch moti­vier­ten Kür­zun­gen im Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz und Kür­zun­gen ohne Fak­ten­ba­sis wird eine kla­re Absa­ge erteilt. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ist somit erneut ein wich­ti­ges Kor­rek­tiv, um ein men­schen­wür­di­ges Leben für schutz­su­chen­de Men­schen in Deutsch­land zu garantieren.“

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hält für aktu­el­le Debat­ten höchst rele­vant fest: „Migra­ti­ons­po­li­ti­sche Erwä­gun­gen, Anrei­ze für Wan­de­rungs­be­we­gun­gen durch ein im inter­na­tio­na­len Ver­gleich even­tu­ell hohes Leis­tungs­ni­veau zu ver­mei­den, kön­nen von vorn­her­ein kein Absen­ken des Leis­tungs­stan­dards unter das phy­si­sche und sozio­kul­tu­rel­le Exis­tenz­mi­ni­mum recht­fer­ti­gen. Die in Art. 1 Abs. 1 GG garan­tier­te Men­schen­wür­de ist migra­ti­ons­po­li­tisch nicht zu rela­ti­vie­ren.“ (Rn. 56)

Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz abschaf­fen – Bür­ger­geld für Geflüchtete

Das Urteil stärkt zudem die Kritiker*innen des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes, die seit Jah­ren die Abschaf­fung die­ses dis­kri­mi­nie­ren­den Geset­zes for­dern. „Das Urteil aus Karls­ru­he ist auch ein Arbeits­auf­trag für die Ampel-Regie­rung, end­lich den Miss­stän­den bei der Ver­sor­gung von Asyl­su­chen­den ein Ende zu set­zen. Kon­se­quent ist ein­zig und allein die Abschaf­fung des dis­kri­mi­nie­ren­den Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes und die Ein­be­zie­hung aller Geflüch­te­ten ins Bür­ger­geld“, sagt Wieb­ke Judith. Schließ­lich hat­te die Ampel in ihrem Koali­ti­ons­ver­trag eine Über­ar­bei­tung des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes „im Lich­te der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts“ ver­spro­chen. Geän­dert wur­de bis­lang jedoch nichts.

„Das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz ver­stößt gegen die Ver­fas­sungs­grund­sät­ze der Men­schen­wür­de, des Sozi­al­staats­prin­zips und des Gleich­heits­ge­bots, gegen die UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on und das Men­schen­recht auf Gesund­heit. Die dis­kri­mi­nie­ren­den Sach­leis­tun­gen und die Mini­mal­me­di­zin sind dabei auch noch nach­weis­lich teu­rer als regu­lä­re Sozi­al­leis­tun­gen“, sagt Georg Clas­sen, vom Flücht­lings­rat Ber­lin, der erst vor weni­gen Tagen im Novem­ber 2022 gemein­sam mit PRO ASYL eine umfas­sen­de Ana­ly­se des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes ver­öf­fent­licht hat. Und ergänzt: „Arbeits­ver­bo­te füh­ren häu­fig dazu, dass Geflüch­te­te über­haupt auf Sozi­al­leis­tun­gen ange­wie­sen sind. Das gegen­über der Sozi­al­hil­fe bezie­hungs­wei­se Hartz IV abge­senk­te Leis­tungs­ni­veau des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes, die Sank­tio­nen mit Kür­zun­gen um mehr als 50 Pro­zent und der nicht über­prüf­ba­re Maß­stab für Sach­leis­tun­gen in Sam­mel­la­gern füh­ren in der Pra­xis zu will­kür­li­chen, gera­de­zu belie­bi­gen Ein­schrän­kun­gen des Leistungsniveaus.“

Urteil: Poli­ti­scher Kom­pro­miss darf nicht zu sach­lich nicht begründ­ba­ren Ergeb­nis­sen führen

Zum Hin­ter­grund der heu­ti­gen Ent­schei­dung: Seit Sep­tem­ber 2019 erhal­ten allein­ste­hen­de und allein­er­zie­hen­de Geflüch­te­te um zehn Pro­zent gekürz­te Leis­tun­gen nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz, wenn sie in einer Sam­mel­un­ter­kunft woh­nen. Begrün­det wird die Kür­zung damit, dass die Geflüch­te­ten in Gemein­schafts­un­ter­künf­ten „als Schick­sals­ge­mein­schaft“ wie Ehepartner*innen „aus einem Topf“ zusam­men wirt­schaf­ten und dadurch Geld spa­ren wür­den (Bun­des­tags­druck­sa­che 19/10052 S. 24).

Hier­zu hält das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt fest:

„Auch ein poli­tisch aus­ge­han­del­ter Kom­pro­miss darf nicht zu sach­lich nicht begründ­ba­ren Ergeb­nis­sen füh­ren. Schlicht gegrif­fe­ne Zah­len genü­gen eben­so wenig wie Schät­zun­gen ins Blaue hin­ein den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen, wenn sie nicht wenigs­tens im Ergeb­nis nach­voll­zo­gen wer­den kön­nen.“ (Rn. 59)

„Die pau­scha­le Absen­kung nach § 2 Abs. 1 Satz 4 Nr. 1 Asyl­bLG stützt sich nicht auf hin­rei­chend trag­fä­hi­ge Erkennt­nis­se dazu, dass Bedar­fe durch Ver­hal­ten der Betrof­fe­nen in die­sem Umfang tat­säch­lich ver­rin­gert wer­den kön­nen. Hier genügt die Annah­me, die Betrof­fe­nen bil­de­ten eine „Schick­sals­ge­mein­schaft“ (BTDrucks 19/10052, S. 24), nicht. Auch die Annah­me, dass eine Oblie­gen­heit, gemein­sam zu wirt­schaf­ten, tat­säch­lich erfüllt und dadurch Ein­spa­run­gen in ent­spre­chen­der Höhe erzielt wer­den könn­ten (vgl. BTDrucks 19/10052, S. 24), ist nicht durch empi­ri­sche Erkennt­nis­se belegt. Ent­spre­chen­de Unter­su­chun­gen lie­gen auch drei Jah­re nach Inkraft­tre­ten der Rege­lung nicht vor.“ (Rn. 89)

PRO ASYL unter­stütz­te die Klage

Ange­ru­fen wur­de das höchs­te deut­sche Gericht vom Sozi­al­ge­richt Düs­sel­dorf, das die Rege­lung für ver­fas­sungs­wid­rig hielt. Geklagt hat­te ein gedul­de­ter Mann aus Sri Lan­ka, der in einer Gemein­schafts­un­ter­kunft lebt, PRO ASYL hat das Ver­fah­ren unter­stützt. Rechts­an­wäl­tin in dem Ver­fah­ren ist die aus­ge­wie­se­ne Sozi­al­recht­le­rin Eva Stef­fen, die bereits 2012 erfolg­reich gegen das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz geklagt und vom Ver­fas­sungs­ge­richt Recht bekom­men hatte.

Dass die zehn­pro­zen­ti­ge Leis­tungs­kür­zung nun vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt gekippt wur­de, über­rascht nicht. Zahl­rei­che Fach­or­ga­ni­sa­tio­nen hat­ten in dem Ver­fah­ren beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kri­ti­sche Stel­lung­nah­men abge­ge­ben. Für PRO ASYL hat Rechts­an­walt und Sozi­al­rechts­ex­per­te Vol­ker Ger­loff in sei­ner Stel­lung­nah­me erläu­tert, dass die fik­ti­ve „Zwangs­ver­part­ne­rung“ durch den Gesetz­ge­ber jeder sach­li­chen und empi­ri­schen Grund­la­ge entbehrt.

Mit der heu­ti­gen Ent­schei­dung wur­de das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz nicht zum ers­ten Mal vom Ver­fas­sungs­ge­richt kor­ri­giert. Schon 2012 hat­te das höchs­te deut­sche Gericht jah­re­lan­gen Leis­tungs­kür­zun­gen durch das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz in einem weg­wei­sen­den Urteil ein vor­läu­fi­ges Ende gesetzt. Die heu­te gekipp­te Rege­lung ist nicht die ein­zi­ge im Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz, die offen­kun­dig ver­fas­sungs­wid­rig erscheint. In Karls­ru­he ist ein wei­te­res Ver­fah­ren anhän­gig, dies­mal zur Ermitt­lung der Höhe der Leis­tungs­sät­ze nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz (Az 1 BvL 5/21).

Für die Praxis:
Das Gericht ver­füg­te mit sei­nem heu­ti­gen Urteil die Gewäh­rung unge­kürz­ter Leis­tun­gen nach Regel­be­darfs­stu­fe 1 ab sofort. Dies gilt auch rück­wir­kend, soweit gegen ent­spre­chen­de Kür­zun­gen noch frist­ge­mäß Wider­spruch oder Kla­ge ein­ge­legt wird oder wur­de. Das Urteil bezieht sich for­mal nur auf Ana­log­leis­tun­gen nach § 2 Asyl­bLG, ist aber nach recht­li­cher Ein­schät­zung von PRO ASYL und dem Ber­li­ner Flücht­lings­rat auf die noch gerin­ge­ren, eben­falls um zehn Pro­zent gekürz­ten Leis­tun­gen nach §§ 3/3a Asyl­bLG für Allein­ste­hen­de in Sam­mel­un­ter­künf­ten über­trag­bar, gegen die daher jetzt eben­falls Wider­spruch und Kla­ge ein­ge­legt wer­den sollte.

Kon­takt für Presseanfragen:
Wieb­ke Judith, PRO ASYL: presse@proasyl.de, 069/24 23 14–30
Georg Clas­sen, Flücht­lings­rat Ber­lin: georg.classen@gmx.net
Eva Stef­fen, Rechts­an­wäl­tin: 0571/388 566 16

Die Ana­ly­se der Regel­sät­ze nach Asyl­bLG und SGB II/XII kann per E‑Mail mit Betreff „Asyl­bLG Bro­schü­re“ bei buero@fluechtlingsrat-berlin.de bestellt wer­den. Wir bit­ten um 3 Euro für Por­to und Ver­sand an Flücht­lings­rat Ber­lin, IBAN DE66 1002 0500 0003 2603 03, Zweck „Asyl­bLG Bro­schü­re“. Bit­te der Bestel­lung eine Kopie des Über­wei­sungs­be­legs beifügen.

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