06.05.2022

Anläss­lich des heu­ti­gen Urteils des Amts­ge­richts Tier­gar­ten gegen den Poli­zis­ten Ste­fan K. und zwei Mit­an­ge­klag­te wegen eines gewalt­tä­ti­gen Angriffs auf den Afgha­nen Jamil Ama­di for­dern ver­schie­de­ne Orga­ni­sa­tio­nen die Rück­ho­lung und Ent­schä­di­gung des Opfers aus Afgha­ni­stan, dis­zi­pli­nar­recht­li­che Kon­se­quen­zen für den Haupt­tä­ter Ste­fan K. sowie einen bes­se­ren Schutz für Opfer von Hasskriminalität.

Auf dem Heim­weg von einem Fuß­ball­spiel von Uni­on Ber­lin im April 2017 gin­gen drei Män­ner am Ber­li­ner S‑Bahnhof Karls­horst auf den Asyl­su­chen­den Jamil Ama­di* los und ver­letz­ten ihn schwer. Jamil Ama­di ist seit dem Über­fall traumatisiert.
Einer der Täter ist der Poli­zist Ste­fan K., der an die­sem Abend nicht im Dienst, son­dern pri­vat unter­wegs war. Ste­fan K. war bis 2016 bei der Ber­li­ner Poli­zei aus­ge­rech­net in der Ermitt­lungs­grup­pe Rechts­ex­tre­mis­mus (EG Rex) ein­ge­setzt. Die­se Son­der­ein­heit der Ber­li­ner Poli­zei war für die Ermitt­lung der bis heu­te nicht auf­ge­klär­ten rechts­ter­ro­ris­ti­schen Anschlag­se­rie in Neu­kölln zuständig.

Obwohl das Straf­ver­fah­ren gegen die Täter noch nicht abge­schlos­sen war, ließ der dama­li­ge Innen­se­na­tor Andre­as Gei­sel den gesund­heit­lich stark ange­schla­ge­nen Jamil Ama­di im März 2020 nach Afgha­ni­stan abschie­ben – zu einer Zeit, in der wegen der Coro­na-Pan­de­mie der Flug­ver­kehr stark ein­ge­schränkt war und die Aus­wir­kun­gen der Pan­de­mie in dem Land noch nicht abseh­bar waren.

Fünf Jah­re nach der Tat und coro­nabe­ding­ter Ver­hand­lungs­pau­se wur­de der Straf­pro­zess gegen Ste­fan K. und sei­ne Mit­tä­ter am Amts­ge­richt Tier­gar­ten fort­ge­setzt und heu­te das Urteil bekannt gegeben.

Das Gericht bestä­tig­te die ras­sis­ti­sche Moti­va­ti­on des Über­griffs und ver­ur­teil­te die Täter zu einer Geld­stra­fe von 120 Tages­sät­zen à 80 Euro bzw. einer Frei­heits­stra­fe von 6 Mona­ten auf 3 Jah­re Bewäh­rung für einen der Mittäter.

PRO ASYL, ReachOut, KOP und der Flücht­lings­rat Ber­lin zei­gen sich tief ent­täuscht über die Mil­de des Urteils.

„Es ist ein Skan­dal, dass Jamil Ama­dis Leben zer­stört wur­de und die Täter nicht ange­mes­sen zur Rechen­schaft gezo­gen wer­den, obwohl das ras­sis­ti­sche Tat­mo­tiv gericht­lich aner­kannt wur­de“, sagt Samiu­l­lah Hadi­za­da vom Flücht­lings­rat Berlin.
„Auch wenn die Täter nun bestraft wer­den, bringt es Jamil Ama­di nicht zurück nach Ber­lin“, so Hadi­za­da wei­ter und for­dert sofor­ti­ge Bemü­hun­gen, Ama­di aus Afgha­ni­stan zurück nach Deutsch­land zu holen.

„Die Ber­li­ner Innen­se­na­to­rin Iris Spran­ger muss jetzt den Feh­ler ihres Vor­gän­gers kor­ri­gie­ren und durch eine Rück­ho­lung von Jamil Ama­di ein kla­res Signal gegen Hass­kri­mi­na­li­tät und für den Opfer­schutz sen­den“, ergänzt Bip­lab Basu von der Kam­pa­gne für Opfer ras­sis­ti­scher Poli­zei­ge­walt (KOP).

„Wer in Deutsch­land Opfer von Hass­kri­mi­na­li­tät wird, muss ein sofor­ti­ges Blei­be­recht erhal­ten. Die Betrof­fe­nen im Lau­fe eines Gerichts­ver­fah­rens gegen ihre Pei­ni­ger abzu­schie­ben, scha­det der Auf­klä­rung des Vor­falls und lässt die see­li­schen und kör­per­li­chen Wun­den außer Acht, die sol­che Gewalt­ta­ten bei den Men­schen anrich­ten“, mahnt Gün­ter Burk­hardt, Geschäfts­füh­rer von PRO ASYL.

Die Kam­pa­gne für Opfer ras­sis­ti­scher Poli­zei­ge­walt (KOP), ReachOut, PRO ASYL und der Flücht­lings­rat Ber­lin stel­len fol­gen­de Forderungen:

  • Jamil Ama­di muss umge­hend aus Afgha­ni­stan nach Ber­lin geholt wer­den. Wir ver­ur­tei­len die Ent­schei­dung des Ber­li­ner Innen­se­na­tors Gei­sel, der die Abschie­bung von Jamil Ama­di im März 2020 zu ver­ant­wor­ten hat.
  • Der Ber­li­ner Senat, der Ama­di als Opfer ras­sis­ti­scher Hass­kri­mi­na­li­tät wäh­rend einer glo­ba­len Pan­de­mie nach Afgha­ni­stan abge­scho­ben hat, muss Ver­ant­wor­tung über­neh­men und ihm ein Blei­be­recht erteilen.
  • Alle Opfer ras­sis­ti­scher Gewalt brau­chen ein gene­rel­les Bleiberecht.

Ste­fan K. hat das durch die mas­si­ven Ermitt­lungs­feh­ler bei der Auf­klä­rung des Neu­kölln Kom­ple­xes ohne­hin schwer erschüt­ter­te öffent­li­che Ver­trau­en in die Poli­zei zusätz­lich beschä­digt. Das mil­de Urteil trägt nicht dazu bei, die­ses wie­der­her­zu­stel­len. Umso wich­ti­ger ist es jetzt, dass die Poli­zei­prä­si­den­tin dis­zi­pli­nar­recht­li­che Kon­se­quen­zen gegen Ste­fan K. zieht. 

Pres­se­kon­tak­te

ReachOut/Kampagne für Opfer ras­sis­ti­scher Poli­zei­ge­walt (KOP): Bip­lab Basu, Tel. 0179/ 5441790, biplab_basu@reachoutberlin.de

Flücht­lings­rat Ber­lin: Samiu­l­lah Hadi­za­da, Tel. 0152/ 5303 2349, hadizada@fluechtlingsrat-berlin.de

PRO ASYL: Tel. 069 / 24231430, presse@proasyl.de

* Name geändert

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