10.08.2021

Gemein­sam mit zivil­ge­sell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen aus dem Bereich der Men­schen­rech­te, der Ent­wick­lungs­po­li­tik, der Wohl­fahrt, Asyl und Flucht sowie Rich­ter- und Anwalts­ver­ei­ni­gun­gen for­dert PRO ASYL die Bun­des­re­gie­rung auf, gel­ten­des Recht zu ach­ten und Abschie­bun­gen mit dem Ziel Kabul aus­zu­set­zen. Einen ent­spre­chen­den Auf­ruf haben 26 Orga­ni­sa­tio­nen unterzeichnet. 

„In der Afgha­ni­stan-Poli­tik fin­det ein unwür­di­ges Ping­pong-Spiel zwi­schen Bund und Län­dern auf dem Rücken vie­ler bedroh­ter Men­schen statt – und kei­ner tut das Nahe­lie­gen­de, näm­lich die Abschie­bun­gen end­lich zu stop­pen, wie es bereits ande­re euro­päi­sche Län­der getan haben“, kom­men­tiert Gün­ter Burk­hardt, Geschäfts­füh­rer von PRO ASYL, die Lage. In der ver­gan­ge­nen Woche wur­de ein Abschie­be­flug nach Afgha­ni­stan in letz­ter Minu­te abge­sagt, nun soll er laut BMI „zeit­nah“ nach­ge­holt wer­den. „Huma­ni­tät und Men­schen­rech­te müs­sen auch in Wahl­kampf­zei­ten zäh­len“, for­dert Gün­ter Burk­hardt mit Blick auf die Ver­ant­wort­li­chen in Bund und Ländern.

Die Tali­ban gewin­nen täg­lich an Boden, am Wochen­en­de haben sie Kun­dus erobert. Die Mehr­heit der afgha­ni­schen Distrik­te befin­det sich bereits unter der Kon­trol­le der Isla­mis­ten. Trotz­dem wird in Deutsch­land wei­ter­hin an Abschie­bun­gen in das Kriegs­land fest­ge­hal­ten, wie auch der bekannt gewor­de­ne Brief des deut­schen Innen­mi­nis­ters Horst See­hofer mit vier Amtskolleg*innen an die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on zeigt. „Ange­sichts des Vor­marschs der Tali­ban ist der Brief von Innen­mi­nis­ter See­hofer an die Kom­mis­si­on an Dreis­tig­keit nicht zu über­bie­ten. Die afgha­ni­sche Regie­rung wird von den euro­päi­schen Län­dern kom­plett im Stich gelas­sen“, kri­ti­siert Gün­ter Burkhardt.

Der Aufruf

Keine Abschiebungen nach Afghanistan!

In Afgha­ni­stan ver­geht kaum ein Tag ohne Anschlag. Seit dem Abzug der NATO-Trup­pen sind die Tali­ban auf dem Vor­marsch: über die Hälf­te der Bezir­ke in Afgha­ni­stan steht schon unter Kon­trol­le der Tali­ban. Die drit­te Wel­le der Covid-19-Pan­de­mie ver­schärft die huma­ni­tä­re Situa­ti­on im Land zusätz­lich. Die Lage am Hin­du­kusch ist dra­ma­tisch und wird sich aller Vor­aus­sicht nach wei­ter verschlechtern.

Ein Stopp aller Abschie­bun­gen nach Afgha­ni­stan ist vor die­sem Hin­ter­grund drin­gend geboten.

Die afgha­ni­sche Regie­rung hat bereits im Juli die euro­päi­schen Staa­ten auf­ge­for­dert, vor­läu­fig kei­ne Abschie­bun­gen mehr durch­zu­füh­ren. Nor­we­gen, Finn­land und Schwe­den sind die­ser Auf­for­de­rung nach­ge­kom­men. Auch die Grenz­schutz­agen­tur Fron­tex hat Anfang August bekannt­ge­ge­ben, kei­ne Abschie­bun­gen nach Afgha­ni­stan mehr unter­stüt­zen zu wol­len. Zudem hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te in einer Eil­ent­schei­dung am 2. August eine Abschie­bung aus Öster­reich nach Kabul, die ursprüng­lich gemein­sam mit Deutsch­land statt­fin­den soll­te, mit Ver­weis auf die dor­ti­ge Sicher­heits­la­ge gestoppt.

Auch Deutsch­land darf die Augen vor der sich immer wei­ter ver­schlech­tern­den Lage in Afgha­ni­stan nicht ver­schlie­ßen und muss alle Abschie­bun­gen einstellen. 

Rechts­staat heißt, dass men­schen­recht­li­che Prin­zi­pi­en ein­ge­hal­ten wer­den. Sie dür­fen auch nicht in einem Wahl­kampf zur Ver­hand­lung gestellt wer­den. Das völ­ker­recht­li­che Nicht-Zurück­wei­sungs­ge­bot, das aus dem abso­lu­ten Fol­ter­ver­bot abge­lei­tet wird und das Abschie­bun­gen bei zu erwar­ten­den schwers­ten Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ver­bie­tet, gehört hier­zu. Die­ses Abschie­bungs­ver­bot gilt unab­hän­gig von indi­vi­du­el­lem Verhalten.

 

Der Aufruf wurde unterzeichnet von:

AG Migra­ti­ons­recht im Deut­schen Anwaltverein

Akti­on der Chris­ten für die Abschaf­fung der Fol­ter (ACAT-Deutsch­land)

Akti­ons­ge­mein­schaft Dienst für den Frie­den (AGDF)

Amnes­ty International

AWO Bun­des­ver­band

Brot für die Welt

Bun­des­wei­te Arbeits­ge­mein­schaft Psy­cho­so­zia­ler Zen­tren für Flücht­lin­ge und Fol­ter­op­fer – BAfF e.V.

Bun­des­wei­tes Bünd­nis gegen Abschie­bun­gen nach Afghanistan

Deut­scher Caritasverband

Dia­ko­nie Deutschland

Jesui­ten-Flücht­lings­dienst Deutschland

KOK – Bun­des­wei­ter Koor­di­nie­rungs­kreis gegen Men­schen­han­del e.V.

Komi­tee für Grund­rech­te und Demo­kra­tie e.V.

Lan­des­flücht­lings­rä­te

medi­ca mon­dia­le e.V.

med­i­co international

MISEREOR

Neue Rich­ter­ver­ei­ni­gung e.V.

Nürn­ber­ger Men­schen­rechts­zen­trum e.V.

Oxfam Deutsch­land

PRO ASYL

Repu­bli­ka­ni­scher Anwäl­tin­nen – und Anwäl­te­ver­ein e.V. (RAV)

See­brü­cke

terre des hom­mes Deutsch­land e.V.

Women’s Inter­na­tio­nal League for Peace and Free­dom (WILPF)

YAAR e.V.

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