24.10.2014
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Anhand zweier Gemeinden im Landkreis Harburg, beschreibt der Dokumentarfilm die kleinen und großen Konflikte bei der Unterbringung von Asylsuchenden.

Im Interview mit PRO ASYL spricht Hauke Wendler – Autor des preisgekrönten Dokumentarfilms „Wadim“ – über den neuen Film: „Willkommen auf Deutsch“, der am 28. Oktober seine Premiere beim Leipziger Dokumentarfilmfest hat. Der Film soll Flüchtlingsinitiativen dabei unterstützen, eine breite Debatte über Willkommenskultur anzustoßen.

Das Thema Flüchtlingsaufnahme wird in Deutschland intensiv diskutiert. Letzten Sommer haben in Berlin-Hellersdorf Rechtsextreme versucht, eine Flüchtlingsunterkunft zu verhindern. Nach den Ereignissen dort habt Ihr mit der Arbeit an „Willkommen auf Deutsch“ begonnen.  Was ist Eure Idee bei diesem Film?

Die öffentliche Debatte läuft ja immer in Richtung Angst. Wir halten es für wichtig, das Thema aus diesen Rastern von „Es ist zu viel“ und „Wir können das nicht bewältigen“ herauszuholen. Mit dem neuen Film wollen wir auch fragen: Wie verhält sich jeder Einzelne von uns gegenüber Asylbewerbern und Flüchtlingen? Und was kann sich auch entwickeln, wenn die Bürger eines Ortes plötzlich auf Menschen treffen, die von woanders her kommen, eine andere Sprache sprechen, ganz andere Erfahrungen mitbringen.

Ihr habt zum Beispiel mit einer tschetschenischen Flüchtlingsfamilie gedreht. Die älteste Tochter entgeht nur knapp einer Abschiebung. Welche Rolle spielen Flüchtlingsschicksale in Eurem Film?

In den letzten zehn Jahren haben sich unsere Filme sehr stark mit der Situation der Flüchtlinge vor, während und nach der Flucht auseinandergesetzt. Wir hatten die Hoffnung, damit vermitteln zu können, dass Flüchtlinge ihre Länder nicht freiwillig verlassen, dass sie in Not sind und unserer Hilfe brauchen. Mit „Willkommen auf Deutsch“ versuchen wir, einen anderen Weg zu gehen. Natürlich begleiten wir auch Flüchtlinge, die hier angekommen, zeigen ihre Nöte und Bedürfnisse. Aber es ging uns bei dem neuen Film ganz stark darum, den Umgang der deutschen Bevölkerung mit Asylbewerbern zu hinterfragen.

Warum habt Ihr Euch den Landkreis Harburg für den Film ausgesucht, genauer die beiden Dörfer Appel und Tespe?

Das sind zwei gut situierte, deutsche Gemeinden, die pars pro toto für die westdeutsche Mehrheitsgesellschaft stehen. Auch da war es uns wichtig, mit dem Vorurteil Schluss zu machen, dass es nur im Osten Probleme im Umgang mit Asylbewerbern gibt.

Wie derzeit in vielen Kommunen ist es auch in diesen beiden Dörfern so, dass ein Mitarbeiter des Landkreises dort Unterkünfte für Asylsuchende sucht …

Der Leiter des Fachbereiches Soziales bemüht sich dort redlich, die Menschen vernünftig unterzubringen und die sozialen Probleme, die damit einhergehen, in Griff zu bekommen. Da wird zum Beispiel ein Internationales Café unterstützt. Aber diese Bestrebungen laufen natürlich gegen die Wand, wenn man gleichzeitig die Leute abschiebt. Dieser Widerspruch spiegelt sich auch in dem Titel des Films „Willkommen auf Deutsch“. Es ist eben nur ein Willkommen auf Deutsch und keine klare, offene Willkommenskultur.

Oder sogar ein Signal der Ausgrenzung. Schließlich porträtiert der Film eine Bürgerinitiative in Appel, die eine Flüchtlingsunterkunft zunächst verhindert.

Wir haben von vornherein gesagt, dass wir bei diesem Film stärker die Grautöne zwischen den verschiedenen Seiten herausarbeiten möchten. Unserer Meinung nach geht es gerade jetzt darum, nicht zu polarisieren, sondern Menschen ins Gespräch zu bringen. Wenn in einem Ort mit 415 Einwohnern und keinerlei Infrastruktur 53 Asylbewerber untergebracht werden sollen, kann ich verstehen, dass die Einwohner dort Sorgen haben. Auf der anderen Seite kann ich auch nachvollziehen, dass die Verwaltung jede Chance nutzt, etwas Besseres zu finden als ein Zelt oder eine Turnhalle. Und das fand ich bei den Dreharbeiten sehr eindrucksvoll, dass dieses Dorf am Ende seinen Umgang mit den Asylbewerbern findet. Das ist auch ein positives Signal dafür, dass es mehr gibt, als diese schreckliche „Das Boot ist voll“-Debatte. 

Wie kann Euer Dokumentarfilm zu einer besseren Willkommenskultur beitragen?

Wir haben so viele Filme über Flüchtlinge gemacht, die in ausweglosen, traurigen, schlimmsten Situationen waren. Der neue Film zeigt auch die positiven Momente. Da kann ich als Zuschauer auch miterleben, wie Bürger ganz offen auf Asylbewerber zugehen, nicht in einem Verhältnis von reiner Barmherzigkeit, sondern mit Respekt und ehrlichem Interesse. Und dann lässt sich auch Einiges bewegen. Es ist doch fatal und ignorant, wenn man so tut, als könne man Migrations- und Fluchtbewegungen im 21. Jahrhundert mit Repression und harschen Gesetzen aufhalten. Wenn es weltweit 51 Millionen Flüchtlinge gibt, kann ich mich doch nicht über die 200.000 beklagen, die in Deutschland in diesem Jahr einen Asylantrag stellen werden. Deutschland darf nicht länger so tun, als wäre es kein Einwanderungsland. Das ist für mich eine der Antworten aus 10 Jahren Filmarbeit: Die Gesellschaft und vor allem die Politik muss sich diesem Thema endlich stellen.

Was ist dein persönliches Interesse am Flüchtlingsthema?

Ich beschäftige mich seit Ende der 80er-, Anfang der 90-er Jahre damit. Die Ereignisse in Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen haben mich damals sehr geprägt und ich habe danach immer wieder zum Themenkomplex Flucht und Migration gearbeitet. Auch weil sich bei diesem Thema die Auswirkungen einer globalisierten Welt, das extreme Gegeneinander von Arm und Reich so krass zeigen. Ich finde es als Journalist und Filmemacher einfach spannend, mich damit auseinanderzusetzen.

Mit „Willkommen auf Deutsch“ wollt Ihr auch eine breite Diskussion anregen, das gehörte von Anfang an mit zum Projekt. Magst du verraten, wie Ihr das schaffen wollt?

Zum Kinostart Anfang 2015 wollen wir, gemeinsam mit vielen bundesweit aktiven Verbänden, Stiftungen und NGOs, eine Kampagne hinbekommen, bei der wir lokalen und regionalen Gruppen und Initiativen die Möglichkeit bieten wollen, den Film für Ihre Zwecke zu nutzen. Wir sorgen dafür, dass der Film in ein lokales Kino kommt und die betreffenden Gruppen können dazu im Kino Podiumsdiskussionen oder auch Streitgespräche organisieren. Das ist die Idee, für die wir gerade Unterstützer suchen. Unsere Hoffnung wäre, dass „Willkommen auf Deutsch“ dazu beiträgt, weiter zu diesem Thema ins Gespräch zu kommen, dass er Menschen dazu anregt, aufeinander zuzugehen. Denn so ein Film kann letztlich ja auch Leute ins Kino locken, die sich sonst nicht dem Thema beschäftigen.

„Willkommen auf Deutsch“ – Dokumentarfilm von Carsten Rau und Hauke Wendler, Produktion: PIER 53, Verleih: Brown Sugar Films. Trailer >>>

Es gibt die Möglichkeit zum Kinostart Diskussionen zum Thema Flucht und Migration anzuregen, von lokalen Gruppen und Initiativen getragen, mit geringem Aufwand an Zeit und Geld. Hier findet Ihr Details dazu, wie Ihr Euch vor Ort beteiligen könnt. >>>